Dienstag, 6. Juni 2017



Ich sitze am Fenster und die Füße baumeln im Regen. Dritter Stock. Wenn man wollte, könnte man mich springen glauben. Aber ich springe nicht. Bin bisher immer nur weit und hoch aber niemals hinab oder irgendwo hinaus gesprungen.

Weitsprung, Hochsprung, Landesmeisterschaften. Lauf! Spring! Und ich träume immer wieder, dass mir die Schuhe fehlen. Die richtigen Schuhe, die zum Laufen und Springen, diese mit den Spikes in der Sohle. Siegerschuhe eben. Die kauft man nicht in Polen oder in der Tschechoslowakei. Die gab es noch, als ich diese Schuhe brauchte. Also nicht die aus Polen oder der Tschechoslowakei. Aber die Tschechoslowakei gab es noch. Und vielleicht deswegen träume ich noch heute von diesen Schuhen, die ich nie hatte, und von diesem Metallschrank, in dem solche Schuhe waren. Aber nicht meine. Irgendwelche. Fremde. Lauf! Spring! Und das in diesen Schuhen, die keine Siegerschuhe waren.

Die Füße baumeln im Regen und ich ertappe mich dabei, wie ich denke und nicht esse. Das Essen des Denkens wegen vergessen. Und auch keine Lust empfinden. Lust auf Essen. Für irgendetwas in mir wird es gut sein. Das Denken. Irgendein Teil in mir ernährt sich davon, wächst und gedeiht. Oder eben nicht. Das Denken geht ohne Anstrengung. Essen muss gemacht werden. Ich habe keine Lust. Keine Lust den Kühlschrank zu öffnen. Keine Lust Salat zu schneiden. Keine Lust vom Teller Dinge mit der Gabel zu nehmen und zum Mund zu führen. Keine Kau- und Schlucklust.

Die Füße im Regen.

Ich denke an Handlungen, an Fähigkeiten, an Räume und Nichträume und die, die diese beschreiben. Wer beschreibt mir meine Räume? Handlungsräume, Freiräume, Bewegungsräume. Räume, an deren Wände ich stoße, gedanklich anecke oder mich gezwungen meine, die Glaubensrichtung zu ändern. Zwangsräume, Rangzäune.

Und dann. Diese Landesmeisterschaften. Lauf! Spring! Zieh durch! Siegerin auch ohne diese Schuhe mit den Spikes. Siegerin, Beste, Schnellste, Weiteste … Macht doch nichts! Wenn keiner mehr applaudiert. Macht doch nichts, dass niemand etwas anderes erwartet hat! 

Mein Denken bestätigt meine Regeln. Landesdenkmeisterschaften.

Die Zurückhaltetechnik in allen Belangen. Dann kommst du niemanden zuvor. Dann nimmst du niemanden den Raum. Dann ist es nicht klar, dass es immer schon klar war. Nicht anders erwartet!

Mensch. Auch einmal unerwartet sein. In der Leistung.

Die Füße baumeln im Regen aus dem Fenster.


Und doch ist die Denkleistung erbracht. Liegt der Schirm tropfnass in der Badewanne, aktualisiert sich das Inhaltsverzeichnis automatisch und stetig. Bei jedem neu dazu gefügten Wort, jeder Silbe, jedem Buchstaben. Bei jeder Denkverweigerung knurrt mir der Magen.
 

Dienstag, 30. Mai 2017

Während du die Prominenz meiner Wirbelreihe entlang balancierst, achte ich sehr genau auf den Abstand zwischen uns. Das Gespür für die Zentimeter versuche ich seit Tagen aufrecht zu halten. Es dürfen keine Millimeter werden, sagen die, die immer etwas zu sagen haben. Denn Millimeterabstand birgt die Gefahr der Kollision. Birgt sie nicht nur, sondern unterfüttert sie, gibt ihr Halt und Raum und Rahmen. Millimeterabstand ist die Kollision, zischt es durch die Hohlräume meiner Zahnreihen.

Die Wände der Wohnung habe ich mehrschichtig mit Styroporplatten ausgepolstert. Die Platten habe ich im Fluss treiben sehen. Ich sah sie und rannte los, die Netze zu spannen. Wie früher als Kind, die Senke in den Bach, die kleinsten Fische zu sieben, spannte ich die Netze aus dicken Leinenstricken, warf sie die Brücke hinunter und fischte die Styroporplatten aus dem Fluss. Zum Trocknen hatte ich sie mit einer Leine durch den Hof gespannt. Die Nachbarn lugten durch ihre Fensterlöcher und scharrten wie Hühner an den Gardinen. Die Platten baumelten im Wind. Den Flussgeruch konnte der Wind nicht aus den Platten treiben. Der treibt jetzt von den Wänden durch meine Wohnung. Besser Fluss als totes Tier, denke ich. Kollisionskurs. Eines immer gegen das andere. Abwägen. Wer mag. Und auch: wer nicht mag.

Durch das Dickicht duckst du dich auf Millimeterabstand heran.

Immer nur mitsingen, mitbrüllen, mitflennen. Ich versuche uns einander auf Abstand aber doch auf denselben Wegen zu halten.

Die Küche ist leer. Alles Verwertbare habe ich verwertet. Alles, was nicht gut für mich ist, alles, was keim- und sonstig schadstoffbelastet ist, habe ich durch die Fenster den Nachbarhühnern zum Fraß hingeworfen. Wie sie gescharrt haben, während ich eine Tüte nach der anderen aus dem Fenster schmiss. Erst die Nudeltüten, dann den Reis, die angerissene Tüte Mehl, die letzte Milchpackung, zwei Scheiben Käse, die an den Rändern schon verhärtet waren, den Honig aus Lindenblüten, die Paprikaschoten und die Kamillenteebeutel. Alles was da ist, muss raus, zischte es durch meine Zahnlücken, den Gaumen entlang, die Nebenhöhlen suchend, den Gehörgang findend.

Zisch. Zischelezisch. Alles belastet. Alles muss raus! Hier und heute! Schmeiß es raus, sonst passiert was!

Es müssen mehrere Zischler sein. Ich kann im Zischen Höhen und Tiefen unterscheiden, als höre ich einem mehrstimmigen Chor beim Einsingen zu.

Zischelezisch. Zischzisch. Zischlezisch. Schmeiß das Zeug weg, sonst passiert dir was! Zisch.

Ich höre dich. Du stehst vor meiner Wohnungstür. Du klopfst. Und ich höre dich reden. Du bist also nicht allein. Du hast jemanden mitgebracht. Du redest mit jemandem über mich. Zeigst diesem Jemand, wo ich wohne, du erzählst ihm Dinge über mich, die keiner wissen kann. Du spionierst mir nach und nun hetzt du mir noch einen dieser Verschwörer auf den Hals. Ich höre dich genau. Ich weiß, was du vorhast. Du stehst vor meiner Tür und sprichst mit diesem Jemand, der gegen mich ist, über mich. Du erzählst ihm Dinge, die nur ich wissen kann. Meine Styroporplatten quietschen, wenn ich mit den Fingern an den Wänden entlangstreife. Ich sehe mich auf dem Bildschirm, der das Bild der Überwachungskamera zeigt. Auf mich gerichtet, alles ist auf mich gerichtet, deshalb muss ich mich überwachen, meinen Körper, der bereits befallen scheint von den äußeren Einflüssen. Ich höre dich mit jemanden auf dem Flur vor meiner Tür sprechen. Dort kann nur über mich gesprochen werden. Worüber sonst ließe sich vor einer Wohnungstür reden, wenn nicht genau über diesen Menschen, der dahinter lebt. Ob man ihn kennt oder nicht, ob man ihm jemals begegnet ist oder nicht, ob man für diesen Menschen jemals ein Päckchen entgegengenommen und behalten hat oder nicht. An so einem Ort lässt sich über nichts anderes sprechen, als über diesen Menschen. Über mich sprichst du! Du führst was im Schilde.

Zischlezisch! Zisch. Schrei sie an! Sie wollen dir Böses! Zischzisch! Die planen doch etwas. Die Wände halten nicht mehr lange aus. Das Styropor stinkt nach Fluss, nicht nach totem Tier. Da hast du nochmal Glück gehabt. Schick sie weg!

Aus meinen Zahnreihen treten Stimmen hervor. Die Stimmen bilden winzige Käferkörper in meinem Mund- und Rachenraum. Ich würge. Glückskäfer, sich selbst produzierende Skarabäen. Chepre. Ich bin erwählt, ich bin von den Schöpferwesen auserwählt. Ich würge. Ich speie die Zischelstimmen in Käferform aus.

Du stinkst nach totem Tier, kreischen die Chepre mir entgegen.

Nach totem Tier! Die Wände riechen nach Fluss. Die Wohnung riecht nach Fluss. Ich bin auf einem Schiff und aus dem Fluss heraus beobachten du und dieser Jemand mich. Ihr wartet nur darauf, dass ich von Bord gehe. Ich muss mich waschen. Nach totem Tier gieren die Geier.

Du stinkst! Schreien die Chepre, die jetzt nur noch vereinzelt aus meinem Mund wie aus der Erde hervorkriechen. Wann habe ich die Muttermurmel verschluckt? Wann genau habe ich eine Kugel gegessen? Du warst das. Du hast mir beim letzten Mal dieses Stück angeboten, hast gesagt, es sei eine Schokoladenkugel! Und jetzt stehst du im Wasser vor meinem Schiff und sprichst mit diesem Jemand, sagst ihm sicher, dass die Käfer längst geschlüpft sein müssten. Deswegen seid ihr hier, deswegen! Du bist die Mistkäfermutter!

Zisch. Zisch. Zischele Zisch! Du stinkst. Du riechst nicht nach Fluss. Zisch! Zischele Zisch! Die warten auf dich. Die Aasgeier, deinen Körper wollen sie. Am liebsten tot, aber die nehmen den auch lebendig. Zisch! Wollen nicht länger warten. Warten nicht, bis du dich endlich totgemacht hast.

Mach dich tot!

Du heilige Kugeldreherin. Du hast die Pille gedreht  und gesagt, es sei Schokolade. Die Käfer hast du in mich gepflanzt. Eure Experimente könnt ihr mit einer anderen machen. Ich stinke nicht. Ich bin nicht tot. Bin nicht so dumm, wie ihr glaubt. Ihr dort vor meiner Tür, ihr, die im Wasser steht und darauf wartet, dass ich einfach so aufgebe und von Bord gehe. Könnt ihr lange warten! Ich kenne die Milchstraße und kann auch im Dunkeln navigieren.

Du und der Jemand, ihr hämmert gegen meine Wohnungstür. Ich höre euch heucheln. Ihr schreit und ruft meinen Namen, als ruft ihr einen Sicherheitscode aus, die übrigen von euch zu warnen. Ihr wollt mich täuschen. Ihr täuscht mich nicht! Ich sehe euch auf dem Bildschirm, der jetzt das Bild der außen angebrachten Kamera zeigt. Da stehst du also. Und das ist der Verschwörer neben dir. Sieht aus wie eine Schlange. Es wundert mich nicht, dass du auf die hereingefallen bist. Du armer Mensch. Ich hätte es von vornherein wissen müssen. Ich Trottel. Du Dummkopf, du Taugenichts, du falscher Mittelpunkt in der richtigen Welt. Und der, der da mit dir steht, der zischelt ja auch, kann gar nicht sprechen ohne zischeln. Holt Luft und zieht nur Gezischel hinterher.

Zisch. Zischelezisch. Lezisch! Du einziger Punkt in der falschen Welt. Hol dir die Schlange.

Ich werde mir Vögel besorgen müssen. Vielleicht wenn ich die Fenster öffne, solange offen halte, bis ausreichend Vogelgekreisch in der Wohnung sein wird. Dann werdet ihr staunen. Denn dann werdet ihr nichts mehr hören. Euer Geschrei nützt euch auch nichts. Die Abhörzellen in meinen Zähnen kannst du dir sonst wohin stecken. Waren nicht nur Käferbrutstätten in deinen Muttermistkugeln. Habe ich mir doch gleich gedacht. Du!

Zischzischzisch. ZISCH!

Ihr hört mich ab, weil ihr mich nicht aushören könnt. Seit Tagen schon. Ich sehe euch auf dem Bildschirm. Ich höre euch vor meiner Wohnungstür. Ich weiß, was ihr mir in den Mund gelegt habt, und ich schreie, damit ihr taub werdet, ihr und eure Abhörohren. Vogelstimmen sind beste Hintergrundgeräusche. Oder mit den Fingern über Styroporplatten schieben. Das schmerzt euch? Seit Tagen schon?

Mach dich tot! Zischlezisch. Die warten jetzt auch nicht mehr. Die warten nicht länger. Entweder du machst dich tot oder die machen das.

Ruhe! Seid ruhig. Mich macht keiner tot. Können die gar nicht. Ich bin schneller. Habe euch doch längst durchschaut. Ich habe die Axt und die Säge. Wie sonst hätte ich das Styropor zuschneiden können. Ich habe, was ich brauche. Und in meinen Zähnen die Abhörkanäle habe ich unterbrochen, habe mir einfach die Zähne ausgeschlagen. Blutet noch. Siehst du! Habt ihr daran nicht gedacht? Oder habt ihr mir das nicht zugetraut?

Zisch. Zisch. Zisch. Zisch.

Und, bist du nur noch einstimmig? Was ist los mit deinem Chor?

Mistkäfermutter, bleib ruhig vor meiner Tür stehen. Stehe dich da fest und den Jemand behältst du auch an deiner Seite. Die Schlange. Habt ihr nicht geglaubt, dass die Vögel hier in Scharen fliegen und euch die Ohren voll kreischen? Aber Vögel fressen Käfer.
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Ich flüchte mich.

Von der Arbeit kommend, nehme ich am Schreibtisch Platz um zu schreiben. Bericht. Erstattung der Informationen, verpackt in Wort und Schrift und Bild und Papier, verschriftlicht all das, was sich zugetragen hat, was zu erreichen gewünscht ist. Ich sitze zwischen Blättern, Büchern und Buchstabentasten. Ich flüchte.

Die Wäsche muss getan werden. Einkaufen geht immer. Ein Glas Wein nach dem Essen. Ich kehre zum Schreibtisch zurück.

Ich lese, was ich bisher zur Schrift gebracht habe. Ich zweifle. An mir. An dem, was ich schrieb, was ich sah, was ich dachte, was ich annahm, was ich wünschte, was ich plante, was ich begann, was ich sagte, was ich abschloss. Ich lese. Ich schreibe. Ich stürze abermals in Zweifel. Zu wenig. Zu viel. Zu ungenau. Zu detailliert. Ich trinke einen Schluck Wein.

Musik!

Ich schließe die Bücher. Ich lege die Blätter übereinander und aus meinem Sichtbereich. Ich schreibe mich in die Flucht. Wenn ich mir eine Grube grabe, …

Der Sommer hat zugeschlagen. Die Menschen sitzen mit kühlem Weißwein auf Stühlen auf den Bürgersteigen. Ich sehe sie. Aus meinen Fenstern sehe ich sie. Sie sitzen und trinken und wissen nichts von dem, was sich als Arbeit unaufhörlich auf meinem Schreibtisch aufspielt. Spielt und türmt sich auf, als sollte ich davor einknicken. Nicht nur auf und vor meinem Schreibtisch.

Also krame ich die Blätter wieder hervor, schlage die Bücher an den markierten Stellen auf. Lese und bin unzufrieden. Ich lese und verstehe und weiß und verstehe doch nicht meine Fäden zum Gewebe zu flechten. Die Bücher. Die Notizen. Das Erlebte. Das Alltägliche. Das Große und Kleine, das Leichte und Schwere. Alles verknüpfe ich miteinander und nichts als Knoten bilden sich.

Mich selbst finden, setzt das mir selbst Begegnen voraus.

Ersteindruck. Zweiteindruck. Dritteindruck. Ab wann sagen wir, sind wir einander alte Bekannte?

Hinter den Fenstern die Menschen. Auf Bürgersteigen, an Tischen und auf Bänken. Menschen, denen ich nicht begegnen werde. Weil ich hier am Schreibtisch sitze und mich verflüchtige.  Ich löse mich auf. In Wort und Schrift löse ich mich auf. In Zweifel und Bedenken.


Erwartungen lassen sich wohl am ehesten einreißen, wenn man ihnen nicht entspricht. 

Dienstag, 16. Mai 2017

Sagst so kleine Dinge mit deinem so großen Mund. Ich stehe dir gegenüber und lausche, lausche an Wänden und Fenstern, lausche durch die geöffnete Tür, lausche durch die Worte und Sätze und Seufzer der anderen, den kleinen Dingen nach, die du sagst. So nebenher, so einfach aus deinem Mund heraus. So einfach hervor und heraus als wäre dabei nichts. Nichts dabei und nicht davor und überhaupt, als wären diese kleinen Dinge nichts. Die Dinge, denen ich so gern nachlausche, während du dein schwarzes Haar zu blonden Locken drehst. Drehst und kurbelst, als gelte dein Finger das Drehen der Welt.

Und während ich das schreibe, weil ich dieses Lauschen beschreiben möchte, vergesse ich die Pizza im Ofen. Und dass Essen nur Nahrungsaufnahme ist und nicht mehr. Das hast du mir vorgeworfen. Dass ich nicht des Genusses wegen essen kann. Und dann denke ich daran, wie andere das Essen mit Worten besticken. Worte, die mir das Essen des Genusses wegen nicht leichter machen. Ich rieche die verbrannte Pizza, die ich im Ofen vergesse, während ich hier schreibe. Ich rieche und denke an den Genuss der Worte. Und dass ich kein Essen, mit nicht schmackhaften Worten bestickt, genießen kann. Genießen werde.

Du drehst dein Haar und die Welt gerät an keinem Pol aus den Fugen. Nur das Rentier ist ohne Gehörn.  Das sagtest du. Das Rentier habe  nun gar kein Geweih mehr. Ich hörte dich das sagen und versuchte mich an ein Gespräch über Rentiere zu erinnern. Ich erinnerte mich an den Unfall vom Vortag. Schwer und mit ganztägiger Sperrung der Autobahn. War da ein Rentier verwickelt? Ich suchte nach der Verzweigung zwischen uns und dem Rentier. Geschichten bilden sich aus, schlagen Zweige in meinen Gehirnrinden.

Das Klima ist andernorts von deinem Haargedreh nicht beeinflusst. Und ich weiß, dass meine Wortwahl nicht die Wahl jedermanns ist. Wie ich keine Genussesserin bin. Niemals des Genusses wegen?

Ich stehe dir gegenüber während all des Lauschens. Die Menschen wissen selten um den Lärm, den sie ausstrahlen. Oder sie wissen es doch. Und während ich das Summen des Stroms in den Wänden höre, während ich die Worte der übrigen Lärmstrahler sortiere, während ich meine Gedanken prüfe und auf ihre Gewichtigkeit - ob das Aussprechen lohnt - abwäge, lausche ich deinen kleinen Dingen. Ich hätte mehr sagen sollen, denke ich dann manchmal abends. Doch dann denke ich auch, dass du mich fragen würdest, würdest du meine Gedanken ausgesprochen hören wollen. Ich denke, dass die Menschen fragen würden oder einen wortlosen Augenblick gäben, den anderen oder mich zur Aussprache kommen zu lassen. So viel Gerede. Ein Sprach- und Ton-, mein Befundungstraum.

Meine Defizitbefundung

Nicht Small-Talk-fähig - Kein adäquates Spruch- & Witzerepertoire  - Mangelende Aussagekraft   – bedarf aktiver Nachfrage zur Gedankenäußerung - Rückzug- und Denktendenzen - Aktives Herausnehmen/Einschränken aus/von Wahrnehmungsprozessen - Überempfindlichkeit Lärm gegenüber – Wortverliebtheit - Überschätzung der eigenen Fähigkeiten – Kritisierlustig - ….

Ressourcen

Werden zwischen Tür und Angel geheftet und wahrgenommen. Eher so nebenher. Wie das Atmen. Du weißt das.

Und diejenigen, die Geschichten lesen wollen, werden wahrscheinlich nicht bis zu dieser Zeile gelesen haben. Ich schreibe keine Geschichten. Wer weiß das denn nicht? Wer hier liest, weiß:

hier werden keine Geschichten gelesen.

Oder?

Das sieht man doch.

Oder?


Also: Es war einmal ein Rentier .... (Fortsetzung folgt)





Dienstag, 25. April 2017

Du sagtest, du könntest und wolltest nicht mehr. Das ist Monate her. Heute bin ich es, die hier sitzt und nichts kann, nichts möchte, einfach nur sitzen oder stehen oder … Ich weiß nicht einmal, ob ich sitze oder stehe, so oder so ist mir, als würde ich schlafen. Ein Schlaf-, ein Ich-Nehme-An-Der-Welt-Nicht-Teil-Zustand. Ein Ausstand! Aus der Welt, aus dem Leben, aus meinem Leben, aus mir selbst heraus gestellt. Das scheint der Zustand zu sein. Ich sehe das so von draußen her. Der ganze Körper ist nicht da, lässt sich nur wie eine Last tragen. Sonst nichts.

Hin und wieder machen die Nerven mit und innervieren die Gesichtsmuskulatur. Ich lächle. Ich schlucke. Aber sonst mache ich nichts. Nicht viele Gehirn- und Assoziationsbahnen arbeiten da mit. Ruhemodus. Hier und da ein Signal, ich bin noch da, ich bin dabei, ich höre usw.. Aber mehr ist da nicht.

Die Finger wissen die Haare nicht zu kraulen.

Ich weiß um diese Alleinstellung. Ein Stellungsspiel. Spieldichein. Schau her und nimm, was ich zu geben bereit stehe. Komm aus deiner Hab-Acht-Stellung und nimm von meiner Ich-gebe-was-ich-habe-Einstellung. Alles wird super! Alles ist toll! Da innerviert schon ein Nerv die vielen Muskeln, dass ich auch - und wenn nur -  ein Lächeln bereitstelle.

Der ganze Körper ist da in seiner Last. Und das Hirn ist ein GedankenLastenWerfer.

Gedankenlast-Entwerfer.

Es wirft und fängt und kreiselt und strickt und verfängt und langweilt sich zu lästiger Langeweile. Ich weiß nicht, ob du das kennst, ob du dieses Gefühl kennst, dich selbst bis auf einen kleinsten Sinnennenner zurückzuschrauben. Nur um auszuhalten. Still und leise. Denn die Übrigen sind schon laut in all ihren Worten und Gesten und in all ihrem Sein. Dasein. Nimmst also eine Schraubzwinge und schraubst und zwingst und schraubst und zwingst …. Dich kleinstmöglich zu pressen.

Und wenn ich das sage. Dann fühlt sich ein anderer auf den Kopf geschlagen, fühlt sich von mir auf die Seite der Wippe, die immer am Boden bleibt, gesetzt. Degradiert. Ich war immer leicht im Sein, hing auf der Wippe immer in der Luft. Kein Fuß auf den Boden zu setzen!

Kein Fuß in eine Tür zu kriegen. Schmeichelhof. Ich kenne dich und du kennst den und die und ich kenne noch den und dort hinten, ja, die kenne ich auch. Komm, wir machen uns alle miteinander bekannt. Wenn jeder jeden kennt, bleibt keiner mehr unbekannt. Wir schütteln uns die Hände und malen uns schönste Buchstaben in die Gästebücher. Früher feilten wir Feinstworte in Feinschrift für die Poesiealben.  Heute zählt allein das Geschmeichel von den Schmeichelhöfen.

Ich gucke und sehe und trage meinen lastigen Körper spazieren. Treppauf. Treppab. Auto-rein. Auto-raus. Fußweg. Stufe. Tür. Stühle. Setzdichein und sitz dich aus. Bleib und höre. Schreib Worte auf Zettel. Sag dies. Sag das. Ich trage diesen Körper und stelle ihn zwischen Menschen. Bleibe leise und still. Da ist noch Schraubraum in der Spielzwinge.



Donnerstag, 23. Februar 2017



Sie beißt. Beißt sich so regelmäßig in den Arm, wie andere auf ihre Uhren schauen. Uhrzeiten, die längst nicht mehr am Handgelenk festhängen. Uhrzeiten, die aus der Hosentasche gezogen und flach vor sich gehalten, mit der Wetterlage und gerade getippten Worten abgeglichen werden. Die Uhrzeit, denke ich, ist auch nur ein Dasein, eine Lage in der Welt, eine Achse des Systems. Beinah sogar, ist die Uhrzeit von ihrer Wichtig- und Notwendigkeit losgelöst. Von uns jedenfalls. Oder wir von ihr? Wir, die wir immer und immer und immer und immer erreichbar, einsetzbar, verfügbar sind. Hier bin ich, hier habe ich zu sein!  Hier    und    dort    und    da    und    jetzt    und   später    und    bald   und, und,   und.  Die Uhrzeit in der Hosentasche glänzt und leuchtet und vibriert.


Sie beißt sich. Beißt in den Arm und um die Bissstelle wuchern Haare, ein dunkles Gewächs, eine Abwehr, eine Mauer, die nicht schützt. Haare. Anders kann der Körper nicht. Haare zum Schutz gegen äußere Einflüsse. Als würden wir nicht jedes Einzelne zupfen, reißen, schneiden können. Als zupften, schnitten wir nicht, als rissen wir nicht, als würde nicht einer von uns, jedes einzelne Haar, mit einer Pinzette greifen und heraus zerren. 

Ich sitze in der Bahn der gegenüber, die sich beißt. Neben ihr hat niemand Platz genommen. Neben mir Frauen im Gespräch. Die Gegenüber beißt sich. Links von mir redet eine von Radieschen im Winter, ihre Mitrednerin berichtet von Erdbeeren. Ich höre sie die Köpfe schütteln, während ich die Gegenüber beißen sehe.

Ich bin erschöpft. Meine Tasche habe ich auf dem Plastiksitz in der S-Bahn-Station stehen lassen. Unbeabsichtigt! Erst als die Bahn längst aus dem Tunnel ausgefahren war, fiel mir auf, was mir fehlt. Ich hätte aus der Bahn springen und die nächste in die Gegenrichtung nehmen, hoffen können, meine Tasche würde noch dort stehen, wo ich sie hatte stehen lassen. Das tat ich nicht. Ich blieb sitzen. Ich sitze noch immer und fahre Ringbahn. Einmal um den Stadtkern. Mit Aussicht auf eine Frau, die sich in den Arm beißt, der Haare aus der Bisswunde wuchern, mit Ausblick auf eine Zeit ohne Tasche, eine Zeit ohne Gehäuse.

Ich bin erschöpft. Erst als die Frau mit den Radieschen mir ein Taschentuch hinhält, bemerke ich meine Tränen. Es passiert mir das erste Mal, dass ich vor Erschöpfung weine. Oder auch deshalb, weil ich vor Erschöpfung nicht weiß, wohin und was und weshalb und wann. Ich sitze. Die Frau mit den Radieschen und ihre Mitrednerin sind längst ausgestiegen. Ich sitze und wir fahren inzwischen zum dritten Mal in den S-Bahnhof Gesundbrunnen ein. Steig aus, denke ich. Steig aus, schreie ich der Beisserin entgegen. Sie solle hier endlich aussteigen. GESUNDBRUNNEN, brülle ich. Hier solle sie aussteigen und in den Brunnen springen. Wie Goldmarie, schreie ich. Und da guckt sie mich an, nimmt ihre haarige Bissstelle zwischen ihren Zähnen hervor. Goldmarie, sagt sie und lacht. Hält den unbebissen Nichtsnutzarm vor den Mund und lacht, kreischt. Ja. Goldmarie, sage ich. Und hier sei für sie jetzt Endstation. AUSSTEIGEN, brülle ich.

Ringbahn. Zurücktreten. Bitte!, nuschelt der Fahrer durch Lautsprecher.

Sonntag, 1. Januar 2017



Der Text ist für Drei, die ich mag und bei denen ich mich bedanken möchte

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Ich höre sie. Von weitem schon klingen sie an mich heran. Dieses Heranklingen ist wie das erste Vogelzwitschern nach einem kalten, langen Winter. Es verspricht Frühling. Und während sie aus der Ferne so klingen, frage ich mich, inwieweit es sein kann, dass Frühling am ersten Januar ausbricht, frage ich mich, ob das Klingen ein Hirn- oder ein Ohr-, gar ein Gemütsgespinst sein kann. Ein Gespinst, welches bei mir eine Reaktionsverwirrung hervorruft. Ich glaube nicht an Frühlingsgezwitscher im Januar. Und doch. Sie zwitschern schon aus der Ferne an mich heran.

Diese drei Gestalten. Und ich wage die Legenden von der zwei-halbkreisigen Zahl drei nicht zu denken. Drei Geschwister, drei Wünsche, drei Haselnüsse, drei Rätsel, drei goldene Haare, die drei heiligen Könige und sogar an die Dreieinigkeit, denke ich nicht. Also denke ich an sieben, sieben ist meine Zahl: sieben Tage, die sieben Raben, die sieben Zwerge, auf Wolke sieben, das Buch mit sieben Siegeln. Ob eine Katze sieben oder neun Leben hat, darüber streiten Menschen. Nicht Katzen. Die sieben Todsünden. Siebenhäutig mein Kleid. 

Von weitem sind diese Drei an mich heran getreten. Haben Finger und Worte ausgestreckt, haben gelacht, gesprochen, geschwiegen, geschrien, getan als seien das nicht alles Dinge, die man einander erst mit Abstand probiert. So, wie ich es probieren würde. Mit und im Abstand zueinander. Sie haben sich mir so nah niedergelassen, wie kein Frühlingsvogel dem Januar freiwillig kommt. 

Ich in meiner geradlinig abgemessenen Weiträumigkeit, konnte nicht in meine Randgebiete finden. Ich blieb still und bewegungslos und habe die Finger und Worte machen lassen. Habe Abstand und Auswegmarkierungen einfach sein lassen. Vernachlässige sie. 

Am ersten Januar Frühlingsgezwitscher! Wer sagt, dass das nicht geht?

Ich denke darüber nicht länger nach. Denke nicht an den Klimawandel und ob das wirklich ein Dilemma oder nicht eher die Folge der Zeit sein kann. Menschgemacht oder naturgemäß. Ich denke nicht unbedingt länger über drei oder sieben oder die gemeinsamen Nenner des Ganzen nach. Ich beschaue die Weiträumigkeit ohne gleichzeitig den Abstand zu wahren und lausche dem inzwischen vertrauten Heranklingen. Von weitem schon.

Ich höre euch zwitschern.