Dienstag, 25. April 2017

Du sagtest, du könntest und wolltest nicht mehr. Das ist Monate her. Heute bin ich es, die hier sitzt und nichts kann, nichts möchte, einfach nur sitzen oder stehen oder … Ich weiß nicht einmal, ob ich sitze oder stehe, so oder so ist mir, als würde ich schlafen. Ein Schlaf-, ein Ich-Nehme-An-Der-Welt-Nicht-Teil-Zustand. Ein Ausstand! Aus der Welt, aus dem Leben, aus meinem Leben, aus mir selbst heraus gestellt. Das scheint der Zustand zu sein. Ich sehe das so von draußen her. Der ganze Körper ist nicht da, lässt sich nur wie eine Last tragen. Sonst nichts.

Hin und wieder machen die Nerven mit und innervieren die Gesichtsmuskulatur. Ich lächle. Ich schlucke. Aber sonst mache ich nichts. Nicht viele Gehirn- und Assoziationsbahnen arbeiten da mit. Ruhemodus. Hier und da ein Signal, ich bin noch da, ich bin dabei, ich höre usw.. Aber mehr ist da nicht.

Die Finger wissen die Haare nicht zu kraulen.

Ich weiß um diese Alleinstellung. Ein Stellungsspiel. Spieldichein. Schau her und nimm, was ich zu geben bereit stehe. Komm aus deiner Hab-Acht-Stellung und nimm von meiner Ich-gebe-was-ich-habe-Einstellung. Alles wird super! Alles ist toll! Da innerviert schon ein Nerv die vielen Muskeln, dass ich auch - und wenn nur -  ein Lächeln bereitstelle.

Der ganze Körper ist da in seiner Last. Und das Hirn ist ein GedankenLastenWerfer.

Gedankenlast-Entwerfer.

Es wirft und fängt und kreiselt und strickt und verfängt und langweilt sich zu lästiger Langeweile. Ich weiß nicht, ob du das kennst, ob du dieses Gefühl kennst, dich selbst bis auf einen kleinsten Sinnennenner zurückzuschrauben. Nur um auszuhalten. Still und leise. Denn die Übrigen sind schon laut in all ihren Worten und Gesten und in all ihrem Sein. Dasein. Nimmst also eine Schraubzwinge und schraubst und zwingst und schraubst und zwingst …. Dich kleinstmöglich zu pressen.

Und wenn ich das sage. Dann fühlt sich ein anderer auf den Kopf geschlagen, fühlt sich von mir auf die Seite der Wippe, die immer am Boden bleibt, gesetzt. Degradiert. Ich war immer leicht im Sein, hing auf der Wippe immer in der Luft. Kein Fuß auf den Boden zu setzen!

Kein Fuß in eine Tür zu kriegen. Schmeichelhof. Ich kenne dich und du kennst den und die und ich kenne noch den und dort hinten, ja, die kenne ich auch. Komm, wir machen uns alle miteinander bekannt. Wenn jeder jeden kennt, bleibt keiner mehr unbekannt. Wir schütteln uns die Hände und malen uns schönste Buchstaben in die Gästebücher. Früher feilten wir Feinstworte in Feinschrift für die Poesiealben.  Heute zählt allein das Geschmeichel von den Schmeichelhöfen.

Ich gucke und sehe und trage meinen lastigen Körper spazieren. Treppauf. Treppab. Auto-rein. Auto-raus. Fußweg. Stufe. Tür. Stühle. Setzdichein und sitz dich aus. Bleib und höre. Schreib Worte auf Zettel. Sag dies. Sag das. Ich trage diesen Körper und stelle ihn zwischen Menschen. Bleibe leise und still. Da ist noch Schraubraum in der Spielzwinge.



Donnerstag, 23. Februar 2017



Sie beißt. Beißt sich so regelmäßig in den Arm, wie andere auf ihre Uhren schauen. Uhrzeiten, die längst nicht mehr am Handgelenk festhängen. Uhrzeiten, die aus der Hosentasche gezogen und flach vor sich gehalten, mit der Wetterlage und gerade getippten Worten abgeglichen werden. Die Uhrzeit, denke ich, ist auch nur ein Dasein, eine Lage in der Welt, eine Achse des Systems. Beinah sogar, ist die Uhrzeit von ihrer Wichtig- und Notwendigkeit losgelöst. Von uns jedenfalls. Oder wir von ihr? Wir, die wir immer und immer und immer und immer erreichbar, einsetzbar, verfügbar sind. Hier bin ich, hier habe ich zu sein!  Hier    und    dort    und    da    und    jetzt    und   später    und    bald   und, und,   und.  Die Uhrzeit in der Hosentasche glänzt und leuchtet und vibriert.


Sie beißt sich. Beißt in den Arm und um die Bissstelle wuchern Haare, ein dunkles Gewächs, eine Abwehr, eine Mauer, die nicht schützt. Haare. Anders kann der Körper nicht. Haare zum Schutz gegen äußere Einflüsse. Als würden wir nicht jedes Einzelne zupfen, reißen, schneiden können. Als zupften, schnitten wir nicht, als rissen wir nicht, als würde nicht einer von uns, jedes einzelne Haar, mit einer Pinzette greifen und heraus zerren. 

Ich sitze in der Bahn der gegenüber, die sich beißt. Neben ihr hat niemand Platz genommen. Neben mir Frauen im Gespräch. Die Gegenüber beißt sich. Links von mir redet eine von Radieschen im Winter, ihre Mitrednerin berichtet von Erdbeeren. Ich höre sie die Köpfe schütteln, während ich die Gegenüber beißen sehe.

Ich bin erschöpft. Meine Tasche habe ich auf dem Plastiksitz in der S-Bahn-Station stehen lassen. Unbeabsichtigt! Erst als die Bahn längst aus dem Tunnel ausgefahren war, fiel mir auf, was mir fehlt. Ich hätte aus der Bahn springen und die nächste in die Gegenrichtung nehmen, hoffen können, meine Tasche würde noch dort stehen, wo ich sie hatte stehen lassen. Das tat ich nicht. Ich blieb sitzen. Ich sitze noch immer und fahre Ringbahn. Einmal um den Stadtkern. Mit Aussicht auf eine Frau, die sich in den Arm beißt, der Haare aus der Bisswunde wuchern, mit Ausblick auf eine Zeit ohne Tasche, eine Zeit ohne Gehäuse.

Ich bin erschöpft. Erst als die Frau mit den Radieschen mir ein Taschentuch hinhält, bemerke ich meine Tränen. Es passiert mir das erste Mal, dass ich vor Erschöpfung weine. Oder auch deshalb, weil ich vor Erschöpfung nicht weiß, wohin und was und weshalb und wann. Ich sitze. Die Frau mit den Radieschen und ihre Mitrednerin sind längst ausgestiegen. Ich sitze und wir fahren inzwischen zum dritten Mal in den S-Bahnhof Gesundbrunnen ein. Steig aus, denke ich. Steig aus, schreie ich der Beisserin entgegen. Sie solle hier endlich aussteigen. GESUNDBRUNNEN, brülle ich. Hier solle sie aussteigen und in den Brunnen springen. Wie Goldmarie, schreie ich. Und da guckt sie mich an, nimmt ihre haarige Bissstelle zwischen ihren Zähnen hervor. Goldmarie, sagt sie und lacht. Hält den unbebissen Nichtsnutzarm vor den Mund und lacht, kreischt. Ja. Goldmarie, sage ich. Und hier sei für sie jetzt Endstation. AUSSTEIGEN, brülle ich.

Ringbahn. Zurücktreten. Bitte!, nuschelt der Fahrer durch Lautsprecher.

Sonntag, 1. Januar 2017



Der Text ist für Drei, die ich mag und bei denen ich mich bedanken möchte

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Ich höre sie. Von weitem schon klingen sie an mich heran. Dieses Heranklingen ist wie das erste Vogelzwitschern nach einem kalten, langen Winter. Es verspricht Frühling. Und während sie aus der Ferne so klingen, frage ich mich, inwieweit es sein kann, dass Frühling am ersten Januar ausbricht, frage ich mich, ob das Klingen ein Hirn- oder ein Ohr-, gar ein Gemütsgespinst sein kann. Ein Gespinst, welches bei mir eine Reaktionsverwirrung hervorruft. Ich glaube nicht an Frühlingsgezwitscher im Januar. Und doch. Sie zwitschern schon aus der Ferne an mich heran.

Diese drei Gestalten. Und ich wage die Legenden von der zwei-halbkreisigen Zahl drei nicht zu denken. Drei Geschwister, drei Wünsche, drei Haselnüsse, drei Rätsel, drei goldene Haare, die drei heiligen Könige und sogar an die Dreieinigkeit, denke ich nicht. Also denke ich an sieben, sieben ist meine Zahl: sieben Tage, die sieben Raben, die sieben Zwerge, auf Wolke sieben, das Buch mit sieben Siegeln. Ob eine Katze sieben oder neun Leben hat, darüber streiten Menschen. Nicht Katzen. Die sieben Todsünden. Siebenhäutig mein Kleid. 

Von weitem sind diese Drei an mich heran getreten. Haben Finger und Worte ausgestreckt, haben gelacht, gesprochen, geschwiegen, geschrien, getan als seien das nicht alles Dinge, die man einander erst mit Abstand probiert. So, wie ich es probieren würde. Mit und im Abstand zueinander. Sie haben sich mir so nah niedergelassen, wie kein Frühlingsvogel dem Januar freiwillig kommt. 

Ich in meiner geradlinig abgemessenen Weiträumigkeit, konnte nicht in meine Randgebiete finden. Ich blieb still und bewegungslos und habe die Finger und Worte machen lassen. Habe Abstand und Auswegmarkierungen einfach sein lassen. Vernachlässige sie. 

Am ersten Januar Frühlingsgezwitscher! Wer sagt, dass das nicht geht?

Ich denke darüber nicht länger nach. Denke nicht an den Klimawandel und ob das wirklich ein Dilemma oder nicht eher die Folge der Zeit sein kann. Menschgemacht oder naturgemäß. Ich denke nicht unbedingt länger über drei oder sieben oder die gemeinsamen Nenner des Ganzen nach. Ich beschaue die Weiträumigkeit ohne gleichzeitig den Abstand zu wahren und lausche dem inzwischen vertrauten Heranklingen. Von weitem schon.

Ich höre euch zwitschern.

Freitag, 30. Dezember 2016

6 aus 49


Strickst sieben mal sieben deine Laken. Eine Unsicherheit reihst du an die andere, reihst sie auf und aneinander bis sieben mal sieben die Fläche ergibt.  Wir sitzen auf deinen Teppichen als wollten wir fliegen. Sieben mal sieben Meilen weit, ohne Stiefel oder andere Zaubertricks. Weg von dem, was wir einander ausmachen, weg von dem, was ich dir anvertrauen möchte, weg von dem Muthaufen, den ich seit Tagen durch das Sieb werfe und anhäufe.

Ich möchte mich, meiner, mir offenbaren. Und wenn ich DU sage, meine ich ICH.

Ich stricke sieben mal sieben meine Laken. Eine Unsicherheit reihe ich an die andere, ich reihe sie auf bis sieben mal sieben die Fläche ergibt. Meine Angstteppiche, auf denen ich sitze als wollte ich fliegen. Manchmal aus dieser Welt hinaus.

Weil meine Ober- und Innenflächen zu klein scheinen, alles aus dieser Welt aufnehmen zu können. Ich höre, ich rieche, ich schmecke, ich sehe, ich taste, ich empfinde, ich vergleiche, ich sortiere, ich bewege, ich gehe, ich erwarte, ich prüfe, ich ordne, ich strukturiere, ich höre und sehe, und sehe, das dass, was ich höre nicht zu dem, was ich sehe passt, ich rieche und schmecke und vergleiche und verstehe, dass diese beiden Empfindungen nicht zueinander gehören, ich sehe, ich taste, ich fühle, ich höre, ich …

schließe die Augen, suche Abstand zwischen meinem Körper und dem, was ihn umgibt zu finden. Suche Abstand. Halte Rückzug. Sehe das Dunkel unter den Lidern und höre und rieche, und höre höre höre ohne zu sehen, was ich höre. Also male ich Bilder. Sehe mit geschlossenen Augen alle Möglichkeiten, die mein Gedächtnis diesem Gehörten zuzuordnen weiß. Nebenher rieche ich, suche nach Antworten, sage etwas in den Raum, von dem niemand weiß, wem es gilt, sage zweierlei Sätze, die nicht zueinander passen, weil sie an zweierlei Gesprächsfetzen, die ich gehört habe, geknüpft sind.

Ich öffne die Augen. Sehe Verwirrung. Ich sortiere die Sätze den jeweiligen Gesprächsorten zu. Ich sehe und höre, bin bemüht, das Tempo, in dem mein Gehirn Verbindungen knüpft und Impulse sendet zu drosseln.

Suche Abstand zu dem und zu denen, was oder die mich umgeben. Suche eine langsamere Fahrrinne. Suche die schmale Spur zur Anpassung.

Zeitweise Auszeit.

Bewege mich im Sicherheitsabstand.

Sieben mal sieben sind 49. 

6 aus 49. Die Lottozahlen.

Guten Abend und herzlich willkommen bei der Ichschau.

Ich schaue in sieben mal sieben Spiegel. Ein Spiegel wirft das Bild dem nächsten zu. Ich spiegele mich sieben mal sieben hinaus in die Unendlichkeit. Ich suche mich zu begreifen, schaue mich an, sage: DU

Du auf deinen Angstteppichen. Du mit diesem Flaumhaarkörper. Du Ichgestalt in einem der Universen. Du gleichzeitig Ungleichzeitige.

Donnerstag, 11. Februar 2016

Hirnhaut sei keine Rinde, sagt sie und die andere schüttelt die Schultern, kreist den Kopf und zieht dann die Schulterblätter Richtung Gesäß, als wären sie beim Sport. Ständen da Blumen anstelle der Feuchtpräparate fände eine von beiden das lustig,  stattdessen meint sie aber: Hirnhäute, Mehrzahl! Die eine schaut weg während die andere ein Foto von sich und dem Präparat macht. Haute, haut, gehäutet, trällert sie und säbelt mit ringbesetzten Fingern der anderen den Skalp ab.

Die eine lernte die andere bei einem Spaziergang mit Torsten kennen. Sie hatten zuvor nichts miteinander zu tun, doch dann war da Torsten, der die eine mit der anderen verband. Seither teilen sie manchmal das Bett miteinander. Hin und wieder auch Torsten. Dass das niemand in den falschen Hals bekommt, was auch immer das wieder heißen mag, dass auch niemand das missversteht, das Bett miteinander teilen, ist nicht gleichbedeutend mit geschlechtlichem Verkehr. Mit Torsten geht manchmal die andere, dann wieder die eine spazieren. Torsten ist 17 Jahre alt. Ein alter Riesenschnauzer mit struppigem Bart und beinah zahnlosem Maul.

Das mit dem Bett ist eine andere Geschichte.

Die andere studiert Medizin und kennt, was Hirnhäute von Rinde unterscheidet, deswegen schaut sie lange hin und betrachtet die gesäbelten Hirnscheiben als wären es Wunder. Vielleicht sind sie das ja auch. Die eine mag nicht immer, was die andere macht, dennoch mag sie sie und versteht die Dinge, die sie nicht sonderlich mag. Sie studiert nicht Medizin und kann die eingelegten Leichenteile nicht länger ertragen.

Einmal war die eine von einem Spaziergang ohne Torsten zurückgekehrt. Sie hatte vergessen, dass der Hund bei ihr war und verließ ohne ihn das Restaurant, in dem sie zu Mittag aß. Erst als die andere vor ihr stand und durch sie hindurch zu schauen schien, fiel ihr Torsten wieder ein. Die andere schlug der einen ins Gesicht. Danach teilten sie sich Torsten für eine lange Zeit nicht mehr. Das Bett musste hin und wieder geteilt werden, weil die eine sonst keinen Schlaf gefunden hätte.

Gesehen werden möchte sie so nicht, denkt die eine. So von innen her, so aufgeschnitten, gescheibt, eingelegt. Sie denkt an die übervollen Kellerregale ihrer Großmutter. Eingelegte Birnen, Äpfel, Pfirsiche, Gurken und dieser feuchte Geruch. Die eine guckt wie die andere die missgestalteten Totgeburten betrachtet. Weshalb geht man an einem sonnigen Sonntag in das medizinhistorische Museum? Sie liest kurz das Schild unter dem Gefäß. Geburts- und Sterbetag sind notiert. Die Schrift der Großmutter auf den Gläsern konnte sie nicht entziffern. Alte, zittrige Krakel. Es hätten auch Nazikreuze sein können. Sie schraubte auf, roch, kostete und schraubte wieder zu.

Die andere macht noch immer Fotos. Irgendwann wird sie genug haben, um sich zuhause anhand ihres Bildmaterials einen vollständigen menschlichen Körper basteln zu können. Mit und ohne Krankheiten. Zuletzt fotografiert sie das Gesicht der einen. Dieses schöne Gesicht, denkt die andere, dieses wunderschöne Gesicht, was bloß dahinter stecken mag?

Die eine nimmt die Andere bei der Hand, als wäre diese ein Kind. So verlassen sie den Raum mit den Regalen voller eingelegter Menschenteile. Vor einem Spiegel bleiben sie stehen und bemerken sich in den Spiegeln, die dem Spiegel gegenüber angebracht sind. Die eine guckt zur anderen, die andere guckt zur einen. Mehrzahl, hundertfach, unendlich. Als befänden sie sich in einem Raum mit Regalen, auf denen nur die eine und die andere ausgestellt sind.

Mittwoch, 10. Juni 2015

Bevor Vater brannte, brannte das Federviehhaus


Noch hört man sie schreien. Mutters Schreie waren immer bis zum dritten Haus links an der kleinen Kreuzung zu hören. Das sah ich den Schuberts an, wenn ich mit dem Rad an ihrem Garten vorbei fuhr. Als wären ihre Gesichter irgendwie mit dem Schreien meiner Mutter verwandt. Diese Ähnlichkeit. Ich hatte es auch gehört und statt nach Hause zu fahren, bog ich häufig an der Kreuzung ab und radelte eine halbe Stunde sinnlos mit dem Fahrrad durch die Gegend. Rechts stehen keine Häuser, da beginnt direkt der Wald. Und wer in den Wald hinein oder auch hinaus horcht, der hört ganz andere Geräusche als nur Mutters Schreien.  

Vater dagegen ist kaum zu hören. Vater ist groß und wenn man ihn sieht, denkt man, ein so großer Mann muss laut sein, seine Schritte, sein Atmen, Worte, die er in seiner großen Stimme sagt. Alles muss laut sein, denkt man. Aber so groß wie Vater ist, so laut ist er nicht. Eigentlich passen meine Mutter und mein Vater nicht zueinander. Oder vielleicht doch, weil: wenn einer zu leise ist, der andere automatisch lauter wird, quasi laut für den anderen mit. Vielleicht ist das anderswo auch andersherum. Für mich jedenfalls steht fest, meine Mutter und mein Vater passen nicht zueinander und deswegen gehen sie sich aus dem Weg. Mutter schreit aus der Waschküche durch das Schlafzimmer, durch den Hof, den schmalen, langen Flur entlang, schreit und die Schuberts drei Häuser links von unserem Haus, hören Mutters Geschrei. Aber Vater sitzt im Garten und füttert stumm die sieben Hühner, den einen Hahn. Hört nichts und sagt nichts. Oder sagt nur puuut putt putt und freut sich, wenn das Federvieh gurgelnd um ihn scharwenzelt. 


Wobei; ich muss sagen: saß und sagte oder sagte nichts, fütterte usw. Denn jetzt macht das mein Vater nicht und er wird es auch in Zukunft nicht tun. Vater brennt jetzt. Und Mutter schreit. 


Bevor Vater brannte, brannte das Federviehhaus. Es brannten die Federn, denn die Hühner und der Hahn waren noch im verschlossenen Häuschen, waren gefangen und wurden selbst zum Feuer, das wütete und nicht nur im Stroh bleiben wollte, sondern raus und weit und weg und an die Luft. Bevor die Federn brannten, brannte das Stroh unter den Federviehfüßchen. Brannte erst leise, nur ein Glimmen, dann schlug es wohl um sich, schlug und fasste die Hühner und den Hahn an den gestutzten Flügeln.


Mutter wusste zu dem Zeitpunkt nichts vom Brand. Sie hatte wohl gerochen, dass Federn versengten, doch dachte sie, es würde einer der Schuberts geschlachtet und das tote Tier durch Feuer geschwenkt haben. Das ist einfacher als Rupfen. Mutter hatte sich nichts dabei gedacht.


Als Mutter meinen brennenden Vater sah, rannte sie statt zu ihm nur im Kreis und kreischte. So ein Gekreisch hatten selbst die Schuberts noch nicht gehört, ihnen stockte der Atem und mir geriet das Lenkrad aus der Hand. Ich sah vom Waldrand Mutters kreischende Kreise und meinen flammenwerfenden Vater. Das Hühnerhaus sah ich nicht, es war längst zusammengestürzt und hatte die sieben Hühner und den einen Hahn genau wie das Stroh, die eigentlich alle nur noch Feuer waren, unter sich begraben.


Einer von den Schuberts kam schneller gerannt als die Übrigen. Er warf meinen brennenden Vater zu Boden, wälzte ihn, als rolle er Teig aus. Die Flammen schlugen wie Fäuste um ihn. Er schrie zu Mutter, die immer noch Kreise lief. Das Lenkrad kriegte ich nicht mehr zu fassen. 


Noch immer hört man sie schreien. Das Gekreische ist vorbei, hatte aufgehört, als mein Vater längst nicht mehr als mein Vater zu erkennen gewesen war. Der eine Schubert wurde von dem Rettungsteam verarztet, meine Mutter saß still und schrie. Also reglos. Ich stand rechts vom Haus, dort, wo direkt der Wald beginnt. Das Fahrrad lag zwischen meinen Beinen, ich stand ungemütlich, ich bekam Krämpfe. Ich überlege, ob ich Vater habe rauchen sehen, ob ich Mutter habe die Zündhölzer einstecken sehen. Ich weiß, ich habe die Zigarette ausgetreten, bevor ich das Hühnerhaus verriegelt hatte.

Sonntag, 3. Mai 2015

Dass man in das Herz seitwärts her hineinlangt und sich verschlossene Wege einfach öffnet, wusste ich nicht. Mit einem Blasebalg wird sich Zutritt verschafft und dann werden Gitter gespannt, den Weg offen zu halten. Ich lege mich nur in die Gegend deiner Leisten, diesen leisen Wegen, dort lege ich mich hin und höre, wie etwas durch deinen Körper hindurch und bis hin zu deinem Herzen gelangt. Dort, in deiner Leistengegend kann man sich Zutritt verschaffen. 

Bevor ich wusste, wie schnell und wie es mechanisch machbar ist, hatte ich gedacht, es würde viel Zeit und Geduld in Anspruch nehmen, an dein Herz zu reichen. Es würde mich Mühe kosten, hatte ich geglaubt. Und nun liege ich in dieser Gegend, von der aus es so einfach sein soll.

Die Russen nehmen sich einfach, was sie wollen. Sagst du und drückst solange auf einen Knopf der Fernbedienung bis die Stimme des Reportes den Raum erfüllt. Steht der irgendwo an der Grenze zwischen Russland und der Ukraine und brüllt bis hierher. Wann du aufgehört hast, leise zu sein, Mutter, das weiß ich nicht mehr. Seit einem Jahr gucken wir doch alle nur zu, als ginge uns das alles  nichts an. Aber was geht’s mich an, fragst du und erwartest keine Antwort. Brüllte der Fernseher nicht so, würde ich vielleicht etwas von deinem Herzschlag hören. Entweder dieses kurze BUM oder das etwas längere und schwächere BUMBUM. 

Und die mit ihrem Pegida. Alles Idioten. Arschlöcher. Jetzt brüllst du über die Stimme des Nachrichtensprechers und ich erinnere mich, statt deines Herzens immer nur deinen Mund wahrgenommen zu haben. Als wüssten die irgendwas, Drecksbande. Dann drückst du wieder einen Knopf der Fernbedienung und wechselst den Sender. Der Lärm schlägt um. Ich suche weiterhin den Ort deiner leisen Leisten, suche neben dem Lärm auf das zu hören, was ich von dir nie gehört habe. Dieses Bum Bumbum.

Wenn du jetzt stillhalten wirst, Mutter, dann werde ich durch deine Leistengegend in die Vene vorstoßen. Dort einmal angekommen, folge ich nur der Richtung, folge bis hin zu deinem Herzen, und dort blase ich alle zu engen Räume auf, weite alle Zugänge und mache sie trittsicher. Nur einmal heran an dein Herz, Mutter, möchte ich.

Alles Betrüger schreist du und wirfst die Fernbedienung gegen das Fernsehgerät, stehst mit einem Ruck aus deinem Sessel auf, unbedacht dessen, das ich da liege, dass ich meinen Kopf an deinen Körper lehnte, stehst auf und schreist und ich überlege, wie lange ich auf deinen zweiten Herzinfarkt werde warten müssen, und wie es mir dann gelingen wird können, an dein vernachlässigtes Herz zu langen.