Freitag, 28. September 2007

- Verliere von mir.

- Was?

- Ich fühle mich nicht wohl.

- Hier?

- In meiner Haut.

Hat doch nicht wirklich jemand geglaubt, dass das unblutig ausgeht.

8.oo Uhr vor den Bäckereien der Innenstadt. Warenanlieferung. Wie duftend die Kisten vor den Türen standen. Da bekam man schon Lust, musste nur Zugreifen. Ich ging vorüber und sah ihm nach, dem Ausgehungerten, seinem tierischen Blick. Seiner Gier. Und ich traute mich nicht, ihn zum Frühstück einzuladen. Vielleicht auch deswegen, weil er sein ganzes Leben dabei hatte, auf den Schultern, auf dem Rad. Und wohin dann damit, fragte ich mich. Aber da war ich schon gegangen. Die Einkaufsmeile lag lahm. Nirgends etwas. Ich schlenderte und war gespannt, was aus dem Tag noch werden könnte.

Es wurde nicht viel. Die üblichen Nachrichten, das übliche Versagen. Sonntag kommt N. aus Wien, dann reisen wir nach Amsterdam oder auch ans Meer. An einen weit angelegten Strand.

Kein Schreiben. Kein Lesen. Kopf unter Wasser. Damit könnte man diesen Zustand vergleichen.

take me from this place

Dienstag, 25. September 2007

Rennst doch immer nur wieder in das Unglück der Anderen.

Ein kastanienrotes Meer, ein buddhistisches Meer tut sich auf. Irgendwo gegen ein Militärregime. Neben Mönchen auch Nonnen, die nicht immer in der Geschichte des Buddhismus willkommen waren. Sie treiben Sintflut gleich durch die Straßen. Und die Frauen steuern zielstrebig auf das Haus einer unter Hausarrest stehenden Freiheitskämpferin zu. 100%iger Symbolgehalt. Der chinesische Riese guckt und lauert aus seiner Festung. Der Rest im Zuschauerraum ist im Gegröle kaum auseinander zu halten. Studenten, die sich auflehnten, vor vergangener Zeit, wurden blutig auseinander geschlagen.

Der afrikanische Mittelstreifen steht unter Wasser. Die Wüste geht unter. Ersäuft. Schulen werden Unterkünfte. Bildung fällt bis auf weiteres aus. Die Ernten sind verloren. Hunderte Menschen sterben, Tausende sind auf der Flucht.

Armes Deutschland. Der Arbeitnehmer hat nichts vom Wirtschaftsboom. Ottonormalverbraucher verdient scheinbar weniger als vor der Wende. Und so eine Statistikeinsicht kurz vor dem 03.10.

Die Kanzlerin empfing den Dalai Lama. Daraufhin sagt China ein Treffen mit der Kanzlerin ab.

Ich sitze und staune aus dem Fenster. Staune meinem Rennen hinterher. Spaltung. Kernspaltung. Ich minimiere mich auf das Kleinste. Bis unter die Fingernägel. In den Dreck. Die Pflanzen in den Kübeln gehen vor meinen Augen ein. Ich habe einen Intensivnotstand ausgerufen. Seither nur Warten. Warten auf Wiederbelebung. Wie Bäume stehen Männer an der Straße. Ich könnte hinausgehen und einen mitnehmen. Und der würde mir dann vielleicht mit dem Leben kommen, das ich nicht habe.

Sonntag, 23. September 2007

Nachts. Die U-Bahnen wie Lichtschlangen auf den Straßen. Mann ohne Kopf, Frau ohne Bauch und ein Kind sitzt hinten. Ohne Zukunft. Zwischen meinen Schuhen ein Bierrinnsal. Ich stelle mir vor, wie ich mich beuge. Bäuchlings am Boden und die Zunge, den Rachen wie eine Schlucht geöffnet, in die alles rinnt. Hinabsinkt.

Schweißnass die Körper. Zwischen Rauch und Musik bewegt sich eine Masse. Zähflüssig. Wie Zucker kleben Hände an mir. Und wie über Zucker lecken Lippen. Das Kleid ist zerrissen, war es schon immer. Die Träger muss man mir im Nacken zusammenbinden. So ein Kleid, wie ein Bikini. So zur Schaustellung. Vielleicht auch praktisch auf den überladenen Toiletten. Nirgends kann man noch Platz nehmen.

Hast du mich gefragt? Was denn? Na ob auch ich will. Wozu denn?

Es wird niemals dunkel. Hier.

Stehe und greife mit den Zehen durch den Boden. Umklammere die äußerste Kante, die Erdkruste und fühle mich wie auf einem Sprungbrett. Fühle einen Krampf, der sich durch die Zehen, durch die Wade, den Oberschenkel bis hin zum Herzen frisst. Wie er nagt und schabt, an jedem Muskel. Späne brechen mir durch die Stirn.

Glaubst du, du kannst dich verstecken?
Glaubst du, du kannst dich erstrecken?

.

Feststellung

ich bin kein
Emotionsbolzen
den man sich
nach Lust
und Laune
in das fleischige
Herz rammt

Freitag, 21. September 2007

Allein. Beim Chinesen. Habe etwas mit Curry bestellt und ein Bier. Trinke und sitze in der gähnenden Leere des Lokals, schaue hinaus ins Dunkel. Dorthin, wo freitags das Leben tobt, die Stadt pulsiert.

Sitze am Text und habe zwei neue Ideen in Gang gebracht. Gestern gab ich E. die gekürzte Fassung. E. hat eine Geschichte verfilmt. Vertrickfilmt. Und nun gab ich ihr die zweite und damit einen Auftrag. Gespannt folgte ich ihrem Lesefluss, wartete auf Regung, Bewegung der Mundwinkel. Der Pakt ist geschlossen. Stunden am Telefon. Hier und Dort Veränderungen. Hier und Dort mein Einstreuen, mein Anmerken, es handelt sich um eine gekürzte Fassung. Die Idee steht schon bereit für mehr. Mehr und mehr. Immer nacheinander. E. sagt, sie wolle mehr Länge. Ich meine, mir die Länge für eine Erzählung aufsparen zu wollen. E. fragt, ob sie die Geschichte dennoch verwenden dürfe. NATÜRLICH. JA.

Davor aber die Arbeit am Kinderbuch. Planung abgelaufen, überfällig. Jetzt beginnt die Durchführung, neben all dem Übrigen. Terminsetzung: nächste Buchmesse. Und plötzlich hat man drei Fische an einer Leine. Werden sehen, was im Boot landet.

Das Verhalten eines Unbekannten am nächsten Morgen ist unvorhersehbar.

Ewig war die Zeit, in der ich das zu erfahren hatte. So viel Zeit und so viele Menschen, die einen berühren, obwohl man unberührt bleiben wollte. Keine Wehr. Keine Wehrmacht. Nirgends noch Kraft. Das Gewaltige tritt stets über die Ufer. Und wenn ich Ufer, nicht Fluss, nicht Meer bin, sein kann? Nicht mehr?

Renne über die Brücke, über das Wasser und fühle mich den Möwen überlegen. Wie sie kreischen, und ich lache. Renne von einem ans andere Ufer. Halte links und rechts Hände, die nicht zu mir gehören. Halte sie so.

Mutter hat Vater ans Kreuz geschlagen. Seinen Kopf auf den Jesuskörper genagelt. Da hängt er nun, und der Körper passt nicht zum Gesicht. Denn das strahlt, ist aus besseren Zeiten. Und Mutter hat ihn so hängen, weil er für sie leidet, meint sie. Ich lasse sie und spare mir alles Übrige.

Die Stadt macht mich lahm. Ich komme kaum hinterher. Während ich mir noch Wasser ins Gesicht werfe, schminkt die Stadt sich schon zur Abendgarderobe. Werfe mir das Wasser wie Steine ins Gesicht. Komme nicht nach, weil ich an einem Wort, wie an einer roten Ampel hänge. Nur ich, scheint es, warte auf Grün. Der Rest springt vor die Gefahr.

Ich will dich spüren, sagte ich. Und sie schlug mir ins Gesicht. So, das hält eine Weile, das hallt nach, das Gefühl, gab sie zurück.

Nur ich tobe nicht.

Donnerstag, 20. September 2007

Stecke mir mit Klammern Strenge ins Haar und fühle mich trotz der Pulloverschichten dünnhäutig. Sag doch, hast du Mutter mit ins Grab genommen oder liegt sie noch auf den Feldern? Ich habe so Angst, aber ich muss hinaus, muss auf die Felder, wenn sie dort noch liegt. Und ich kann sie schreien hören, wie sie bei jedem Kind schrie, fluchte und mit der bloßen Hand Vaters brach. Ich habe nichts. Kein Brot, kein Kleid, nicht einmal Zeit blieb mir. So stehe ich und stecke Klammern ins Haar, schmücke mich wie einen Christbaum. Mitternacht wird einer mich entzünden und ich gehe in Flammen auf. Wie steht mein Geäst?

Die Kirchentür stand offen. Ich trat heran, und heraus dröhnte Orgelmusik. Weiter wagte ich mich nicht. Vater unser, der du bist …

Ja. Wo denn? Fliehhemdchen. So ein großer, schwerer Körper.

Wie fern bin ich dem Nahen? Und wie weit lässt sich das dehnen? Wie lange noch?

Alles Sterben hat ein Ende, ist man erst einmal tot. Gilt das auch für die Liebe? Alles Lieben hat ein Ende, …

Mutter, liegst du auf den Feldern? Sag doch! Ich trage Klammern und um Mitternacht gehe ich in Flammen auf. DU wirst mich sehen können. Lichterloh. Froh. Weil sonst kaum noch einer brennt. Kaum ein Christbaum im September. Vor den Türen der Kathedrale stehe ich. Geschmückt, kahl geschlagen. Geästet.



Geächtet.

Mittwoch, 19. September 2007

Ist ein Eisenherz tröstlicher?

Vielleicht.

Wieder Post aus Afghanistan. Dieses Mal kaum noch Erschütterung. Es ist der dritte Brief. Mein Verstummen begann beim Einsatz der Feuerwaffen. Von leichter Aufregung hin zum Beben. Ich bebe. Dort, wohin niemand sieht.

Unter Bäumen säße ich gern. Auch bei Regen. Aber überall ist asphaltiert. Und dort, wo noch Platz wäre, ist plakatiert. Suchanzeigen, Ausstellungshinweise, Kinovorschauen, Morddrohungen, Konzertansagen … . Selbst der Himmel sieht wie Plakatwand aus.

Der mit dem Gedichtband war da. Wie er seine Hände um meine schloss. Und ob ich den kleinen Brief, den er geschrieben, gelesen habe. Was ich denke und dazu meine. Wie lange ich ihn nicht gesehen habe, denke ich und überhaupt, welchen Brief? Er lächelt. Dieses ruhige, kaum berührbare Lächeln. Und ich weiß keinen Rat, dem zu entkommen. Fühle diesen verdammten Fluchtkörper, fühle mich in ihm stecken, fühle mich bleiben wollen und gehen müssen. Erbärmlich ! Erb ärmlich. Genmanipuliert. Der mit dem Gedichtband, dem Briefchen, der geht und sagt, ich solle nach dem Brief schauen. Ich rufe hinterher, ich wolle doch und Seite 58.

wenn du
über mich rutscht
wie über einen
flaumlosen Teppich
dann liege ich
auch nur unten
und fühle mich
betreten

Das ist alt.

Und ich weiß gar nicht wohin. Treiben.

Dienstag, 18. September 2007

Hell. Dunkel. Das Wetter schlägt um wie ein Sekundenzeiger. Ganz eigener Rhythmus. Reicht gerade aus die Zahl einundzwanzig auszusprechen. Sonne. Regen. Sonne. Regen. Untertauchen. Luft anhalten. Auftauchen. Atmen.

„Sonst noch einen Wunsch?“
Wo soll ich anfangen? Und das hier. Das intimste Begehren? Wie lang, wie viel Zeit bleibt noch? Wie viele Wünsche, alphabetisch oder nach Priorität?
„Warten Sie, ich muss nachdenken.“
Ob die Übrigen mehr Zeit oder schon Vorüberlegungen getroffen haben?
„Bitte!“
„Dann ein Sovitalbrot bitte.“
„Geschnitten?“
„Nein, am Stück.“


N. sagt, die Figur ist unglaubwürdig. Weint hinter der Tageszeitung wegen der immer wiederkehrenden Nachrichten und brüllt und wütet später gegen das eigene Kind. Unglaubwürdig. Nicht authentisch.

Ich habe es hingenommen, ohne über meine Glaubwürdigkeit nachzudenken. Im Text habe ich es gekürzt. Oft ist zu streichen, was den Verfasser am meisten gefällt, ihm nahe ist, ihm am Herzen liegt. So nah also. Das interessiert den Leser nicht, das braucht die Geschichte nicht. Hm. Also streiche ich. Komme zu den geforderten sieben Seiten. Neun minus Zwei.

Reduktion.

Glaubwürdigkeit. Wie kann ein Gott dann glaubwürdig sein? Der heult doch auch und
entfacht Weltkriege, sieht es zumindest geschehen. Ist doch nur projiziert. Großflächiger. Und die Narren glauben.
Sind Kritikern gegenüber kaum abgehärtet. Da wird alles persönlich genommen. Ich-Bezogen selbst im Glauben an eine Über-Macht.