Samstag, 9. Januar 2021

 

Nur weil ich nicht um Ecken denken kann, heißt das nicht, die Welt sei rund. W. sagt, alles was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen. Also behaupte ich, alles was sich denken lässt, lässt sich wenden, winden und wirbeln. Und dennoch bleibt es nur gedacht. So wie ich an W. denke und Worte sage, die nichts als Worte sind und Gedanken waren. Dabei stehe ich vor mir als stände ich neben mir und schreie. Schreie, dass jedes Wort zum Akt wird. Zu einer Tat. Ich schreie Gewaltakte und schreie gegen mich selbst an, wie ich stehe und nicht um Ecken denken aber doch schreien kann. Mit der Welt, wie wir sie kannten, ist es vorbei, schreie ich. Es ist aus und vorbei. Die Welt, wie wir sie ohne Ecken und Kanten immer nur rund und schön redeten, gibt es nicht mehr. Nichts, außer der Welt, gibt es mehr, seufze ich und warte auf deine Reaktion.

W. ist Altweibersache und Gabriel nicht der Engel, für den ihn alle halten. Denkmuster sind Strickmuster und die alten Weiber kennen sich bestens damit aus. Unterschätzt die alten Weiber nicht, schreie ich. Sie wissen mit den Händen mehr anzustellen als manch einer sich denken kann. Altweiberhände sind dem verschlissenen Rollendenken längst voraus. Um Jahrhunderte vielleicht. Ich schaue dich an und weiß, du traust mir nicht. Mir würde ich ebenso wenig vertrauen wie einer morschen Holzbrücke über reißendem Strom.

Wenn eine dir sagte und dann nicht weiterspräche, was würdest du tun? Was würdest du tun, wenn eine sagte, die Welt gibt es nicht und im selben Atemzug seufze, nichts außer der Welt gäbe es? Würdest du schweigen und meinen, die, die da spricht sei frei von Sinnen? Würdest du dich wagen und einen Schritt auf sie zugehen, auf die morsche Holzbrücke über reißendem Strom? Und wenn du wüsstest, dass die, die das sagt, Altweiberhände hat. Was würdest du tun?

Ich habe gesehen, wie ein Wort sich aus dem Wort herausschält und Handlung wird. Eine Tat. Ich habe es gesehen, habe sie stürmen, rennen und schreien gehört. Mit eigenen Augen und den Ohren vieler. Weil immer alle die Ohren aufsperren und dann die Münder dazu und die Augen, die Augen auch. Ich stand und wollte stehen bleiben, kam ins Straucheln, fiel und wurde mitgerissen. Mit offenen Augen trieb ich mit und sah immer mehr Worte sich schälen und häuten und Taten werden. Den Taten werden Schuldige folgen.  Sie werden ihnen hinterher trotten, wie anderen dem Wort, welches Glück bedeutet, nachjagen. Wie die Hunde der Fährte. Ein Jagen und Hetzen. Die Meute sind Leute.

Und jetzt lasse ich den Taten meine Worte folgen.

 

Lektüre, die den Text auslöste

Warum es die Welt nicht gibt (Markus Gabriel)
Tractus logico-philosophicus (L. Wittgenstein.

Freitag, 3. April 2020

Ich weiß nicht wann die Zukunft sich ändern wird


Ein wenig schiebt sich mir die Angst in die Schuhe. An den Fersen scheuert sie wund. Ich sehe den Weg durch die Gänge, vorbei an tausend Betten, vorbei an tausend leeren Betten mit Gestellen und Geräten ausgerüstet. Ich gehe ohne meinen Mund oder meine Worte zu schützen, ich gehe vorüber an dieser hochgerüsteten Bettenarmee und fühle die Angst Nägel in meine Fersen schlagen.
Ich atme ein. Ich atme aus. Ich gestehe dir meinen schweren Gang, die Angst in den Schuhen, ich gestehe dir, dass ich nicht weiß, wann die Zukunft sich ändern wird. Du lachst und schlägst mir auf den Hinterkopf, als wolltest du mir einen fremden Schalk aus dem Nacken schlagen. Ich greife deinen
Arm und werde laut. Du lachst einfach weiter und windest deinen Arm aus meinem Griff. Du warst immer schon stärker als ich. Ich lasse dich lachen und gehe langsam weiter, die aufgerissene Haut an den Fersen spürend. Deine Haare zittern. Jedes einzelne Haar zittert. Die Angst, denke ich, dich hat sie bei den Haaren gefasst und wir gehen weiter, legen auf jedes einzelne Bett einen ultrasteril verpackten Einmalbezug. Einmal und dann nie wieder, denke ich. Einmal zwischen diesen Betten wandeln, einmal diese Luft aus den Maschinen atmen. Und dann nicht mehr.

Ich weiß nicht, wann und ob sich die Zukunft ändern wird.

Hinter oder über uns, ich kann es nicht genau orten, ertönt das Dauerdröhnen der Wachdrohnen, eine automatische Stimme weist uns an, den vorgeschriebenen Abstand zu halten, nicht stehen zu bleiben. Und dann die strengere Zurechtweisung: Keinen Körperkontakt! Gehen sie weiter, erledigen sie die Arbeit zügig! Das Drohnensurren wird dringlich, droht. Deine zitternden Haare streichst du dir gekonnt zwischen Gummi und Ohren, ich sehe deine schmalen Finger, dein Lächeln sehe ich hinter dem Mundschutz nicht. Ich fühle mich ungeschützt und ziehe die Atemmaske über Mund und Nase. Die Drohne begleitet uns noch einige Meter, sie surrt und spricht in kurzen Abständen. Die automatisierten Anweisungen sind keinem Geschlecht zuzuordnen. Überhaupt ist seit den Abstandsregeln die Geschlechterfrage weniger oft gestellt worden. Durch die Halle, zwischen den Gestellen und Betten schallen unsere Schritte wieder. Wir atmen, wir gehen, wir legen ultrasterile Einmalbezüge auf die wieder unbelegten Matratzen. Hinter uns rückt der Kontrolltrupp nach. Sie prüfen die Beatmungsgeräte. Für den nächsten Tag werden tausend Neuankömmlinge erwartet. Alles muss geprüft, gereinigt und vorbereitet sein. Diejenigen, die zuvor in diesen Betten lagen, sind bereits am Vortag verabschiedet worden. 

In meinen Schuhen schlägt die Angst weitere Nägel, von den Fersen arbeitet sie sich zum Mittelfuß vor. Meine Schritte sind langsam, sind schwer, schmerzen. Die Drohne schwirrt irgendwo durch die Halle, ich weiß, sie haben mich im Blick. Dort in ihrem Kontrollraum, auf ihren großen Monitoren sehen sie mich, sehen uns, wie wir gehen, wie wir arbeiten, sahen, dass ich deinen Arm griff, sahen, dass du stärker bist als ich. Vor ihnen sind wir ungeschützt. Auch außerhalb dieser Halle ist ihr Surren zu hören. Sie sehen auf ihren breitaufgestellten Monitoren wie ich esse, wie ich schlafe.

Was ich denke, sehen sie noch nicht. Aber auch das wird sich ändern. Sie brauchten nur Monate bis alle, die übrig geblieben waren, für ihr System relevant wurden. Wir wurden einfach umgeschult. Seit sechs Wochen bin ich im System als Sterbebegleiterin registriert.

Dienstag, 20. August 2019

Fingernagelrand. Meine Spaziermeile.

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Mit der Zeit gelingen mir Spiralen in der Luft.
Ich fixiere mit den Augen einen Punkt
und dann spiralisiere ich diesen.

Die Luft wirbelt, wirft Staub
in trockenen Mündern auf, zieht ihn mittig
in das Wirbelinnere, zieht den Staub
aus den ungeöffneten Mündern,
spiralisiert sich, solange ich den Punkt
in der Luft mit eigenen Augen fixiere.

Ein Lidschlag und die Spirale bricht in sich zusammen.
Staubige Angelegenheit.

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Bin mit meinen Wünschen und Ideen an den Rand der Realität gestoßen. Wer rubbelt, verrubbelt den Gewinn, denn die Realität muss erhalten bleiben. Manche halten das für wünschenswert. Aber in der Lostrommel schlafen nur Nieten. Das ist die Realität, sage ich.

Mittwoch, 5. Juni 2019

Den Hühnern brennt das Gras unter den Krallen. Das Kindergekreisch klirrt von den Fliesen des Schwimmbeckens zurück, klirrt durch die flimmernde Luft, klirrt gegen Glas, klirrt unter den Krallen der Gehegehühner, klirrt im brennenden Gras. Chlorgeruch liegt mir in der Nase und irgendwo das Gefühl einer Kindheit aus Freilandleben.

Donnerstag, 30. August 2018

Die kurze Zeit deines Lachens

Läufst nachts durch die Straßen und klopfst an die Türen der Nachbarn. Läufst und rufst und klopfst und weißt am darauf folgenden Tag von alledem nichts mehr. Schimpfst mich eine Lügnerin, schimpfst mit Tränen in den Augen, mit bläulich schimmernden Schatten unter deiner weißen, dünnen Haut. Du grübelst und klopfst dir gegen den eigenen Kopf, klopfst und würdest doch schlagen wollen, weil dein Kopf dir unvertraut wird. Vielleicht glaubst du sogar, er käme dir abhanden. Oder aber ich, ich, die Lügnerin. Ich Kassandra in verkehrter Zeitabfolge des Gesehenen, ich käme dir abhanden. Und wie wir alle weinen, weinst auch du, sobald du allein bist, weine auch ich, sobald ich allein bin. Alle weinen wie du weinst.
Deine Hände verschränkst du vor deinem Bauch, die Daumen kreisen umeinander. Du bist unruhig und sagst das auch. So dünn die Haut unter deinen Augen, aber wenn du lachst, siehst du, für die kurze Zeit deines Lachens, glücklich aus.

Sonntag, 19. August 2018

Sagst, du kannst und du willst auch nicht mehr. Sagst das und kraulst dich mit den abgerundeten Fingerkuppen hinter den Ohren. Sagst, das Alles täte dir nicht gut. Und überhaupt! Ja, sage ich. Schlussstrich. Luftmatratze. Blasebalg. Kannst du pumpen und den Stecker ziehen. Luft ablassen. Du sitzt und ich sehe dich kraulen und weinen und schweigen und schauen und fürchten.

Und nichts als die Welt dreht sich weiter. Dreht sich nicht um dich. Nichts und niemand dreht sich um dich. Auch wenn es laut ist nicht. Ich atme. Und das nicht nebenher wie sonst üblich sondern bewusst und deutlich, als solltest du nichts als mein Atmen hören. Hörst du mich!

Dass ich große Knochen habe, sage ich. Und du schaust und kraulst einfach weiter, als hätte ich nichts gesagt. Und ich stehe vor dir, kratze dir den Schorf von den Wunden, kratze und pule bis es blutet. Du sagst nichts. Nicht dazu und auch sonst. Zum Beispiel zum Drehen der Welt sagst du nichts.

Amygdala. Ist ein schönes Wort, sage ich. Hast du Angst? Vor schönen Worten vielleicht oder sonst vor den Dingen, wie sie sind und was sie anzurichten vermögen. Fürchtest du dich? Man sagt nicht umsonst, Hunde können deine Angst riechen. Und dass Stöcke im Unterholz die Angst vor Schlangen lostreten. Amygdala, wiederhole ich. Aber du sagst nichts außer, dass du nicht mehr willst und auch nicht kannst. Und die Angstanlage hast du abgeschaltet, nirgends schrillt Alarm.

Limbisch drehe ich mich ein, winde mich um deinen Balken, der zwischen deiner rechten und deiner linken Weltsicht steht. Säume deine Wahrnehmung,  am Balken wie ein Segel im Wind gespannt. Doch du sagst nichts. Vielleicht weil du jetzt weißt, dass sich nichts, nicht einmal die Welt um dich dreht. Drehdichein. Sage ich und gucke und bete dir die Fachtermini nicht am Rosenkranz aber doch schmerzverzerrt herunter.

Inzidenz. Prävalenz. Morbidität. Letalität von letum, letalis.

All das Wissen hübsch in Worte gepackt. Ich euphemisiere dir gern die Welt, die sich nicht um dich drehen möchte. Auch nicht, wenn du mit den Füßen auf den Boden stampfst. Auch dann nicht!

Mit den Händen halte ich meinen Mund, ihn nicht immer sprechen zu lassen. In all das Schweigen, das auszuhalten gelernt sein möchte, in all dieses Schweigen hinein halte ich meinen Mund mit den Händen. Du sitzt und ich sehe dich sitzen. Ausgesetzt habe ich dich. Hineingesetzt in diese Welt, zu diesen Menschen, die nicht deine Welt zu sein scheint, zu Menschen, die dir nicht ähnlich zu sein scheinen. Da sitzt du nun. Sitzt dich aus. Sage ich. Luftmatratze, Blasebalg.


Was fehlt dir denn, frage ich. Und du suchst mit deinen abgerundeten Fingerkuppen Halt zu finden. Lächerlich!  Mir fehlt es an Worten, mir fehlt es an Zahlen, mir fehlen Gedanken, Gefühle fehlen mir nicht. Mir fehlt ein Verständnis der Dinge, die ich da sage, halte ich mir nicht mit Händen den Mund zu. Mir fehlt eine Reizstärke, die ausreichend wäre, in mir auch einmal etwas loszutreten. Es fehlt mir an Menschen, die schwindelfrei meine Drehdicheinzeit aushalten. Es fehlen die Winde in den Segeln um weiter, um endlich vorwärts zu kommen. Es fehlt mir an Ruhe in der Welt, die sich nicht um mich, aber doch drehen möchte. Dreht.

Dienstag, 14. August 2018

Ich sage immer, mir brennen die Augen und dass das der Ruß der letzten Jahre sei. Auf dem Rad zum Beispiel oder in der Bahn. Wenn ich an der Ampel stehe und mich jemand fragt, weshalb ich weine, oder wenn mir in der Bahn jemand gegenüber sitzt und sieht, dass meine Augen tränen und der mich fragt. Dann sage ich das.

Und es fühlt sich auch so an. Zuerst spüre ich den Rand meiner Augen. Diese zarte, hell schimmernde Haut, diesen Rand, den manche Menschen farblich noch weiter linieren. Genau da beginnt der Brand und zieht sich in das jeweilige Auge hinein und kreiselt inwendig weiter. Es kommt vor, dass das rechte Auge weniger stark brennt. Aber auch andersherum. Dann weidet das Brennen, wird flächig, sodass Tränen hervorschießen, als wollten sie das Feuer löschen. Das passiert in meinen Augen, der Rest meines Körpers bleibt unbetroffen, als wären Abschirmdämme oder Schutzwälle vor den Rändern meiner Augen aufgestellt worden. Der restliche Körper fährt Fahrrad oder sitzt in der Bahn oder steht, geht, liegt. Das hängt von der Uhrzeit ab.