Dienstag, 1. Juli 2014

Vielleicht weil es Sommer ist. Ich habe mir vorgestellt, mich mit einem Eislöffel in kugelförmige Einzelteile zu zerlegen. Mich so auszuschaben und die Kugeln aus meinem Fleisch und Blut und Sein in eine durchsichtige Kiste zu legen. Wer mag. Wer sich traut. Wer mutig ist. Kann hinein springen. Werden die Kugeln aus meinem Fleisch und Blut und Sein den tragen, der mochte, der sich getraut hat, der mutig war? Oder wird dieser jemand einfach nur durch diese Kugeln aus meinem Sein und Blut und Fleisch hindurch und auf den Boden der Kiste fallen. Stürzen?

Wer weiß so etwas?

Vielleicht weil der Sommer kein Sommer ist. Liege ich in einer Art Winterstarre. Oder bin aus dieser nicht heraus zu bekommen. Es ist nicht warm genug, um sich zu bewegen. Es ist nicht warm genug, um etwas von Wärme um mich herum zu spüren. Und wenn es nur Zuneigung wäre. Eine Hinwendung eben. Oder Zuwendung.

Abwenden. Soll sich die nicht ausreichende Wärme. Soll von mir weg und später in das Jahr rücken, später dann, werde ich die Kehrtwende der Zustände einfordern. Ich kenne welche, die nennen sich Wendekinder. Und ich stelle mir vor, wie diese selbst ernannten Kinder immer an einen Punkt der Wende gelangen. Ihren eigenen Lebenspunkt gar. Aber sie drehen sich nicht im Kreis, sagen sie, wenn ich sie nach ihren Wendepunktleben frage.

Und wenn ich dann mehrheitlich kugelförmig sein werde, passe ich nicht länger in die Enge von Ecken und Kanten. Rund muss dann auch das mich Umgebende sein. Die Wärme zum Beispiel. Oder überhaupt alles mir Zugewandte. Alles mich Einnehmende. Kugelrund, kreisrund.

Donnerstag, 5. Juni 2014

Alle Welt scheint zu schreiben. Weshalb also schreiben? Um an der scheinbar ganzen Welt teilzuhaben? Teilzunehmen? Ein Teil des Bestandes zu sein. Ein aktiver Bestandteil der scheinbar ganzen Welt, der ganzen scheinbaren Welt?

Ein Bestand. Ein Teil. Ein Teilbestand des Seins. Des großen ganzen Seins. Ich bin Teilbestand in all meinen Einzelzuständen. Auch in der Gesamtheit meiner Zustände, in meinem Gesamtzustand Bestandteil eines scheinbar ganz Weltlichen sein.

Wenn ich so anfange zu reden, ist immer auch ein Teil in mir, der sich abspaltet und diesen so redenden Teil, an eine Wand stellen möchte. An eine Wand der Enge wegen, an eine Wand, weil es sich dann nicht weitergehen lässt, an eine Wand des möglichen Abschussgefühls wegen. Des Allgemeinortes in der Sprachwelt wegen. JEMANDEN AN DIE WAND STELLEN …. Der Rest ist Denken. Also darüber denken, was dann geschehen könnte. Was dem An-Die-Wand-Stellen folgen kann. Folgt!

Ich schreibe. Aber meine Texte möchte keiner. Das ist ein großer Unterschied in der eigenen Empfindsamkeit der eigenen Wertschätzung dessen, was man tut, gegenüber Jemandem, der schreibt, dessen Texte gewollt werden. Ja!

Ich schreibe unpolitisch. Wie es allgemein der jungen Literatur vorgeworfen wird. Wie es der jungen Literatur allgemein vorgeworfen wird. Aber ist das Politische eine Bedingung, die das Schreiben voraussetzt? Erwarten wir von politisch aktiven Menschen, dass sie schreiben? Was ist ein Literat? Ein schön schreibender Politiker? Wer stellt welche Erwartung? Und was verdammt den schreibenden Menschen dazu, politisch zu schreiben? Das verstehe ich nicht. Aber vielleicht muss der, dessen Texte gewollt werden, sich hinstellen und Meinung annehmen, Meinung haben und literarisch verarbeiten. Von ihm wird vielleicht erwartet.

Aber es ist ein schöner Rahmen, in den sich allerhand Menschen stellen, um zu reden, um zu schreiben, um zu lesen, um sich einer Meinung anzuschließen, um sich ihrer Meinung auszuschließen, um um um … Ringsherum der Debattenrahmen. Schön ist er. Er bringt mich zum lächeln.

Wer morgens lächelt ist womöglich abends gut zu Bett gekommen?

Ein abgelehnter Text wirft mich stets in Tiefen. Und in den Tiefen schreibe ich dann an die Wände, dass ich nicht mehr schreibe, nicht mehr schreiben werde, nie geschrieben habe. Nur schreibend kann ich mein NICHT-Schreiben ausdrücken.

Verrückt. Was?

Wohin schreibe ich also, wenn meine Texte an keinem Ort Geborgenheit finden? Geborgenheit für einen Text ist eben das Papier. Papier gebunden zu einem Heft, zu einem Buch, zu einem Blättchen. Ein Ort eben, der für jedermann, der möchte, begehbar ist. Wohin ihr ortlosen Texte? Wären es Kinder, es gäbe Orte und Klappen. Aber Texte?

Das hast du davon, dass du unpolitisch schreibst. Sagt einer. Und ich denke, ja. Scheint so. Oder eben weil ich jung war. Inzwischen zähle ich längst nicht mehr in diese junge Generation. Oder, weil ich nicht auf die Schule gegangen bin. Also die Schule fürs Schreiben. Oder, weil ich kaum Menschen kenne. Oder. Sage ich dann eben so. Und beschreibe weiter die Wände in meiner Tiefe.



Sonntag, 13. April 2014

Und alles in diesem Kopf. Schwirren und Schworren. Ein Kopfinnen wie das Wimmeln in einem belebten Ameisenhaufen. Immer dieser Kopf. Der denkt, wenn er schlafen sollte, der denkt, wenn er nur zuhören sollte, der denkt, wenn er trinken und essen sollte. Dieser immer denkende Kopf. Er lässt sich nicht lahm legen. Nicht mit Wein, nicht mit Brot. Mit nichts kann ich diesem Kopf kommen, sodass er sich lahmgelegt glaubt. Oder glauben lässt. Unaufhörliches Kopfeigenleben. Und ich atme, atme in den Bauch, mich selbst in diesen Bauch hinein, in diese schmale Gegend, Hauptsache aus dem Kopf hervor und heraus. Atmen.

Ich habe diesen Kopf benutzt, habe Schminkfläche aus ihm gemacht, habe Ansichtsformen mit ihm gestaltet, so viel habe ich versucht, diesen Kopf seines Zweckes zu entfremden. Irgendwo muss man ja anfangen, hatte ich gedacht. Und irgendwo muss man irgendwann auch enden können, denke ich jetzt. Der Kopf ist Anfang und Ende. Auch wenn der biologische Anfang ein hauptsächlich ausscheidender Zellhaufen ist,  der sich formt und weitet, bis aus dem Zellhaufen auch Kopf und Rumpf und Glieder werden, ist aller Anfang doch der Kopf. Bewusst und unbewusst.

Bunte Beine. Bunt bestickte Beinhaut. Ohne die bliebe der Kopf an immer gleicher Stelle. Armer Kopf, so unbewegt und doch grenzenlos frei. In seinem unendlichen Denken. Aber ohne Beine ein Stelldichein. Auf diesen Punkt, auf diesen einen Ort in deinem Leben, auf diese Winzigkeit der Welt. Köpfchen aus der Kiste. Mit dieser Springfeder als Hals. Als Hauptdrahtader, als Heb-mich-hervor-und-zeig-die-welt-organ. So ein Ablageplatz für den Kopf. So eine Kiste eben bräuchte ich. Ich legte den Kopf dort hinein und vielleicht käme er dann ein wenig zur Ruhe. Aber so ein Kopf hat seine eigenen Augen, seine Ohren, hat seinen ganz eigenen Kopf. Und selbst wenn die Augen nicht sehen und die Ohren nicht hören, der Kopf kann sie sehen und hören machen. So ein Kopf ist eine Zauberkiste. Und längst nicht jeder Zauberer weiß, was er sich aus dem Hut zieht. So ein Hand-Rein-Und-Mal-Gucken-Was-Kommt birgt immer ein Risiko. Nicht jeder weiß um seinen Kopf.


Und selbst die, die darum wissen, wissen nicht viel. Ich weiß nicht viel. Weiß um diesen Kopf wie um einen an meiner Seite, der stetig etwas verlangt und stetig abverlangt. Weiß um diesen Kopf wie um eine, die mir aufsitzt und mit ihren Stricken und Leinen mein Leben zieht. Mich durch das Leben zieht. Wie man einen zu dicken Faden versucht durch das schmale Ohr einer Nadel zu ziehen.

Donnerstag, 20. März 2014

Und wir sitzen und trinken. Du aus der Flasche etwas, was auch kalt ist. Ich Espresso. Seit ich keine Milch mehr trinke, trinke ich Espresso. Ausschließlich. Und aus kleinen Tassen. Immer nehme ich eine kleine Tasse mit, wenn ich außer Haus gehe und etwas trinke. Ich bestelle Espresso, trinke und nehme die kleine Tasse mit. Ohne Unterteller bitte, sage ich. Und im Nachhinein steht dort, wenn ich mit der kleinen Tasse gegangen sein werde, dann steht dort kein zurückgelassener kleiner Unterteller. Niemand, der etwas verrät. Obwohl. Man sagt: Untertasse!

Wir sitzen und reden über Menschen, wie wir selbst welche sind. Wir sitzen und reden über Menschensachen, und ich lache und warte, dass du etwas sagen wirst, was auch andere Menschen sagen. Aber wenn du es sagst, klingt es nach dir. Nicht unbedingt deine Stimme, sondern eher, wie du die Dinge, die auch andere sagen, wie du diese Dinge sagst. Das ist eigen. Ich ertappe mich, wie ich dir von Dingen erzählen möchte, die nicht auch Dinge anderer sein können, weil es eben meine eigenen sind. Ich ertappe und erwische mich und dann warte ich. Ich warte gern. Und auch ausdauernd, dann werden es manchmal mehr als nur eine kleine Tasse.

Im Sommer immer nur reisen, sagst du. Ich kann mir das nicht vorstellen. Immer reisen. Immer nur Sommer. Ich bin so verwurzelt. Ich komme gar nicht los und ich möchte auch nicht. Ich liege gern am immer selben Fleck auf der Wiese im Park in der Stadt, weitab dem Elternhaus. Ich liege gern, sage ich und du schaust in die Sonne, die immer gleich nach Sommer aussieht.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Manchmal möchte ich eine bisher ungesehene Tür aufstoßen. Das Sehen allein genügt dann schon längst nicht mehr und ich stehe vor dieser - so lange Zeit für mich nicht einsehbaren - Tür, und ich möchte sie aufstoßen und stoße nicht. Weil mich etwas abhält, etwas zurück- und meine Hände auf dem eigenen Rücken verschränkt hält. Und ich stehe, und meine auf dem Rücken weilenden und ungeduldigen Hände wundern sich über die Augen, die so lange nicht hingesehen hatten, die so lange Zeit immer hinsahen aber doch die Tür nicht erkannten. Was ist bloß los mit euch?, fragen die beschränkten Hände die Augen, die höher und zur nun ihnen sichtbaren Tür hingewandt sind. Was ist bloß los? Ich beobachte nicht ganz teilnahmslos, also ohne hinzusehen, denn man kann auch mit allem anderen beobachten, ich beobachte das Gespräch zwischen meinen Augen und meinen auf dem Rücken liegenden Händen. Was mag ihnen durch den Kopf gehen?, denke ich und muss lachen, weil ich sogleich begreife, dass sie ja einen gemeinsamen und zwar meinen Kopf haben. Ja, was geht da hindurch? Während meine Hände so sind und die Augen, und während wir alle gleichzeitig  einzeln und doch auch gemeinsam sind, was geht da hindurch? Und wer sagt, dass sich immer nur mit den Augen beobachten ließe, wer sagt denn sowas?

Ich höre, wie mit Pauken und Trompeten Stimmung gemacht wird. Wie kann ich das Barometer meiner selbst sein? Wie kann ich meinen Druck und meinen Zustand ermessen? Ihn festlegen und führen, aufzeichnen und Statistik zur Auswertung werden lassen. Wie mache ich das nur? Barometer, Barograph, Mikrobarometer, weil auch die kleinsten und die noch längst kleineren als die Kleinsten es schon sein können, weil auch diese meine Zustände von mir wahrgenommen werden und vermessen werden möchten. Um handlungsfähig zu bleiben. In mir. In der Umwelt. Für mich, also meiner Umwelt auch zuliebe. Wenn also meine Gefühlslagen nichts als Druckverhältnisse wären, wie könnte ich mir Barometer und all die Folgedinge sein? Und ich möchte eine Graphik, eine Linie, eine Zitterlinie, hoch und runter, rings und quer, eine Verzeichnung zwischen den Koordinaten der Messbarkeit. Ja. Ich möchte klare Sichtverhältnisse.

Ich könnte mich auch in so einen Glaskörper verwandeln. Weit davon entfernt bin ich kaum. Durchsichtig, zerbrechlich, Flüssigkeit haltend, nach Bedarf abgebend, bis zu einem bestimmten Grad erhitzbar, auch zur Unterkühlung der Inhaltsstoffe geeignet. Ich werde also Glaskörper und gebe meinen Flüssigkeitshaushalt preis. Das Schwelgen und Köcheln, das Gerinnen und Tropfen. Usw. Usw.

Du verlierst die Tür aus den Augen!, sagen die Hände.

Ja. Die Tür. Noch immer nicht aufgestoßen. Eine, die ich kenne sagt noch, sie habe so viele Dinge im Kopf und deswegen komme sie nicht zu den Dingen. Ich habe sie das sagen gehört und überlegt, welche Dinge sie im Kopf habe, zu denen sie aber nicht komme. Und wie sie das dann anstellen könnte. Mit den Dingen. Und auch mit ihrem Kopf. Und ich sehe die Tür, wie die Augen eben sagen, dass sie sehen und ich fühle die Hände auf dem Rücken, die Ungeduld nicht mehr aushalten. Sie zucken und reißen auseinander, reißen, einen Luftstrom und einen Luftwirbel bildend nach vorn, reißen hin zur Tür, die so aussieht, wie meine Augen anmelden, dass sie aussieht. Und die Dinge im Kopf, zu denen werde ich auch nicht kommen, also darf ich diese Tür nicht im Kopf haben, nicht länger im Kopf halten, denn meine Hände können ungemütlich werden. Ungemütliche Greife und Reißer sind sie, wenn sie in den Zustand geraten, in den sie immer geraten, wenn sie nicht zu fassen bekommen, was sie fassen möchte. Unguthände. Und diese Hände könnten Köpfe abreißen, denke ich mir und stelle mir den Luftstrom und –wirbel vor, den das verursachen würde.

Ich stelle mir das vor und fürchte, durch das Reißen diesen Wirbel im Kleinen zu entfachen, ihn wirbelnd um sich selbst von sich selbst an Größe dazu gewinnend, diesen Wirbel, der zwirbelt und strudelt bis er groß geworden sein wird, und dann würde er so sehr um sich selbst zwirbeln, dass er sich ganz verwirbeln und damit sich selbst verschlucken würde. Schwarzes Loch. Das wäre, was bliebe. Ein schwarzes Loch. 

Freitag, 24. Januar 2014

Wir stoßen wenigstens noch aneinander, sind wie gerissene Angelschnüre, die durch einen Fluss treiben aber zum Meer nie gelangen. Als würde das Meer noch etwas ändern. Vielleicht sind wir einander die größten Lügner, jeder im Geheimauftrag des anderen unterwegs, bleiben die unbesprochenen Dinge unter dem Teppich gekehrt. Andere wickeln Leichen, wir treten mit Absatzschuhen jeden Kahlschnitt und flaumlosen Teppich. Wir geraten an uns selbst in die windigste Ecke. Und dass du nicht widersprichst, liegt nur daran, dass du ungesagt bleibst. Wobei ungesagt nicht unaussprechlich bedeutet. Also spreche ich dich, spreche regelmäßig die Abfolge der Buchstaben.

Am Anfang war das Wort.

Ich sage das und denke, vor dem Wort müssen die Silben, müssen die Buchstaben, müssen Laute gewesen sein. Demnach zerteile ich kleinstmöglich alles Sprechbare, teile hinab und hinauf, teile hinab und hinauf. Zerfalle im Zerlegen selbst, falle hinab, falle hinauf und bleibe nur dort hängen, wo das Sprechbare ungesagt bleibt. Vielleicht sagt einer, Wiederholung, alles nur Nachahmung und immer Selbes. Recht hat er. Aber dort, wo ich nicht wiederhole, muss ich schweigen. 

Luftlinie, wenn es die unter Wasser gäbe, ungefähr 200 Kilometer, die uns unterscheiden. Angelschnur ist Angelschnur, die eine etwas dicker für Hochseeangler, die andere etwas dünner, beinah unsichtbar, für die, die im Klaren und Flachen fischen, aber was sie wirklich unterscheidet, ist die Entfernung, ist das Gewässer. Ich habe so gern Gefilde im Haar, sage ich, nicht weil ich es so meine, nur weil es so klingt. Gefilde im Haar. Das ist nicht der Inhalt, das ist das Gesprochene. Geh Hilde und fahr! Manchmal darf ich Dinge nicht ungesagt lassen.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Namenlos, die Alte auf der Tankstelle, namenlos der Ort und die Zeit rundum. Ich rechne mir an den Fingern aus, welche Jahreszahl zu der Alten passend wäre. Ich errechne mit meinen zehn Fingern eine Unmenge an Zahlen. Keine erscheint mir geeignet, die Alte auf der Tankstelle zu beziffern. Bleibt sie mir eben unbezeichnet, was ja auch sein Gutes hat. Denn das, was man namentlich kennt, dafür fühlt man sich mitunter, wenn auch nur ein wenig, doch man fühlt sich mitunter verantwortlich. Und für die in den Mülltonnen der Tankstelle grabende Alte möchte ich nichts fühlen. Empfinde mich ja selbst kaum, ertappe mich nur selten in dem Zustand eines Mitgefühls. Lass sie reden, sage ich mir immer, wenn sie reden und mit Mitgefühl prahlen. Wer redet, soll eben auch anwenden, sage ich. Und bringe postwendend die Unfähigkeit für Mitgefühl auf.

A. sagt dann manchmal, er wisse gar nicht, was er an mir finde, und was an mir, ihn halte. Und ich gucke und strecke ihm mich entgegen. Du wirst schon wissen, denke ich dann, und strecke noch mehr und sehe seinen Blick über mein gestrecktes Sein streifen, als streife er durch unwirtliche Gegenden. Was weiß ich, was ihn hält. Meine Hände können es nicht sein.
A. ist ein Mann mit Maß. Das richtige Augenmaß zur immer rechten Zeit. A. hält Abstand, wenn Abstand geboten ist, A. tritt heran, wenn der Umstand der Nähe bedarf. A. ist immer in richtiger Distanz zu mir. Und deswegen bin ich bei ihm, und ich werde solange bleiben, solange A. mit dieser wunderbaren Maßarbeit umzugehen versteht.

Vor der namen- und zahlenlosen Alten auf der Tankstelle senkt er den Blick. A. schaut ungern anderen Menschen in ihrem Elend zu. Dabei sage ich, er wisse doch gar nicht, ob die Anderen ihren Umstand als Elend empfinden. A. bleibt dann oft still und ich bin gar nicht sicher, ob er wirklich still bleiben möchte oder sich viel mehr dazu zwingen muss. A. ist mir nicht immer durchschaubar. Seit Jahren ergründe ich ihn und sein Verhalten. Alles Verhalten lässt sich systematisch einteilen. A. überrascht mich bisweilen. Auch deswegen bleibe ich. Ich bleibe immer solange, bis ich einem System auf die Schliche gekommen bin und mich die Umstände zu langeweilen beginnen. A. langweilt mich nicht. Noch nicht. Bisher für eine ungebrochen lange Zeit. Das beeindruckt mich. A. weiß davon nichts. Muss er aber auch nicht.

Die Alte auf der Tankstelle. Diese Tankstelle liegt auf dem Weg, der Weg zwischen Innenstadt und Wohnung. Wir wohnen abseits, ein wenig von den Hauptstraßen abgerückt, ein wenig zurückgestellt, ein wenig von Nebenstraßen umgeben, ein wenig hintan gerückt. Unsere Wohnung, die anfangs nur A´s. Wohnung gewesen war, liegt im obersten Geschoss. Keine Schritte, die kopfüber treten, keine unnötigen Besenstiele, die man gegen die Decke stoßen müsste, nur die Ratten, die nachts über die Dachbodendielen kriechen. Auch A´s. Wohnung weiß Maß zu halten. Wenig Platz aber nirgends rücken einem die Dinge, sind es nun Möbel oder andere Sachen, zu nahe. Alles hält seinen Raum und damit auch meinen. Wäre es anders, wäre ich nicht zu A. gezogen.

Die Tankstelle liegt genau in der Mitte. Gleicher Abstand zu unserer Wohnung und zum Stadtzentrum. Ein Dreh- und Angelpunkt also, ein Anhalt für Radius und Durchmesser, ein Punkt, an dem das Pendel immer diese wenigen Sekunden zum Ruhestand kommt. Ruhig zwischen Fall- und Aufstiegsbewegung. Und so stehen wir hier, stehen und sehen die Alte, die weder Namen noch Zahlen verrät. Sehen ihr beim Graben in den zu hoch hängenden Papierkörben zu. Die Körbe hängen so hoch, dass man den Arm ein wenig strecken muss, um etwas hinein zu werfen. Um in ihnen zu graben, bedarf es eines Hockers, bedarf es eines Gegenstandes, womöglich einer auf dem Kopf stehenden Bierkiste, etwas was einen selbst ein Stück erhöht, sodass man mit den Armen oder einem Stock als Hilfswerkzeug hinein, also nach unten greifen kann. Also graben. Umwühlen, scharren und suchen. Sich durch benutzte Papiertaschentücher, ob nun für den Nasenrotz oder anderen Körperschmutz gebraucht oder einfach nur zum Trockenwischen eines Fahrradsattels, oder gebraucht um eine blutende Wunde abzudrücken, gebraucht und weggeworfen. Eben dieses kleine Stück nach oben, um die Papierkorböffnung zu treffen, dieses kleine Stück nach Oben geworfen, um dann nach Unten zu fallen. Graben zwischen angebissenen Apfelstielen und leeren Dönerpapierhülsen, graben und scharren bis zum Grund. Um was zu finden? Einen verschmähten und deswegen weggeworfenen Burger? Eine nicht im Fall von oben nach unten zerborstene Pfandflasche, eine nicht bis zum Schluss abgelutschte Bonbonverpackung, eine vom Schimmel angegriffene Bananenschale?

A´s. gesenkter Blick stört mich, stört ebenso, wie Kinder, die nicht wissen wohin, während die Eltern sich unterhalten. Wissen nicht wohin mit sich, wissen nichts mit der aufmerksamkeitslosen Zeit anzufangen und beginnen also die elterliche, die Pflichtaufmerksamkeit, Pflichtfürsorge wieder auf sich zu lenken. Kinder stören mich zuweilen und jetzt stört mich A´s. gesenkter Blick. Als würde der vom Umstand abgewandte Blick den Umstand ungeschehen machen. Ja. Ungesehen. Ja. Und ja, so lösen sich Eltern auch aus den vertracktesten Gesprächsknoten, sich an ihre Elternaufmerksamkeitspflicht erinnernd, winden sie sich heraus und wenden sich ihrem schreienden, krallenden, schniefenden, ihrem ungeduldigen Kind zu. Da ist nirgends wirklich Abstand oder angemessene Distanz, da ist aber auch keine angemessene Nähe. Das ist ein ganz unwirklicher Zustand, ein kaum auszuhaltendes Inmitten-Sein, ein Schweben zwischen unbestimmten Bewusstseinszuständen. Unerträglich beinah. Da muss ich erst suchen, welchem System ich nun angehöre und welches Verhalten dieses System jetzt abverlangt. Wenn die Regeln dann alle befolgt sind, ist die Gefahr gebannt. Zumeist folge ich dem einfachsten System, nämlich meinen. Meiden und Umgehen. Situationen meiden und umgehen, sich, also mich in Sicherheit, heißt in einen gewissen Abstand bringen. Die Unfähigkeit des Mitgefühls nutzen und sich entziehen. Das ermöglicht mir die Szenerie zu beobachten. Ich kann anwesend und doch völlig unbeteiligt sein.
A. schaut zu der Mülltonnenalten, schaut über sie wie über eine endlos schöne Landschaft. Verliert sich beinah im Schauen, bis ich ihn stoße, so leicht mit dem Ellenbogen in die Seite stoße. Ich werde nicht schlau aus seinem Verhalten. Erst wegsehen, dann hinsehen, dann davon nicht mehr wegsehen, sondern beinah schon starren. Und nichts daran ändert den Umstand der Alten. Nichts von diesem ganzen Schauen erleichtert ihr ihre Grabarbeit, nichts davon holt diesen elenden Müllkübel tiefer, sodass die Alte einfach hineinsehen könnte, einsehen, ob das Hineingreifen in die schimmligen Schalen, die zerborstenen Scherben, ob das Hineingreifen in den grüngelben Rotz, in das getrocknete Blut, in den klebrigen Bonbon, ob es sich denn wirklich auch lohnt dort hineinzugreifen.

Ich kralle meine Finger in seine Handfläche. Ich kralle und spiele Vogel. Ich spiele, ich könnte abstürzen, sollte ich nicht fest genug krallen. Weißt du, flüstere ich in die Stadtzentrumrichtung. Weißt du, die meiste Zeit habe ich Angst. Angst, sollte ich die Augen schließen, sollte ich ruhig und in guter Gewissheit, alles bleibt wie es ist, sollte ich so die Augen schließen um sie unbesorgt wieder zu öffnen, und sollte ich dann meine in Unbekümmertheit geschlossenen Augen wieder öffnen, vielleicht nur leicht, ganz sacht einen winzigen Moment breit, nur öffnen, wie man Augen nach einem Lidschlag wieder aufschlägt. Die Angst, dann wäre da plötzlich wieder eine Mauer. Eine Mauer mitten im Land, mitten in der Stadt, mitten durch unsere Leben hindurch. A. lacht. Ich wusste, er würde lachen. Aber ich kralle an seiner Hand, ich stürze nicht ab. Ich wollte es nur mal gesagt haben, sage ich.