Donnerstag, 11. Februar 2016

Hirnhaut sei keine Rinde, sagt sie und die andere schüttelt die Schultern, kreist den Kopf und zieht dann die Schulterblätter Richtung Gesäß, als wären sie beim Sport. Ständen da Blumen anstelle der Feuchtpräparate fände eine von beiden das lustig,  stattdessen meint sie aber: Hirnhäute, Mehrzahl! Die eine schaut weg während die andere ein Foto von sich und dem Präparat macht. Haute, haut, gehäutet, trällert sie und säbelt mit ringbesetzten Fingern der anderen den Skalp ab.

Die eine lernte die andere bei einem Spaziergang mit Torsten kennen. Sie hatten zuvor nichts miteinander zu tun, doch dann war da Torsten, der die eine mit der anderen verband. Seither teilen sie manchmal das Bett miteinander. Hin und wieder auch Torsten. Dass das niemand in den falschen Hals bekommt, was auch immer das wieder heißen mag, dass auch niemand das missversteht, das Bett miteinander teilen, ist nicht gleichbedeutend mit geschlechtlichem Verkehr. Mit Torsten geht manchmal die andere, dann wieder die eine spazieren. Torsten ist 17 Jahre alt. Ein alter Riesenschnauzer mit struppigem Bart und beinah zahnlosem Maul.

Das mit dem Bett ist eine andere Geschichte.

Die andere studiert Medizin und kennt, was Hirnhäute von Rinde unterscheidet, deswegen schaut sie lange hin und betrachtet die gesäbelten Hirnscheiben als wären es Wunder. Vielleicht sind sie das ja auch. Die eine mag nicht immer, was die andere macht, dennoch mag sie sie und versteht die Dinge, die sie nicht sonderlich mag. Sie studiert nicht Medizin und kann die eingelegten Leichenteile nicht länger ertragen.

Einmal war die eine von einem Spaziergang ohne Torsten zurückgekehrt. Sie hatte vergessen, dass der Hund bei ihr war und verließ ohne ihn das Restaurant, in dem sie zu Mittag aß. Erst als die andere vor ihr stand und durch sie hindurch zu schauen schien, fiel ihr Torsten wieder ein. Die andere schlug der einen ins Gesicht. Danach teilten sie sich Torsten für eine lange Zeit nicht mehr. Das Bett musste hin und wieder geteilt werden, weil die eine sonst keinen Schlaf gefunden hätte.

Gesehen werden möchte sie so nicht, denkt die eine. So von innen her, so aufgeschnitten, gescheibt, eingelegt. Sie denkt an die übervollen Kellerregale ihrer Großmutter. Eingelegte Birnen, Äpfel, Pfirsiche, Gurken und dieser feuchte Geruch. Die eine guckt wie die andere die missgestalteten Totgeburten betrachtet. Weshalb geht man an einem sonnigen Sonntag in das medizinhistorische Museum? Sie liest kurz das Schild unter dem Gefäß. Geburts- und Sterbetag sind notiert. Die Schrift der Großmutter auf den Gläsern konnte sie nicht entziffern. Alte, zittrige Krakel. Es hätten auch Nazikreuze sein können. Sie schraubte auf, roch, kostete und schraubte wieder zu.

Die andere macht noch immer Fotos. Irgendwann wird sie genug haben, um sich zuhause anhand ihres Bildmaterials einen vollständigen menschlichen Körper basteln zu können. Mit und ohne Krankheiten. Zuletzt fotografiert sie das Gesicht der einen. Dieses schöne Gesicht, denkt die andere, dieses wunderschöne Gesicht, was bloß dahinter stecken mag?

Die eine nimmt die Andere bei der Hand, als wäre diese ein Kind. So verlassen sie den Raum mit den Regalen voller eingelegter Menschenteile. Vor einem Spiegel bleiben sie stehen und bemerken sich in den Spiegeln, die dem Spiegel gegenüber angebracht sind. Die eine guckt zur anderen, die andere guckt zur einen. Mehrzahl, hundertfach, unendlich. Als befänden sie sich in einem Raum mit Regalen, auf denen nur die eine und die andere ausgestellt sind.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Bevor Vater brannte, brannte das Federviehhaus


Noch hört man sie schreien. Mutters Schreie waren immer bis zum dritten Haus links an der kleinen Kreuzung zu hören. Das sah ich den Schuberts an, wenn ich mit dem Rad an ihrem Garten vorbei fuhr. Als wären ihre Gesichter irgendwie mit dem Schreien meiner Mutter verwandt. Diese Ähnlichkeit. Ich hatte es auch gehört und statt nach Hause zu fahren, bog ich häufig an der Kreuzung ab und radelte eine halbe Stunde sinnlos mit dem Fahrrad durch die Gegend. Rechts stehen keine Häuser, da beginnt direkt der Wald. Und wer in den Wald hinein oder auch hinaus horcht, der hört ganz andere Geräusche als nur Mutters Schreien.  

Vater dagegen ist kaum zu hören. Vater ist groß und wenn man ihn sieht, denkt man, ein so großer Mann muss laut sein, seine Schritte, sein Atmen, Worte, die er in seiner großen Stimme sagt. Alles muss laut sein, denkt man. Aber so groß wie Vater ist, so laut ist er nicht. Eigentlich passen meine Mutter und mein Vater nicht zueinander. Oder vielleicht doch, weil: wenn einer zu leise ist, der andere automatisch lauter wird, quasi laut für den anderen mit. Vielleicht ist das anderswo auch andersherum. Für mich jedenfalls steht fest, meine Mutter und mein Vater passen nicht zueinander und deswegen gehen sie sich aus dem Weg. Mutter schreit aus der Waschküche durch das Schlafzimmer, durch den Hof, den schmalen, langen Flur entlang, schreit und die Schuberts drei Häuser links von unserem Haus, hören Mutters Geschrei. Aber Vater sitzt im Garten und füttert stumm die sieben Hühner, den einen Hahn. Hört nichts und sagt nichts. Oder sagt nur puuut putt putt und freut sich, wenn das Federvieh gurgelnd um ihn scharwenzelt. 


Wobei; ich muss sagen: saß und sagte oder sagte nichts, fütterte usw. Denn jetzt macht das mein Vater nicht und er wird es auch in Zukunft nicht tun. Vater brennt jetzt. Und Mutter schreit. 


Bevor Vater brannte, brannte das Federviehhaus. Es brannten die Federn, denn die Hühner und der Hahn waren noch im verschlossenen Häuschen, waren gefangen und wurden selbst zum Feuer, das wütete und nicht nur im Stroh bleiben wollte, sondern raus und weit und weg und an die Luft. Bevor die Federn brannten, brannte das Stroh unter den Federviehfüßchen. Brannte erst leise, nur ein Glimmen, dann schlug es wohl um sich, schlug und fasste die Hühner und den Hahn an den gestutzten Flügeln.


Mutter wusste zu dem Zeitpunkt nichts vom Brand. Sie hatte wohl gerochen, dass Federn versengten, doch dachte sie, es würde einer der Schuberts geschlachtet und das tote Tier durch Feuer geschwenkt haben. Das ist einfacher als Rupfen. Mutter hatte sich nichts dabei gedacht.


Als Mutter meinen brennenden Vater sah, rannte sie statt zu ihm nur im Kreis und kreischte. So ein Gekreisch hatten selbst die Schuberts noch nicht gehört, ihnen stockte der Atem und mir geriet das Lenkrad aus der Hand. Ich sah vom Waldrand Mutters kreischende Kreise und meinen flammenwerfenden Vater. Das Hühnerhaus sah ich nicht, es war längst zusammengestürzt und hatte die sieben Hühner und den einen Hahn genau wie das Stroh, die eigentlich alle nur noch Feuer waren, unter sich begraben.


Einer von den Schuberts kam schneller gerannt als die Übrigen. Er warf meinen brennenden Vater zu Boden, wälzte ihn, als rolle er Teig aus. Die Flammen schlugen wie Fäuste um ihn. Er schrie zu Mutter, die immer noch Kreise lief. Das Lenkrad kriegte ich nicht mehr zu fassen. 


Noch immer hört man sie schreien. Das Gekreische ist vorbei, hatte aufgehört, als mein Vater längst nicht mehr als mein Vater zu erkennen gewesen war. Der eine Schubert wurde von dem Rettungsteam verarztet, meine Mutter saß still und schrie. Also reglos. Ich stand rechts vom Haus, dort, wo direkt der Wald beginnt. Das Fahrrad lag zwischen meinen Beinen, ich stand ungemütlich, ich bekam Krämpfe. Ich überlege, ob ich Vater habe rauchen sehen, ob ich Mutter habe die Zündhölzer einstecken sehen. Ich weiß, ich habe die Zigarette ausgetreten, bevor ich das Hühnerhaus verriegelt hatte.

Sonntag, 3. Mai 2015

Dass man in das Herz seitwärts her hineinlangt und sich verschlossene Wege einfach öffnet, wusste ich nicht. Mit einem Blasebalg wird sich Zutritt verschafft und dann werden Gitter gespannt, den Weg offen zu halten. Ich lege mich nur in die Gegend deiner Leisten, diesen leisen Wegen, dort lege ich mich hin und höre, wie etwas durch deinen Körper hindurch und bis hin zu deinem Herzen gelangt. Dort, in deiner Leistengegend kann man sich Zutritt verschaffen. 

Bevor ich wusste, wie schnell und wie es mechanisch machbar ist, hatte ich gedacht, es würde viel Zeit und Geduld in Anspruch nehmen, an dein Herz zu reichen. Es würde mich Mühe kosten, hatte ich geglaubt. Und nun liege ich in dieser Gegend, von der aus es so einfach sein soll.

Die Russen nehmen sich einfach, was sie wollen. Sagst du und drückst solange auf einen Knopf der Fernbedienung bis die Stimme des Reportes den Raum erfüllt. Steht der irgendwo an der Grenze zwischen Russland und der Ukraine und brüllt bis hierher. Wann du aufgehört hast, leise zu sein, Mutter, das weiß ich nicht mehr. Seit einem Jahr gucken wir doch alle nur zu, als ginge uns das alles  nichts an. Aber was geht’s mich an, fragst du und erwartest keine Antwort. Brüllte der Fernseher nicht so, würde ich vielleicht etwas von deinem Herzschlag hören. Entweder dieses kurze BUM oder das etwas längere und schwächere BUMBUM. 

Und die mit ihrem Pegida. Alles Idioten. Arschlöcher. Jetzt brüllst du über die Stimme des Nachrichtensprechers und ich erinnere mich, statt deines Herzens immer nur deinen Mund wahrgenommen zu haben. Als wüssten die irgendwas, Drecksbande. Dann drückst du wieder einen Knopf der Fernbedienung und wechselst den Sender. Der Lärm schlägt um. Ich suche weiterhin den Ort deiner leisen Leisten, suche neben dem Lärm auf das zu hören, was ich von dir nie gehört habe. Dieses Bum Bumbum.

Wenn du jetzt stillhalten wirst, Mutter, dann werde ich durch deine Leistengegend in die Vene vorstoßen. Dort einmal angekommen, folge ich nur der Richtung, folge bis hin zu deinem Herzen, und dort blase ich alle zu engen Räume auf, weite alle Zugänge und mache sie trittsicher. Nur einmal heran an dein Herz, Mutter, möchte ich.

Alles Betrüger schreist du und wirfst die Fernbedienung gegen das Fernsehgerät, stehst mit einem Ruck aus deinem Sessel auf, unbedacht dessen, das ich da liege, dass ich meinen Kopf an deinen Körper lehnte, stehst auf und schreist und ich überlege, wie lange ich auf deinen zweiten Herzinfarkt werde warten müssen, und wie es mir dann gelingen wird können, an dein vernachlässigtes Herz zu langen.

Montag, 23. Februar 2015

Drängkörper um mich herum, als triebe ich lose zwischen Losen. Eisscheiben zum Beispiel. Dünn, messerscharf, keine Schollen. Vom Wind auf beweglicher Oberfläche getrieben. Herangedrängt. An Berührkanten aufeinander gezwungen.

Durch Einsteins Sommerhaus weht Winterwind. Winterwind begleitet Silberreiher über den See. Winterwind legt mir roten Film über das Auge. In das Sommerhaus hinein lässt sich nicht schauen.

Ein Wort. Aus Schwanens Mund vielleicht ein Wort. Eines wie D E R A U T O R I S T T O T*. Kein Satz. Keine Aussage. Ein Laut nur. Leise, eher  als würde man nichts hören. D E R A U T O R I S T T O T*. Als würde ein Elektromotor gestartet werden. Bloß ein kurzes Aufglimmen von Geräusch in grauer Landschaft.

Wer sagt da was, frage ich, und keiner sagt etwas.

Die Dränggesellschaft ist des Spazierens müde. Oder sie ist über sich längst hinaus spaziert. An andere Orte. Mit anderen Sprachen. Zu anderen Themen. Von windfreieren Anhaltspunkten aus. Vielleicht. Stehe ich allein in der Bedrängnis?


[ *Roland Barthes   Der Tod des Autors]

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Hinterher werden wir sagen, wir hätten das Laub nicht fallen sehen. Hinterher werden wir stelzbeinig im Minirock stehen und uns über die Kühle der letzten Tage beschweren. Wie wir den Winter nicht haben kommen sehen, werden wir sagen und kopfschüttelnd, ein Bein nachziehend die Allee entlang wandern. Warten, dass ein eiliger Fahrer seinen Wagen stoppt, uns auf seine Spritztour einzuladen. Solange er zahlt, sagst du und unterbrichst mich in dem, was wir alles nicht gesehen, nicht bemerkt, nicht gewusst haben werden. Denn, dass die Zeit kommen würde, in der uns unstete Fragen gestellt werden würden, dass diese Fragezeit kommen würde, das hatten wir gewusst. Wir hatten gewusst, dass die zertretenen Füße uns in diese Fragezeit hinein und aus den normalen Zuständen hinaus katapultieren würden. Und trotzdem werden wir sagen, wir hätten das Laub nicht fallen gesehen.

Dass mir dieser vielgliedrige Fuß in seinen Einzelteilen so fremd sein würde, hatte ich nicht ahnen können. Sie haben ihn mir abgenommen, wie man Jemandem am Reklamationsschalter ein defektes Gerät abnimmt, sie hatten diesen einen vielgliedrigen Fuß von mir genommen und vor mir in seine Einzelteile zerlegt. Scheibchenweise zerstückelt. So saß ich, den Kopf fest auf die Schultern gestützt, der Fuß lose vom Rest meines Körpers, so saß ich und hörte die stampfende Stimme der Schwester über den Gang eilen: „Nicht mal zum Frühstücken kommt man!“. Ich saß und stellte mir vor, wie der leere Magen der Schwester sich umdrehen und sie von innen her überfallen wird, und ich bekam Angst, sie könnte über den Flur zu mir in dieses Zimmer treten, meinen abgenommen Scheibchenfuß sehen und genüsslich hineinbeißen. Wie man eben genüsslich in ein Stück Fleisch beißt, wenn man seit Stunden nichts zu essen bekommen hat. Wenn man solange nichts zu essen bekommen hat, dass der eigene Magen über einen herfällt. Wenn man nicht zum Essen kommt, weil Füße abgenommen, betrachtet, zerscheibt und wenn möglich auch repariert werden wollen.

Der Fuß in seinen Einzelteilen war einer genaueren Untersuchung wert, befand man. Hier ein Brüchchen, der Spalt gerade wie ein Haar dünn, kaum zu beachten, dort ein Riss, da ein Gewölbe im Knochen, und anderswo, als habe jemand angebaut. Die Stimmen klingen wie aus einem Rohr. Scheibchenweise dringen sie hervor, treten mir in den Gehörtunnel, schlagen an Schädelwände, hallen zurück. Prallen wütend ab, dort, wo sie nicht weiter kommen. “Keine Brüchchen, keine Risschen. Ihr Fuß sieht in seinen Einzelteilen, soweit wir blicken können, gesund aus! Knicken sie beim Gehen nach Innen?“  Ich versuche mich an mein Gehen zu erinnern. Ich erinnere mich nicht. Ich verlor jede Haltung, nachdem die Sache mit den zertretenen Füßen begonnen hatte. Ich fiel zur rechten Seite ab, die linke knickte ein, der Oberschenkel zog zusammen, die Hände griffen nach allen Seiten an alles Halt- und Stützbare. Wohin knicken denn meine Füße, wohin sollten sie denn knicken, frage ich mich. Und kaum hatte ich keine Antwort gegeben, stampfte schon wieder die Hungerstimme der Schwester durch den Flur: „MEEEEEEENSCH!“ Ich könne jetzt gehen, sagt die Scheibenstimme. Wie ich ohne den mir abgenommenen Fuß denn gehen solle, frage ich und schaue auf die Einzelteile vor mir. Der Scheibenautomat spuckt Bilder in Passbildübergröße. Motorengeräusche, als wollten wir auf der Stelle zum Mond fliegen. Ich nehme eines der Bilder und klebe es mir an die Hosennaht, genau dort, wo mir der Fuß mit Handschuhfingern abgenommen worden war. Es will nicht halten.

Ich werde sagen, ich habe von all dem nichts gewusst. Ich werde meine Fingerknöchel aneinander schlagen und überlegen, in welche Richtung wir die Hunde loslassen sollen. Und dort, wo dann der Knochen bricht, dort wo die größere Hälfte des kaputt gegangenen Knochens sein wird, dorthin wird das Glück fallen, und dorthin wird der Größere von uns beiden treten. Wenn möglich auch auf Füße.

Und dass das Laub gefallen war, bevor wir uns die Füße zertraten, davon werden wir nichts gewusst haben.

Montag, 10. November 2014

Mit den Beinen, die sonst Sprungkörper sind, stehe ich. Ich stehe und rücke vom Fleck nicht einen Millimeter ab. Dabei ist die Abrückzeit längst gekommen. Sie ist und war vielleicht auch. Ich wusste früher schon um meine Schwächen im Zeitrechnen, und nun stehe ich und verstehe die Zeit nicht zu subtrahieren, dass sie von Neuem auf mich zukommen würde. Mit der Zeit und ihren Rechensystemen verstehe ich mich nicht. Nur die Beine sind nicht länger die sich mir über Jahre anvertrauten Fluchtkörper.

Sitzen. Nicht länger stehen. Und Atmen. In den Bauch. Aus dem Bauch heraus. In die Schultern, die sich heben und wieder senken. Atmen in die Hohlräume des eigenen Körpers. Vielleicht bis hin in die tiefste Magengrube, sie mit Luft aufzublähen. Sich Aufbeulen. Sich so lange aufbeulen, bis die Sprung- und Stehbeine dünn, nur noch Fäden am Ballonkörper sein werden. Haltestrippen.


Die Zeit und ihre Systeme vom Handgelenk streifen und aus den Augen verlieren. Die Flucht anordnen. Ballonen werden. 

Sonntag, 31. August 2014

(W)ortpflanzung.

Ich pflanze mich wort. Hier und anderswo. Dort großspurig im Zeilenabstand. Großzügig  halber Tacho. Ich denke an Drosselbart und spiele mit Königsworten. Aus Prinzessinnenhaar flochten wir Fluchtseile und stießen die Jahrhundertträume aus den offenen Fenstern. Schwester, wir warfen wortlos Wunder über Bord.

Großzügig. Ein windiger Zeilenabstand. Raum schaffen und wo kein Raum ist, Nischen sagen. Und besetzen. Nesthocker bleiben. Sich einverwaben. Mehreckig Beine und Arme arrangieren und mit den Augen gucken. Unbewegt einverwabt bleiben.

Ich pflanze mich wort.

Sprich nicht so hochtrabend. Sagte Mutter. Also grub ich tiefer und pflanzte Wort für Wort und bedeckte Wort für Wort bis zum letzten Punkt mit Erde. Ich presste und drückte. Faltete eine Fluchtlinie für das Regenwasser, faltete die Erde beidseitig der Wortsprösslinge zu schmalen Tälern.

Sah damals und auch später kein Gedeihen.

Die Worte weg-  und abtreiben. Der Mund, ein sich nicht schließender Bauch. Der Mond, ein sich immer wieder halb- bis ganz erhellender Punkt. Ein Leuchteloch. Ein Magnet. Eine Saugschale. Der Mund nur ein vernachlässigtes Worthaus. Mehrstöckig ohne Nachlass. Lass nach, Stockmeer !

Der Mond nur ein hieb- und stichfestes Argument für Ebbe und Flut.

Aus Prinzessinnenhaar, Schwester, flechte ich mir ein Kleid. Hochtrabend, Mutter, stecke ich alle Worte in Brand. Alle Pflanzungen treiben, werden WortWildWuchs.


Ich pflanzte mich wort.