Dienstag, 22. April 2008

Ich atme. Und Atme. Lauter. Dann etwas leiser. Weniger ein, mehr dafür aus. Atme bewusst unbewusst. Und doch, ich atme die umliegende, schwebende, fliegende, schwimmende, die um mich herum existierende Luft, mit all dem unausweichlichen Innenleben. Nicht dem Herzen sondern diesen Atomen, Molekülen, Zellen. Dieser ganzen unsichtbaren Existenz.

Während S. noch mit der Stirn, die ich vor Jahren schon bis zum Haaransatz küsste, gegen das Fenster gelehnt der fliehenden Straße nachschaut, wird mein Atmen zum Fressen.

S. besteht aus diesem Fluchtkörper, deswegen kann sie den Blick nicht von den flüchtigen Dingen lassen. Einen Körper, dem ich anhänge, nachlaufe. Einmal sagte sie: „Ich bin dir kein Ausweg, hör doch auf!“. Ich lachte, aber nur so, dass S. es nicht sehen konnte. „Wenn du wüsstest.“, sagte ich. Und dabei blieb es bisher. Sie weiß von ihrer Körperart nichts. Ahnt es in Ansätzen nicht. Doch immer wenn ich sie greife, spüre ich diese besondere Art in den Fingern. Wie sie mir entgleitet. „Wir sind Aasfresser, wenn wir abgestandene Luft atmen.“, sage ich in ihren Rücken hinein, und erst da bemerke ich, dass genau jetzt, so, wie S. da ist, auch sie als abgestanden gilt. Und wenn ich ihr jetzt den Nacken nicht küssen, nur so leicht beißen würde?

Wenn ich früher geahnt hätte, dass ich einmal so alt werden würde, wie ich heute bin. Und dabei ist das nicht einmal ein Alter, auf das man stolz sein könnte. Durchschnittlich. Aber wenn ich gewusst hätte, dass diese Lebensjahre kein Alter bedeuten, ich hätte es nicht geglaubt. Zumindest hätte ich gehofft, dass etwas Wahres dran ist, denn die Leute in meinem jetzigen Alter kamen mir damals unendlich erwachsen vor. Ich bin weit weg vom Erwachsensein. Ebenso weit entfernt wie vom Frausein. Eine Frau hat ein Kind, zwei oder drei. Sie hat einen Geld einbringenden Beruf, keine Wünsche, nur erreichte Ziele, ein Konto, ein Haus, Hund und Katze. Sie fährt einmal, vielleicht sogar zweimal im Jahr ans Meer, in die Berge, und sie fährt ein fünftüriges Auto mit offenem Dach. Eine Frau hat einen Busen, der meinen bei Weitem übertrifft. Nein. Ich bin weder alt, noch Frau, noch erwachsen. Kindsäugig hatte ich mich in allen Punkten getäuscht.

S. zieht ihre hohe Stirn vom Fenster. Beinah glaube ich, ein Geräusch wie von einem Saugknopf zu hören. Sie dreht sich zu mir, wie sie schaut und guckt, als wollte sie etwas anderes sehen, als das, was sie sieht und sagt: „Wir sind so alt geworden, wann werden wir endlich erwachsen, hm?“. Ich hebe die Schultern, lasse sie sinken, atme bewusst unbewusst und meine: „Würdest du denn statt meiner eine Frau lieben?“

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