Donnerstag, 20. März 2014

Und wir sitzen und trinken. Du aus der Flasche etwas, was auch kalt ist. Ich Espresso. Seit ich keine Milch mehr trinke, trinke ich Espresso. Ausschließlich. Und aus kleinen Tassen. Immer nehme ich eine kleine Tasse mit, wenn ich außer Haus gehe und etwas trinke. Ich bestelle Espresso, trinke und nehme die kleine Tasse mit. Ohne Unterteller bitte, sage ich. Und im Nachhinein steht dort, wenn ich mit der kleinen Tasse gegangen sein werde, dann steht dort kein zurückgelassener kleiner Unterteller. Niemand, der etwas verrät. Obwohl. Man sagt: Untertasse!

Wir sitzen und reden über Menschen, wie wir selbst welche sind. Wir sitzen und reden über Menschensachen, und ich lache und warte, dass du etwas sagen wirst, was auch andere Menschen sagen. Aber wenn du es sagst, klingt es nach dir. Nicht unbedingt deine Stimme, sondern eher, wie du die Dinge, die auch andere sagen, wie du diese Dinge sagst. Das ist eigen. Ich ertappe mich, wie ich dir von Dingen erzählen möchte, die nicht auch Dinge anderer sein können, weil es eben meine eigenen sind. Ich ertappe und erwische mich und dann warte ich. Ich warte gern. Und auch ausdauernd, dann werden es manchmal mehr als nur eine kleine Tasse.

Im Sommer immer nur reisen, sagst du. Ich kann mir das nicht vorstellen. Immer reisen. Immer nur Sommer. Ich bin so verwurzelt. Ich komme gar nicht los und ich möchte auch nicht. Ich liege gern am immer selben Fleck auf der Wiese im Park in der Stadt, weitab dem Elternhaus. Ich liege gern, sage ich und du schaust in die Sonne, die immer gleich nach Sommer aussieht.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Manchmal möchte ich eine bisher ungesehene Tür aufstoßen. Das Sehen allein genügt dann schon längst nicht mehr und ich stehe vor dieser - so lange Zeit für mich nicht einsehbaren - Tür, und ich möchte sie aufstoßen und stoße nicht. Weil mich etwas abhält, etwas zurück- und meine Hände auf dem eigenen Rücken verschränkt hält. Und ich stehe, und meine auf dem Rücken weilenden und ungeduldigen Hände wundern sich über die Augen, die so lange nicht hingesehen hatten, die so lange Zeit immer hinsahen aber doch die Tür nicht erkannten. Was ist bloß los mit euch?, fragen die beschränkten Hände die Augen, die höher und zur nun ihnen sichtbaren Tür hingewandt sind. Was ist bloß los? Ich beobachte nicht ganz teilnahmslos, also ohne hinzusehen, denn man kann auch mit allem anderen beobachten, ich beobachte das Gespräch zwischen meinen Augen und meinen auf dem Rücken liegenden Händen. Was mag ihnen durch den Kopf gehen?, denke ich und muss lachen, weil ich sogleich begreife, dass sie ja einen gemeinsamen und zwar meinen Kopf haben. Ja, was geht da hindurch? Während meine Hände so sind und die Augen, und während wir alle gleichzeitig  einzeln und doch auch gemeinsam sind, was geht da hindurch? Und wer sagt, dass sich immer nur mit den Augen beobachten ließe, wer sagt denn sowas?

Ich höre, wie mit Pauken und Trompeten Stimmung gemacht wird. Wie kann ich das Barometer meiner selbst sein? Wie kann ich meinen Druck und meinen Zustand ermessen? Ihn festlegen und führen, aufzeichnen und Statistik zur Auswertung werden lassen. Wie mache ich das nur? Barometer, Barograph, Mikrobarometer, weil auch die kleinsten und die noch längst kleineren als die Kleinsten es schon sein können, weil auch diese meine Zustände von mir wahrgenommen werden und vermessen werden möchten. Um handlungsfähig zu bleiben. In mir. In der Umwelt. Für mich, also meiner Umwelt auch zuliebe. Wenn also meine Gefühlslagen nichts als Druckverhältnisse wären, wie könnte ich mir Barometer und all die Folgedinge sein? Und ich möchte eine Graphik, eine Linie, eine Zitterlinie, hoch und runter, rings und quer, eine Verzeichnung zwischen den Koordinaten der Messbarkeit. Ja. Ich möchte klare Sichtverhältnisse.

Ich könnte mich auch in so einen Glaskörper verwandeln. Weit davon entfernt bin ich kaum. Durchsichtig, zerbrechlich, Flüssigkeit haltend, nach Bedarf abgebend, bis zu einem bestimmten Grad erhitzbar, auch zur Unterkühlung der Inhaltsstoffe geeignet. Ich werde also Glaskörper und gebe meinen Flüssigkeitshaushalt preis. Das Schwelgen und Köcheln, das Gerinnen und Tropfen. Usw. Usw.

Du verlierst die Tür aus den Augen!, sagen die Hände.

Ja. Die Tür. Noch immer nicht aufgestoßen. Eine, die ich kenne sagt noch, sie habe so viele Dinge im Kopf und deswegen komme sie nicht zu den Dingen. Ich habe sie das sagen gehört und überlegt, welche Dinge sie im Kopf habe, zu denen sie aber nicht komme. Und wie sie das dann anstellen könnte. Mit den Dingen. Und auch mit ihrem Kopf. Und ich sehe die Tür, wie die Augen eben sagen, dass sie sehen und ich fühle die Hände auf dem Rücken, die Ungeduld nicht mehr aushalten. Sie zucken und reißen auseinander, reißen, einen Luftstrom und einen Luftwirbel bildend nach vorn, reißen hin zur Tür, die so aussieht, wie meine Augen anmelden, dass sie aussieht. Und die Dinge im Kopf, zu denen werde ich auch nicht kommen, also darf ich diese Tür nicht im Kopf haben, nicht länger im Kopf halten, denn meine Hände können ungemütlich werden. Ungemütliche Greife und Reißer sind sie, wenn sie in den Zustand geraten, in den sie immer geraten, wenn sie nicht zu fassen bekommen, was sie fassen möchte. Unguthände. Und diese Hände könnten Köpfe abreißen, denke ich mir und stelle mir den Luftstrom und –wirbel vor, den das verursachen würde.

Ich stelle mir das vor und fürchte, durch das Reißen diesen Wirbel im Kleinen zu entfachen, ihn wirbelnd um sich selbst von sich selbst an Größe dazu gewinnend, diesen Wirbel, der zwirbelt und strudelt bis er groß geworden sein wird, und dann würde er so sehr um sich selbst zwirbeln, dass er sich ganz verwirbeln und damit sich selbst verschlucken würde. Schwarzes Loch. Das wäre, was bliebe. Ein schwarzes Loch. 

Freitag, 24. Januar 2014

Wir stoßen wenigstens noch aneinander, sind wie gerissene Angelschnüre, die durch einen Fluss treiben aber zum Meer nie gelangen. Als würde das Meer noch etwas ändern. Vielleicht sind wir einander die größten Lügner, jeder im Geheimauftrag des anderen unterwegs, bleiben die unbesprochenen Dinge unter dem Teppich gekehrt. Andere wickeln Leichen, wir treten mit Absatzschuhen jeden Kahlschnitt und flaumlosen Teppich. Wir geraten an uns selbst in die windigste Ecke. Und dass du nicht widersprichst, liegt nur daran, dass du ungesagt bleibst. Wobei ungesagt nicht unaussprechlich bedeutet. Also spreche ich dich, spreche regelmäßig die Abfolge der Buchstaben.

Am Anfang war das Wort.

Ich sage das und denke, vor dem Wort müssen die Silben, müssen die Buchstaben, müssen Laute gewesen sein. Demnach zerteile ich kleinstmöglich alles Sprechbare, teile hinab und hinauf, teile hinab und hinauf. Zerfalle im Zerlegen selbst, falle hinab, falle hinauf und bleibe nur dort hängen, wo das Sprechbare ungesagt bleibt. Vielleicht sagt einer, Wiederholung, alles nur Nachahmung und immer Selbes. Recht hat er. Aber dort, wo ich nicht wiederhole, muss ich schweigen. 

Luftlinie, wenn es die unter Wasser gäbe, ungefähr 200 Kilometer, die uns unterscheiden. Angelschnur ist Angelschnur, die eine etwas dicker für Hochseeangler, die andere etwas dünner, beinah unsichtbar, für die, die im Klaren und Flachen fischen, aber was sie wirklich unterscheidet, ist die Entfernung, ist das Gewässer. Ich habe so gern Gefilde im Haar, sage ich, nicht weil ich es so meine, nur weil es so klingt. Gefilde im Haar. Das ist nicht der Inhalt, das ist das Gesprochene. Geh Hilde und fahr! Manchmal darf ich Dinge nicht ungesagt lassen.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Namenlos, die Alte auf der Tankstelle, namenlos der Ort und die Zeit rundum. Ich rechne mir an den Fingern aus, welche Jahreszahl zu der Alten passend wäre. Ich errechne mit meinen zehn Fingern eine Unmenge an Zahlen. Keine erscheint mir geeignet, die Alte auf der Tankstelle zu beziffern. Bleibt sie mir eben unbezeichnet, was ja auch sein Gutes hat. Denn das, was man namentlich kennt, dafür fühlt man sich mitunter, wenn auch nur ein wenig, doch man fühlt sich mitunter verantwortlich. Und für die in den Mülltonnen der Tankstelle grabende Alte möchte ich nichts fühlen. Empfinde mich ja selbst kaum, ertappe mich nur selten in dem Zustand eines Mitgefühls. Lass sie reden, sage ich mir immer, wenn sie reden und mit Mitgefühl prahlen. Wer redet, soll eben auch anwenden, sage ich. Und bringe postwendend die Unfähigkeit für Mitgefühl auf.

A. sagt dann manchmal, er wisse gar nicht, was er an mir finde, und was an mir, ihn halte. Und ich gucke und strecke ihm mich entgegen. Du wirst schon wissen, denke ich dann, und strecke noch mehr und sehe seinen Blick über mein gestrecktes Sein streifen, als streife er durch unwirtliche Gegenden. Was weiß ich, was ihn hält. Meine Hände können es nicht sein.
A. ist ein Mann mit Maß. Das richtige Augenmaß zur immer rechten Zeit. A. hält Abstand, wenn Abstand geboten ist, A. tritt heran, wenn der Umstand der Nähe bedarf. A. ist immer in richtiger Distanz zu mir. Und deswegen bin ich bei ihm, und ich werde solange bleiben, solange A. mit dieser wunderbaren Maßarbeit umzugehen versteht.

Vor der namen- und zahlenlosen Alten auf der Tankstelle senkt er den Blick. A. schaut ungern anderen Menschen in ihrem Elend zu. Dabei sage ich, er wisse doch gar nicht, ob die Anderen ihren Umstand als Elend empfinden. A. bleibt dann oft still und ich bin gar nicht sicher, ob er wirklich still bleiben möchte oder sich viel mehr dazu zwingen muss. A. ist mir nicht immer durchschaubar. Seit Jahren ergründe ich ihn und sein Verhalten. Alles Verhalten lässt sich systematisch einteilen. A. überrascht mich bisweilen. Auch deswegen bleibe ich. Ich bleibe immer solange, bis ich einem System auf die Schliche gekommen bin und mich die Umstände zu langeweilen beginnen. A. langweilt mich nicht. Noch nicht. Bisher für eine ungebrochen lange Zeit. Das beeindruckt mich. A. weiß davon nichts. Muss er aber auch nicht.

Die Alte auf der Tankstelle. Diese Tankstelle liegt auf dem Weg, der Weg zwischen Innenstadt und Wohnung. Wir wohnen abseits, ein wenig von den Hauptstraßen abgerückt, ein wenig zurückgestellt, ein wenig von Nebenstraßen umgeben, ein wenig hintan gerückt. Unsere Wohnung, die anfangs nur A´s. Wohnung gewesen war, liegt im obersten Geschoss. Keine Schritte, die kopfüber treten, keine unnötigen Besenstiele, die man gegen die Decke stoßen müsste, nur die Ratten, die nachts über die Dachbodendielen kriechen. Auch A´s. Wohnung weiß Maß zu halten. Wenig Platz aber nirgends rücken einem die Dinge, sind es nun Möbel oder andere Sachen, zu nahe. Alles hält seinen Raum und damit auch meinen. Wäre es anders, wäre ich nicht zu A. gezogen.

Die Tankstelle liegt genau in der Mitte. Gleicher Abstand zu unserer Wohnung und zum Stadtzentrum. Ein Dreh- und Angelpunkt also, ein Anhalt für Radius und Durchmesser, ein Punkt, an dem das Pendel immer diese wenigen Sekunden zum Ruhestand kommt. Ruhig zwischen Fall- und Aufstiegsbewegung. Und so stehen wir hier, stehen und sehen die Alte, die weder Namen noch Zahlen verrät. Sehen ihr beim Graben in den zu hoch hängenden Papierkörben zu. Die Körbe hängen so hoch, dass man den Arm ein wenig strecken muss, um etwas hinein zu werfen. Um in ihnen zu graben, bedarf es eines Hockers, bedarf es eines Gegenstandes, womöglich einer auf dem Kopf stehenden Bierkiste, etwas was einen selbst ein Stück erhöht, sodass man mit den Armen oder einem Stock als Hilfswerkzeug hinein, also nach unten greifen kann. Also graben. Umwühlen, scharren und suchen. Sich durch benutzte Papiertaschentücher, ob nun für den Nasenrotz oder anderen Körperschmutz gebraucht oder einfach nur zum Trockenwischen eines Fahrradsattels, oder gebraucht um eine blutende Wunde abzudrücken, gebraucht und weggeworfen. Eben dieses kleine Stück nach oben, um die Papierkorböffnung zu treffen, dieses kleine Stück nach Oben geworfen, um dann nach Unten zu fallen. Graben zwischen angebissenen Apfelstielen und leeren Dönerpapierhülsen, graben und scharren bis zum Grund. Um was zu finden? Einen verschmähten und deswegen weggeworfenen Burger? Eine nicht im Fall von oben nach unten zerborstene Pfandflasche, eine nicht bis zum Schluss abgelutschte Bonbonverpackung, eine vom Schimmel angegriffene Bananenschale?

A´s. gesenkter Blick stört mich, stört ebenso, wie Kinder, die nicht wissen wohin, während die Eltern sich unterhalten. Wissen nicht wohin mit sich, wissen nichts mit der aufmerksamkeitslosen Zeit anzufangen und beginnen also die elterliche, die Pflichtaufmerksamkeit, Pflichtfürsorge wieder auf sich zu lenken. Kinder stören mich zuweilen und jetzt stört mich A´s. gesenkter Blick. Als würde der vom Umstand abgewandte Blick den Umstand ungeschehen machen. Ja. Ungesehen. Ja. Und ja, so lösen sich Eltern auch aus den vertracktesten Gesprächsknoten, sich an ihre Elternaufmerksamkeitspflicht erinnernd, winden sie sich heraus und wenden sich ihrem schreienden, krallenden, schniefenden, ihrem ungeduldigen Kind zu. Da ist nirgends wirklich Abstand oder angemessene Distanz, da ist aber auch keine angemessene Nähe. Das ist ein ganz unwirklicher Zustand, ein kaum auszuhaltendes Inmitten-Sein, ein Schweben zwischen unbestimmten Bewusstseinszuständen. Unerträglich beinah. Da muss ich erst suchen, welchem System ich nun angehöre und welches Verhalten dieses System jetzt abverlangt. Wenn die Regeln dann alle befolgt sind, ist die Gefahr gebannt. Zumeist folge ich dem einfachsten System, nämlich meinen. Meiden und Umgehen. Situationen meiden und umgehen, sich, also mich in Sicherheit, heißt in einen gewissen Abstand bringen. Die Unfähigkeit des Mitgefühls nutzen und sich entziehen. Das ermöglicht mir die Szenerie zu beobachten. Ich kann anwesend und doch völlig unbeteiligt sein.
A. schaut zu der Mülltonnenalten, schaut über sie wie über eine endlos schöne Landschaft. Verliert sich beinah im Schauen, bis ich ihn stoße, so leicht mit dem Ellenbogen in die Seite stoße. Ich werde nicht schlau aus seinem Verhalten. Erst wegsehen, dann hinsehen, dann davon nicht mehr wegsehen, sondern beinah schon starren. Und nichts daran ändert den Umstand der Alten. Nichts von diesem ganzen Schauen erleichtert ihr ihre Grabarbeit, nichts davon holt diesen elenden Müllkübel tiefer, sodass die Alte einfach hineinsehen könnte, einsehen, ob das Hineingreifen in die schimmligen Schalen, die zerborstenen Scherben, ob das Hineingreifen in den grüngelben Rotz, in das getrocknete Blut, in den klebrigen Bonbon, ob es sich denn wirklich auch lohnt dort hineinzugreifen.

Ich kralle meine Finger in seine Handfläche. Ich kralle und spiele Vogel. Ich spiele, ich könnte abstürzen, sollte ich nicht fest genug krallen. Weißt du, flüstere ich in die Stadtzentrumrichtung. Weißt du, die meiste Zeit habe ich Angst. Angst, sollte ich die Augen schließen, sollte ich ruhig und in guter Gewissheit, alles bleibt wie es ist, sollte ich so die Augen schließen um sie unbesorgt wieder zu öffnen, und sollte ich dann meine in Unbekümmertheit geschlossenen Augen wieder öffnen, vielleicht nur leicht, ganz sacht einen winzigen Moment breit, nur öffnen, wie man Augen nach einem Lidschlag wieder aufschlägt. Die Angst, dann wäre da plötzlich wieder eine Mauer. Eine Mauer mitten im Land, mitten in der Stadt, mitten durch unsere Leben hindurch. A. lacht. Ich wusste, er würde lachen. Aber ich kralle an seiner Hand, ich stürze nicht ab. Ich wollte es nur mal gesagt haben, sage ich.

Dienstag, 31. Dezember 2013

Mit den Füßen bin ich immer ein bisschen voran. Vielleicht sogar schon im neuen Jahr. Meine Fußspitzen sind immer ein wenig älter, als ich es eigentlich bin. Und auch deswegen schaue ich vor wichtigen Entscheidungen immer erst auf meine Fußspitzen, denn die wissen ja, wie es so ein klein wenig meiner Zeit voraus aussieht. Also für mich erst noch aussehen wird, aber für meine vorauseilenden Fußspitzen eben schon aussieht. Mit den Zeitformen darf man nicht spielen, man muss sie anwenden, wie sie eben hingehören. Das Kommende wird das Kommende sein und das Gewesene, war längst schon gewesen oder wird gewesen sein? Ach herje, man darf nicht anfangen, in den Zeiten zu wandeln. Denn dann wandelt sich gleich aller Sinn. Und auch der Verstand beginnt dann zu drehen. Dreht sich hin, dreht sich her, und alle Welt wird kreiselhaft. Man ist dann Geisel seiner eigenen Drehbewegung. Aber der Zeit ist man deswegen noch längst nicht voraus. Außer die Fußspitzen vielleicht.

Nächstes Jahr werde ich mir die Haare vielleicht nicht schneiden. Vielleicht werde ich sie schneiden lassen. Ich werde durch die Straßen und gezielt zu einem Haarschneider gehen. Oder lieber einer Haarschneiderin. Es sind immer mehr Frauen als Männer in meinem Leben zu finden. Ich werde also so schlendern und dann in einen Haarschneiderinnensalon hineingehen. Mich hinsetzen. Gucken und staunen, und sicherlich werde ich ängstlich werden und zweifeln, ob es eine gute Sache sein kann, wenn jemand anderes, auch wenn es eine Haarschneiderin ist, mir ans Haar und damit unter die Wäsche greift. Ich werde es nicht aushalten können und den Haarschneidesalon schnell verlassen. Vielleicht werde ich rennen. Das Haar aber wird unbeschnitten und von Fremden unberührt bleiben. Von fremden Händen wie von Haarklemmen im Haar bekomme ich Kopfschmerzen

Sonntag, 22. Dezember 2013

Das Jahr wird in kürzester Zeit ausklingen. Vielleicht wird Mutter am Vorabend des Ausklangs beginnen die immer selbe Geschichte zu erzählen, vielleicht wird sie beginnen, die Ecken der Tischdecke nach Oben zu drehen, sie mit Nadeln feststecken und dann so tun, als wäre alles Tischtuchbedeckte ein Segel, und als ließe es sich am Vorabend des Jahresausklangs noch entkommen.

Wer mich verfolgt, der weiß, dass das Entkommen sich wiederholt, dass das Entkommen und die Flucht an sich, mir einverleibt sind. Wer mich verfolgt, gibt mir Fluchtgründe. Unergründliche Räume, in die es hineinzukommen gilt. Oder manchmal auch heraus.

Das Jahr, wird Mutter sagen, versucht sich immer nur selbst zu entkommen, und prompt wie es das versucht, stolpert es erneut in sich selbst hinein. Selbsttäuschung, grient Mutter und zuckt mit den knöchernen Schulterhügeln. Sich selbst täuschend, denke ich und beobachte Mutter, wie sie mit den alten Händen die nicht vorhandenen Fettpölsterchen von den Hüften streicht. Sie stellt sich geschickt an, macht gerade so, als streiche sie sich Falten aus dem Rock. Aber es sind keine Falten, Mutter drückt auf ihren Körper, sie möchte wegstreichen, was sie nicht hat.

Das Jahr wird ausklingen und ich gucke zurück und sehe die Dinge, die ich mir im Vorjahresausklang schon für das neu Einklingende vorgenommen hatte, und nehme sie mir erneut vor

Donnerstag, 12. Dezember 2013

Der aus Afghanistan hat Blut an den Händen. Ich sehe ihn durch den Türspalt, sehe ihn diesen Türspalt breit. Seinen Bärenrücken diesen einen Spalt breit nur. Und das Blut an seinen Händen. Ich denke daran, wie er aus dem Wüstensand Dreck gemacht hat und mit dem Gewehr in der Achsel umhergetrieben ist. Ich denke und male mir Bilder, Bilder, aus denen ich mir auch den, der in Afghanistan war, herausschneide. Schneide ihn an den sanftesten Stellen eckig und kantig. Das Blut an seinen Händen ist Kinderblut. Ich sehe, wie er sein Kind auf den Arm nimmt, wie das Kind aus der Nase blutet. Zartes Kind, denke ich. Ein so zartes Kind aus einem solchen Bärenrücken. Der aus Afghanistan streichelt sein Kind, legt ihm die große Pranke auf den Kopf. Streichelt den Kindskopf auf seiner Schulter. Weshalb der sanfte Bärenrücken in die Wüste geschickt worden war, sagt er nicht. Er sagt nichts, was ihn in eine Ecke treiben könnte. Und so steht er diesen Türspalt breit nur, steht und tröstet sein Kind und weiß gar nicht, dass ich diesen Spalt seines Lebens beobachte.

Ich beobachte. Ich sitze auf dem Hochsitz und schaue, als schaute ich in Begreifbares. Vielleicht wage ich es nicht, das Leben in die Hand zu nehmen. Das Eigene oder auch das Andere, das Allgemeine oder das Besondere. Wissenschaftsfloskeln. Im Allgemeinen scheint das Leben ja ein Grundzustand zu sein, ein Weltgrundzustand, während im Besonderen, jedes im und am Leben seiende Geschöpf, das Leben an sich in seiner ihm eigenen Besonderheit gestaltet und erlebt. Das ist das Sonderbare. Der Akt der Gestaltung geht vom ebenso erfahrenden Subjekt aus. Das Leben ist kein zu ertragender, sondern viel mehr ein zu gestaltender Zustand. Wenn man denn möchte. Das Leben oder die Lebensgestaltung ist abhängig vom Leben tragenden Wesen. Und von den ihm möglichen Umständen.

Ach ja. Ich sitze also und gucke. Schaue, wie der aus Afghanistan sein und nun auch das Leben seines Kindes gestaltet. Mit den Händen, die auch ein Maschinengewehr halten, es putzen und laden und entladen können, mit diesen Händen hält er den Kopf des Kindes. Wischt ihm die Nase und dann auch seine Kindkopfhalthände sauber. Wie er das macht, sieht er beinah so aus, als wüsste er nichts von der Welt. Wüsste nichts vom Wüstensand und den darin schlafenden Minen, wüsste nichts von Auf- und Abrüstung, wüsste nicht, dass ich ihm im Rücken sitze und schaue.

Ich, die immer nur schaut, während ihr die Haare ausgehen. Eines nach dem Anderen. Ich habe ein Sammelbecken. Eine Haarsammelstelle. Jedes Haar, das mir entfällt nehme ich sorgsam zwischen Daumen und Mittelfinger, nehme es in diese Fingerhaltestelle und lege es behutsam in die Sammelschale. Ein Haar nach dem Anderen. Mit den Haaren gehen mir die Hoffnungen aus. Hoffnungen auf Großes und Kleines. Auf Grob- und Sanfthölzer. Mir reißen Kerben dort, wo mir die Haare ausgegangen sind. Ich wiederhole das Bild von der Kahlrodung in allen Gefilden. Ich begreife vielleicht mein Leben nicht, und deswegen schaue ich, das anderer zu begreifen. Mit den Haarfingerspitzen, Fingerhaarspitzen, Spitzfingerhaaren.

Und die Kinder, die als kleine Menschen aus einem herausreißen. Diese Kinder, die man einfach nur lieben und küssen möchte, ich begreife sie nicht. Sie nehmen mich bei der Hand, sie lächeln mir zu, sie sind kleine Menschen, die noch so viel werden gestalten können, diese kleinen Menschen sehe ich, sehe sie und möchte sie bewegen, und ich sehe, ich werde sie nicht bewegen können, ebenso wenig bewegen können, wie die Zehen meiner tauben und längst schon abgestorbenen Beine. An denen bewege ich nichts mehr.

Aber vielleicht, wenn ich durch diesen Türspalt nur ein wenig, so ganz sacht hinan greife, dann …