"Dies hier sind so meine eigenen Einfälle, wodurch ich nicht beabsichtige, das Wesen der Dinge ans Licht zu bringen, sondern mich selbst." Michel de Montaigne
Sonntag, 11. März 2018
All die fein gefädelten Grenzschnüre. All die Maschen und Ängste. All die betretenen Wege um mich herum. Wege aus meinem Elternhaus heraus, Wege nach Westen, Süden und jetzt der Osten, Wege zu Menschen und Wege von Menschen fort, Wege dorthin, wo niemand niemanden im Weg steht.
Meine Wohnung im elften Stockwerk hat raufaserweiße Wände. Keine Fotos, keine Schränke. Die Matratze auf dem Boden, die drei leeren Teller auf dem Fensterbrett. Das Glas Gemüsebrühe neben der Herdplatte, auf der der Topf steht, heute noch unberührt. Elf Etagen zu mir zu kommen. Morgens, mittags oder abends, immer habe ich diese elf Etagen Zeit. 23 Stufen pro Etage.
Selten kommen Menschen zu mir in die elfte Etage. Wenn jemand kommt, klingelt er oder sie am Fuß des Hauses, berührt das Klingelschild, berührt meinen Namen und spricht automatisch die immer gleiche Floskel in den Lautsprecher. Unten am Fuß des Hauses steht dann jemand und spricht mit mir, die ich elf Etagen darüber stehe und nicht durch das Fenster hinunter, sondern auf einen grauen Fleck an meiner Raufaserwand schaue. Der Mann, der die Zähler an den Heizkörpern ablesen möchte, zum Beispiel. Solche Männer kommen die elf Etagen a 23 Stufen zu mir herauf, und ich weiß dann, nach dem Berühren meines Namens werde ich knapp diese elf Etagen Zeit haben. Ich sage knapp, weil bisher keine zwei Menschen genau dieselbe Zeit benötigt haben.
Der Fahrstuhl ist außer Betrieb. Die übrigen Bewohner des Haues stören sich daran. Ich kenne sie nicht, lese aber immer die Aushänge im Treppenhaus. Beschwerdebriefe, Mahnungen an die Wohngenossenschaft, an den Verwalter und auch sonst wird sich hier viel schriftlich beschwert.
Dienstag, 17. Oktober 2017
Ich schreibe, also dachte ich, also fühlte ich. Also war ich
oder bin es noch. Weil ich schreibe und dachte und fühlte und fühle und denke
und schreibe. Deswegen bin ich. Noch. Und wenn ich nicht mehr bin, werden dort
Worte sein. Gedachtes, Gefühltes. Ich werde dann nicht sein. Nicht mehr sein.
Es wird nur etwas übrig geblieben sein. Ein Rest.
Ein Rest vom Gedachten, vom Gefühlten, vom Gewicht einiger
Worte. Ein Rest von mir.
Ich habe mich ausgeschrieben. Über Mutter und Vater und, Ja,
vielleicht aus- und leergeschrieben. „Zum Glück“, werden die einen sagen, „Schade“,
vielleicht ein anderer, kleinerer Teil derer, die lesen und lasen. Mutter und Vater
mussten herhalten. Mein ICH habe ich strapaziert, habe es ausgeweitet, ausgeweidet,
bekleistert und an Wände tapeziert. Habe mein ICH aus meiner Perspektive
hervor- und manchmal auch empor gehoben. Mutter, Vater und andere schnitten schlechter ab. Sie mussten herhalten, aushalten, festhalten am Glauben der
Tochterliebe.
Ich liebe meine Mutter. Ich liebe meinen Vater. Es fällt mir
nicht leicht das zu sagen. Es fällt mir noch schwerer es offen zu zeigen. Distanz
ist ein wunderbares Heilmittel, Mittel. Sprechen lernt man nur, was man
vorgesprochen bekommt. Eine Zeit lang. Eine ganze Zeit lang ist das so. Dann
lernt man auch von anderen, nicht mehr nur Mutter und Vater.
Ich habe mich ausgeschrieben.
Ich habe mich meinem ICH zugewandt und wende mich nun
anderen zu. Anderen Menschen, anderen Leben, anderen ICH´S, wie sie leben und
denken und fühlen und sind.
Und es wird möglich sein, mich meinem ICH dann anders
zuzuwenden. Dinge an- und auszusprechen, die ich bisher nicht sprach. Mich um
mein ICH zu kümmern, statt darüber zu schreiben. Und auszuhalten. Dieses ICH in
all seinen Zuständen. Weil die Zustände sich ändern lassen werden. Meine
ICH-Zustände. Die Wut. Die Angst. Die Verzweiflung. Das Alleinsein. Das
Anderssein.
Ich habe mit dem Schreiben das Sprechen gelernt.
Über Stock und über Stein, der Hans fällt immer, das
Hänschen sowieso hinein.
Hinein in die Zeit, in das eigene und in das Leben anderer.
Die Zeit läuft, die Orte wie die Menschen wechseln. Wo Hänschen hinfiel, bleibt
Hans vielleicht nicht länger liegen.
Mittwoch, 13. September 2017
Schlägst deine Worte mit Hammerschwung von oben, immer von deinem
Oben auf mich hinab. Stoßworte. Gewaltworte mit Traumaschäden im Gepäck. Verkrümmt
verkümmert mein Wirbelwrack. So laufe ich durch die Welt, so laufe ich Tag und
Stunde um Stunde, laufe auf dich zu, vor dir davon, laufe bis die Bandscheiben
aus den Fugen geraten. Keine Nacht reicht aus, die Knorpelscheiben neu aufzurüsten.
Keine Nacht genügt, sodass an einem Morgen das Aufrechtstehen doch noch
gelingt.
Hinterlistig mein Krummrücken, sagst du. Arrogant meine Schief-, meine Sonderstellung zwischen dem Aufrechtmarsch deiner Wahrnehmungen. Abgestumpft nennst du mich? Nein. Das hast du nicht gesagt, das stimmt. Du sagtest, so müsse man sein um hier gut zurechtzukommen. Mit mir. So fasse ich das auf. Ich fühle mich angegriffen, fühle mich von diesen Worten umzingelt, verletzt, fühle mich von dir so wahrgenommen. Nein, du hast nicht gesagt, dass ich so sei. Nein. Das hast du nicht gesagt.
Ich schlage die Worte nach.
Hinterlistig: hintenherum, insgeheim, intrigant, ränkevoll,
clever, durchtrieben, gerissen, heimtückisch
Abgestumpft: abwartend, passiv,
apathisch, desinteressiert, gleichgültig, unempfindlich
Ich fürchte nach deinen Worten, die du nicht direkt zu mir sagtest
(vielleicht aber nur, weil du die Gelegenheit nicht dazu hattest), ich fürchte
nun um mein Stumpfsein, mein geschärftes, mein geschütztes Empfinden. Bin ich
abgestumpft? Ich stelle mir einen gebrochenen Baumstumpf vor. Spitz, brüchig,
Innenleben von Insekten durchstöbert, die Rinde gerissen, zersplittert, das
Mark fest und dunkel. Wie lange muss ein Stumpf im Wasser wälzen um seine
Spitzfindigkeiten zu verlieren, um abzurunden, abzustumpfen? Bin ich so lange
Zeit entrückt, dass mir die Empfindungen nicht mehr klar werden? Ich bange um
meinen Empfindungszustand.
Sag doch, sag mir wie du mich
erlebst wenn ich rede, wenn ich schweige, wenn ich staune, frage, schaue, mich
wundere, mich zu- oder abwende. Wie erlebst du mich denn?
Die Räume in mir, die meine
gesammelten Wunden beherbergen, diese Wundräume betrittst du nicht!
Abschlusskammern, habe ich sie genannt. Zum Verschluss und Verschleiß gedacht,
extra dafür her- und eingerichtet. Nicht einmal in deren Nähe lasse ich dich,
nicht dich, nicht deine Hammerworte, nicht deinen Sandkornangriff. Ich bin
gewappnet. Den Rücken kannst du krumm schlagen, die Wirbelkörper aus ihren
Fugen treiben. Die richte ich wieder ein, die krümme ich zu anderer Zeit in die
andere Richtung.
Hinterlistig mein Krummrücken.
Ja!
Montag, 11. September 2017
Es verschwimmen die Grenzen. Deine Arme, deine Beine, deine
Stimme und auch deine Blicke sind mir zu nah, kreuzen und berühren mich. Ich
fühle mich unwohl an Orten meines Körpers, die weit über meine Hautgrenzen
hinausreichen. Ich ranke aus mir selbst heraus mit all dem Unwohlsein.
Du gehst durch den Raum und ohne dass du es bemerkst, reihst
du Ängste in mir auf. Eine nach der anderen nehmen sie Gestalt an. Zorn- und
Wutgestalten. Alle Ängste sind kostümiert und du wählst das ausgefallenste
Kostüm, kürst es zur Verkleidung des
Tages und alles in mir beginnt zu schäumen. Ich schäume über, schäume aus Ecken
und Kanten, Öffnungen und Hoffnungen meines Körpers, meiner selbst heraus. Ich
überschäume mich vor deinen Augen.
Es verschwimmen die Grenzen.
Der Herbst brach in den Sommer. Meine Kleider rissen am Saum,
meine Füße zeigen weiße Stellen nur da, wo die Sandalen die Schnüre banden. Mein
Bauch zeigt Wölbungen und die Stimmen im Rücken nennen Frauen in meinem Alter „ältere
Damen“. Ich werde zu früh gebären. Ich werde im Inkubator liegen und irgendwer
steht davor und guckt und guckt und berührt mich, als berührte er oder sie
meine Ängste. Nichts als Ängste, die dort intubiert und künstlich ernährt
werden. Das Alter schützt dich nicht, sage ich zu mir als glaubte ich das
nicht. Ich sage das und baue mir ein Nest aus Jahresringen. Ringe, die mich in
meinen Grenzen halten.
Und dann sehe ich dich. Rieche deine Bewegungen, schmecke
deine Sprache, deine Stimme, die immer nur tönen. In meinen Ohren immer nur
tönen. Und wenn ich wollte, könnte ich dich intubieren, deine Stimmlippen nicht
zu umgehen. Und dann … . Vielleicht
wärest du ein klein wenig leiser. So ein klein wenig leise, dass sich meine
Ängste nicht mehr von dir aufreihen ließen, so stimmlos wie du deine Befehle
gäbest.
Die ältere Dame, die ich dann unkostümiert vor die stände,
diese ältere Dame lächelte dann. Schaute dir ins Kindergesicht und würde nichts
anderes tun als lächeln. Das sei die Gelassenheit des Alters, könnte ich
denken, die Gelassenheit der Ruhe und Erfahrung, würde ich sagen. Komm du erst einmal
dorthin, oder komm du erst einmal dort an, wo ich jetzt bereits stehe, würde
ich an dein Inkubatorglas klopfend sagen können. Doch ich denke, ich würde
nichts sagen, nur gucken und staunen und gucken und staunen, wie eine so kleine
Gestalt, so eine Größe hatte annehmen können.
Ich sehe dich und ziehe Hautschicht für Hautschicht meine
Grenzen.Hfddd>yDDKWJENFÜIUE
Mittwoch, 16. August 2017
Ich habe gehört, in Amerika
hat ein Zweijähriges Mädchen die Mutter mit deren Pistole erschossen. Das ist
doch Wahnsinn! Wissen sie, das mit dem Tod, das ist wie mit Streichhölzern, das
ist nichts für Kinderhände. Die eigene Mutter erschossen, die ist jetzt nicht
mehr und das Kind muss damit leben, muss damit vielleicht 100 Jahre lang am
Leben bleiben.
Spricht auch keiner drüber.
Der Tod ist so etwas Unausgesprochenes. Bei uns jedenfalls, also in der
Familie. Wir sagen dann: der ist nicht mehr. Was ja auch stimmt. Der ist ja
nicht mehr. Nicht mehr existent, nicht mehr unter uns, nicht mehr am Leben,
nicht mehr zu sehen, zu hören, zu riechen. Einfach überhaupt nicht mehr.
Nirgends. Und deswegen lässt sich da auch gar nichts sagen. Wie wollen Sie denn
etwas sagen, was nicht ist. Und wie wollen Sie etwas sagen, was sie nicht sagen
können?
Um das zu verstehen, muss
ich nicht Wittgenstein gelesen haben.
„Wovon man nicht sprechen
kann, darüber muss man schweigen.“, sagt der. Nein, sagt der nicht, ist ja
längst tot, hat er aber aufgeschrieben, sodass man es nachlesen kann – noch
lange nach seinem Tod. Von dem ist da also doch noch was.
Mütterlicherseits alle tot. Familiäres Todesalter zwischen 40 und 50
Jahren. Familiäre Todesursache: plötzliches Herzversagen.
Soldaten zum Beispiel, ja.
Da heißt das nicht einfach, der ist nicht mehr. Heißt auch nicht, der ist tot.
Der Umstand, durch den ein Soldat das Leben verliert, habe ich gelesen,
entscheidet, was zu sagen ist. Ob der nun ein Gefallener oder ein Getöteter
ist. Muss man sich mal vorstellen, als würde das irgendwas ändern. Vor allem
für die, die da eben noch sind und noch Jahre vielleicht bleiben. Gefallen ist
der Soldat nämlich nur, habe ich gelesen, wenn der durch gegnerische
Fremdeinwirkung zu Tode gekommen ist. Ansonsten ist der getötet. Was weiß ich,
wenn ein Panzer aus eigener Reihe den umfährt oder so. Oder wenn der rennt,
weil der vielleicht vor Gegnern flüchtet und dann einen Herzinfarkt hat. Dann
ist der nicht gefallen, wenn der denn dadurch gestorben ist, also durch den
Herzinfarkt. Aber getötet ist der dann doch auch nicht, ist eben gestorben, wie
wir Nichtsoldaten sterben. Oder?
Wie kommen denn Soldaten zu Tode, wenn nicht durch gegnerische Fremdeinwirkung, und ist das nicht sowieso doppelt gemoppelt. Ist der Gegner nicht immer der Fremde? Sollte es eine nicht gegnerische Fremdeinwirkung geben? Das verstehe, wer wolle. Wenn es also aus den eigenen Reihen kommt, oder? Dann ist das nicht gegnerisch, aber wohl doch ein Fremdeinwirken.
Aber da hält man vielleicht auch besser die Klappe drüber. Über tote Soldaten spricht keiner gern. Über die Gefallenen, ja. Zu deren Ehren und so. Aber zum Beispiel über die, die sich selbst das Leben nehmen, also durch Selbsteinwirkung sterben. Da spricht doch keiner drüber. Warum die das machen oder wie viele das schon gemacht haben. Über Selbstmord zu reden ist eh ganz schwer. Selbsttötung. Ist schon ein hartes Wort und die Tat erst. Die können einem leidtun.
Was rennen die denn auch mit den Waffen durch die Wüste. Wird doch keiner gezwungen. Ich kenne einen, der das gemacht hat, aber der spricht da auch nicht drüber. Hält immer fein die Klappe oder sagt, sie hätten nur Straßen in die Wüste gelegt. Hübsch den ganzen Wüstensand asphaltiert.
Aber wenn du als Soldat durch die Wüste rennst, zum Beispiel, dann hast du dich doch vorher damit auseinandergesetzt, denke ich. Also mit dem Sterben. Da rennst du doch irgendwie dem Tod davon und gleichzeitig jagst du den vor dir her, jagst den Tod anderen in den Nacken, hetzt und hitzt, überhastet und stirbst.
Wie kommen denn Soldaten zu Tode, wenn nicht durch gegnerische Fremdeinwirkung, und ist das nicht sowieso doppelt gemoppelt. Ist der Gegner nicht immer der Fremde? Sollte es eine nicht gegnerische Fremdeinwirkung geben? Das verstehe, wer wolle. Wenn es also aus den eigenen Reihen kommt, oder? Dann ist das nicht gegnerisch, aber wohl doch ein Fremdeinwirken.
Aber da hält man vielleicht auch besser die Klappe drüber. Über tote Soldaten spricht keiner gern. Über die Gefallenen, ja. Zu deren Ehren und so. Aber zum Beispiel über die, die sich selbst das Leben nehmen, also durch Selbsteinwirkung sterben. Da spricht doch keiner drüber. Warum die das machen oder wie viele das schon gemacht haben. Über Selbstmord zu reden ist eh ganz schwer. Selbsttötung. Ist schon ein hartes Wort und die Tat erst. Die können einem leidtun.
Was rennen die denn auch mit den Waffen durch die Wüste. Wird doch keiner gezwungen. Ich kenne einen, der das gemacht hat, aber der spricht da auch nicht drüber. Hält immer fein die Klappe oder sagt, sie hätten nur Straßen in die Wüste gelegt. Hübsch den ganzen Wüstensand asphaltiert.
Aber wenn du als Soldat durch die Wüste rennst, zum Beispiel, dann hast du dich doch vorher damit auseinandergesetzt, denke ich. Also mit dem Sterben. Da rennst du doch irgendwie dem Tod davon und gleichzeitig jagst du den vor dir her, jagst den Tod anderen in den Nacken, hetzt und hitzt, überhastet und stirbst.
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