Wenn ich jeden Tag ein wenig schreibe, wie viele Tage werde ich schreiben, um vieles geschrieben zu haben. Oder um Vieles geschrieben haben zu werden? Ich schreibe nicht jeden Tag. Ich denke darüber nach, ich lege Ideen linker Gehirnhälfte und auch rechter Gehirnhälfte ab, einige Ideen rutschen mir unbeachtet den Nacken hinunter, rutschen Wirbel für Wirbel, und ich frage mich noch, was mir im Nacken sitzt, rutschen hinab und sinken über mein Steißbein zu Boden. Auf manche trete ich mit den Füßen. Ungeachtet. Ich schreibe jeden Tag. Ein wenig mehr oder ein wenig weniger.
Ich schreibe und spreche mich selbst in der zweiten Person an. Weil ich, während ich schreibe auch eine zweite Person bin. Mein eigener Adressat, die immer widerstehende Figur, der Gegenpart alles Gesagt und Gedachten. Ich bin du. Oder ich bilde mir ein Du, eines, das dort steht, um das sich schreiben, um dass sich Gedanken machen lässt. Jeder Gedanke wird Gegenständlich, weil alles Bezeichnende ja etwas hat, was es Bezeichnet. Also gucke ich hin und male mir mit diesem Du eine schreibende Gegenposition. Oder eine ge- oder beschriebene Gegenposition.
Ich schreibe keine Geschichten. Ich schreibe keine Geschichten! Ich schreibe keine Geschichten?
Nicht jeder achtet auf Satzzeichen. Dabei bezeichnen sie etwas, bezeichnen Lücken und Gesten, bezeichnen Höhen und Tiefen, Zerwürfnisse und Zusammenkünfte.
Ich schreibe und schaue mir dabei DICH an. Dich Leser. Dich Schreiber. Dich Sucher und Finder. Das Du ist immer eine andere Ecke, eine Mehrzahl von Ich. Mein Ich ist ganz viel von dem, was dieses DU sieht und wahrnimmt, was dieses Du aus meinem Ich macht. Du ist Ich. In bestimmter Hinsicht. In bestimmtem Hinsehen. Das Ich möchte manchmal ein wenig mehr wie Du sein oder das Du ein wenig mehr wie Ich.
Kein Wunder, dass mancher manchmal die Grenze übertritt. Oder die Grenze viel mehr oder viel weniger schwindet.
Manchmal wünscht man sich, obwohl man es gar nicht muss, man wünscht sich, nicht in dieser Haut zu stecken. Ob nun in der eigenen oder der eines anderen. Also Ich und Du. Und dann sieht man, wie sehr das Ich dazu veranlagt ist, sich in ein Du zu denken, zu fühlen. So sehr, dass das Ich manchmal glückfroh ist, nicht in dieser DuHaut stecken zu müssen.
Ich schreibe ein wenig weniger. Heute.
"Dies hier sind so meine eigenen Einfälle, wodurch ich nicht beabsichtige, das Wesen der Dinge ans Licht zu bringen, sondern mich selbst." Michel de Montaigne
Dienstag, 29. Oktober 2013
Donnerstag, 24. Oktober 2013
Seit Tagen die immer gleichen Töne, dass sich selbst wiederholende oder widerrufende Klingen irgendwelcher Zirpgestalten. Ich nenne sie Zirpgestalten, weil sie mit den Augen nirgends auszumachen sind. Nur hören, immer wieder hören. Hören, hören, hören. Wie der Klang einen foltert, also mich malträtiert, martert, mordet. Wie der Klang sich mir wie ein Folterkleid umlegt, denn du hörst ja nichts. Wie er sich mich einverhäutet, als gelte ich diesen Zirpgestalten ein Klangkörper zu sein. Ich höre, höre, höre, höre, höre, höre, wo ich stattdessen auch schlafen, essen, trinken, sprechen, lachen, gehen sollte. Ich höre! Sonst nichts weiter. Und du sagst, da sei nichts, sagst mir, ich solle dir doch zeigen, sagst mir, ich selbst sähe doch nichts, ich bilde mir nur ein. Du sagst und ich höre. Höre dich und sehe die Zirpgestalten nicht.
Mein Nasenbein, weder die Paukenhöhle, noch der Steigbügel, nicht Hammer und Amboss, nichts in meinem Ohr schmerzt. Nur mein Nasenbein. Links und rechts, die von den Augen abfallenden Flanken. Als breite sich der Schmerz in Flügeln, in der Spannbreite meiner Wangenknochen aus. Und über den Tag zieht der Schmerz, zieht wie ein flauer Vogelschwarm von meinen Nasenbeinrändern zur oberen Zahnreihe. Und das alles wegen der Zirpgestalten. Unaufhörlich. Im Sinne dieses Wortes … un auf hörlich. Ich höre. Höre. Höre. Höre. Zu Zeiten, zu denen ich auch schlafen sollte.
Du sagst, ich hätte schlecht geträumt, aber ich sage, ich höre nur noch, auch dort, wo ich vielleicht träumen sollte. Du siehst die Nacht nicht, weil du ja die Augen im Schlaf geschlossen hältst. Du siehst und hörst nichts, und ich suche die Zirpgestalten. Wühle zwischen Tüchern und Kleidern, suche unter Tellern und Tassen, räume die Besteckkiste aus, räume sie wieder ein, ich habe die Zeitungen und Bücher durchblättert. Alle. Und jede Seite. Ich reiße die Tapete an den Ecken ein, ich suche darunter die Zirpgestalten, ich reiße, wenn du nicht hier bist, die Dielen vom Boden. Ich sehe nichts. Ich höre. Höre, HÖre, HÖRe, HÖRE während ich reiße und schiebe, wühle und kratze. Während ich alles andere bin und tue und sein sollte und tun sollte.
Ich suche und finde ein wenig Wüstensand zwischen den Matratzen. An den aus Afghanistan habe ich lange nicht gedacht. Nicht an seine im-Blut-saug-wie-im-Pool-schwimm-Mücke. Ich dachte nicht an ihn, aber hier ist Wüstensand. Zirpgestalt. Zirp. Zirp. ZIRp. ZIRP! Es ist in meinen Ohren, und die Mücken. Ihre schmalen Leiber, ihre Wüstenflügel, ihr Sand-und-Blutsaug-Rüssel. Ihre ganze Wüstengestalt. Ich fege zwischen den Matratzen. Fege Sand aus alten, längst vergessenen Tagen. Der aus Afghanistan hat eine Tochter bekommen. Hat erst eine neue Frau gefunden, diese dann geheiratet, sicher ist sicher, denke ich, und jetzt, kürzlich erst, bekam diese seine Tochter. Verhalf ihr zur Welt zu kommen. In diesen Wüstensand, denke ich. Die Mücke saugt, und dann badet sie im Fremdkörperblut. In Soldaten- und Afghanenblut.
Zirpgestalt. Ich finde dich! Du sagst, ich renne Wände ein, du sagst, ich solle mal zur Ruhe und vor allem, zu mir selbst kommen. Ja wohin denn, brülle ich, weil ich über die immer gleichen Töne hinweg, zu dir hin brüllen muss. Dass du mich hörst! Ich solle nicht brüllen, schreist du, und ich sehe ja, dass du schreist, deswegen brülle ich ja. Dass du mich hören kannst. Ich höre dich nicht! Die Zirpgestalten.
Mein Nasenbein, weder die Paukenhöhle, noch der Steigbügel, nicht Hammer und Amboss, nichts in meinem Ohr schmerzt. Nur mein Nasenbein. Links und rechts, die von den Augen abfallenden Flanken. Als breite sich der Schmerz in Flügeln, in der Spannbreite meiner Wangenknochen aus. Und über den Tag zieht der Schmerz, zieht wie ein flauer Vogelschwarm von meinen Nasenbeinrändern zur oberen Zahnreihe. Und das alles wegen der Zirpgestalten. Unaufhörlich. Im Sinne dieses Wortes … un auf hörlich. Ich höre. Höre. Höre. Höre. Zu Zeiten, zu denen ich auch schlafen sollte.
Du sagst, ich hätte schlecht geträumt, aber ich sage, ich höre nur noch, auch dort, wo ich vielleicht träumen sollte. Du siehst die Nacht nicht, weil du ja die Augen im Schlaf geschlossen hältst. Du siehst und hörst nichts, und ich suche die Zirpgestalten. Wühle zwischen Tüchern und Kleidern, suche unter Tellern und Tassen, räume die Besteckkiste aus, räume sie wieder ein, ich habe die Zeitungen und Bücher durchblättert. Alle. Und jede Seite. Ich reiße die Tapete an den Ecken ein, ich suche darunter die Zirpgestalten, ich reiße, wenn du nicht hier bist, die Dielen vom Boden. Ich sehe nichts. Ich höre. Höre, HÖre, HÖRe, HÖRE während ich reiße und schiebe, wühle und kratze. Während ich alles andere bin und tue und sein sollte und tun sollte.
Ich suche und finde ein wenig Wüstensand zwischen den Matratzen. An den aus Afghanistan habe ich lange nicht gedacht. Nicht an seine im-Blut-saug-wie-im-Pool-schwimm-Mücke. Ich dachte nicht an ihn, aber hier ist Wüstensand. Zirpgestalt. Zirp. Zirp. ZIRp. ZIRP! Es ist in meinen Ohren, und die Mücken. Ihre schmalen Leiber, ihre Wüstenflügel, ihr Sand-und-Blutsaug-Rüssel. Ihre ganze Wüstengestalt. Ich fege zwischen den Matratzen. Fege Sand aus alten, längst vergessenen Tagen. Der aus Afghanistan hat eine Tochter bekommen. Hat erst eine neue Frau gefunden, diese dann geheiratet, sicher ist sicher, denke ich, und jetzt, kürzlich erst, bekam diese seine Tochter. Verhalf ihr zur Welt zu kommen. In diesen Wüstensand, denke ich. Die Mücke saugt, und dann badet sie im Fremdkörperblut. In Soldaten- und Afghanenblut.
Zirpgestalt. Ich finde dich! Du sagst, ich renne Wände ein, du sagst, ich solle mal zur Ruhe und vor allem, zu mir selbst kommen. Ja wohin denn, brülle ich, weil ich über die immer gleichen Töne hinweg, zu dir hin brüllen muss. Dass du mich hörst! Ich solle nicht brüllen, schreist du, und ich sehe ja, dass du schreist, deswegen brülle ich ja. Dass du mich hören kannst. Ich höre dich nicht! Die Zirpgestalten.
Donnerstag, 17. Oktober 2013
Ein wenig habe ich mir, mich, meiner, dir, dich abgewöhnt. Habe mich auch meiner dir entzogen, wie man einen Splitter Holz oder auch Metall, der unbeabsichtigt aber schmerzlich unter die Haut gedrungen war, wie man diesen Splitter eben entzieht. Mit Fingerspitzengefühl, ein wenig mit der Nadel Vorarbeit leistend, ein wenig zudrückend und dann entschieden gezogen. Und des Fremdkörpers entwöhnt.
Ich fühle mich dir zugewandt. Wende mich ab und mache erste Schritte, Abwandtschritte. Abwandschritte. Ablassschritte. Erst nur einen, dann legt sich der zweite gleich hintan, der dritte Schritt ist nicht zu kontrollieren, ohne ihn gelänge nicht der vierte. Schritte. Schritttempo. Schrittlänge. Schritthalten. Schrittfolge. Eines flogt dem anderen. Aneinanderreihung. Unaufhaltsame Verselbstständigung. Perpetuum m.
P.m. Mobilmachung. Personalisierte Mobilmachung. Marginalisierte Profilmachung. Randgedränge. Ausschließmodus. Ausschlussmodi.
A.m. Am Morgen ist die Folge des Gestrigen. Ohne heute kein morgen. Ohne morgen kein gestern. Und jetzt? Ohne jetzt kein später? Zeitschritte. Zeitfolge. Der Zeit Folge leisten. Ihr nachrennen, hinterherhetzen, vorauseilen, durchdauern. Die Zeit durchweilen. Ein wenig sich entweilen.
Ein wenig wurde ich überdrüssig. Der Zeit, diesem Zeiger unter der Haut. Und wie der Finger Zeiger wird. Zeiger auf andere. Vielleicht auch dorthin. Ich gewöhne mich meiner mir ab. Meinem Fingerzeig hinterher und voraus, wohin er auch reicht, ich reihe mich darüber hinaus. Und weiter. Und währenddessen lege ich dich mir unter den Arm. Unbemerkt. Heimlich sind die Gesten, die ungesehen bleiben. Ich verstecke mich hinter meiner Heimlichkeit. Und dich lege ich mir unter die Haut, diesen Fremdkörper nicht missen zu müssen, diesem Fremdkörper Zeit gebend, zum Selbstkörper zu werden. Nicht Fleisch und Blut. Unter den Armen blute ich nur, wenn ich unachtsam, also unbedacht, vielleicht in eiliger Aufregung mit dem Rasierer abgerutscht bin. Dann wird dort Blutgegend. Unschön! Unaufhaltsame Verselbstständigung der eigenen Körperregion.
Ich lege mich deiner dir ab. Abgelegt, zu den Akten gelegt. Nicht durch den Reißwolf gerissen. Nicht gefetzt und zerschlissen. Nur ruhiggestellt.
Ich fühle mich dir zugewandt. Wende mich ab und mache erste Schritte, Abwandtschritte. Abwandschritte. Ablassschritte. Erst nur einen, dann legt sich der zweite gleich hintan, der dritte Schritt ist nicht zu kontrollieren, ohne ihn gelänge nicht der vierte. Schritte. Schritttempo. Schrittlänge. Schritthalten. Schrittfolge. Eines flogt dem anderen. Aneinanderreihung. Unaufhaltsame Verselbstständigung. Perpetuum m.
P.m. Mobilmachung. Personalisierte Mobilmachung. Marginalisierte Profilmachung. Randgedränge. Ausschließmodus. Ausschlussmodi.
A.m. Am Morgen ist die Folge des Gestrigen. Ohne heute kein morgen. Ohne morgen kein gestern. Und jetzt? Ohne jetzt kein später? Zeitschritte. Zeitfolge. Der Zeit Folge leisten. Ihr nachrennen, hinterherhetzen, vorauseilen, durchdauern. Die Zeit durchweilen. Ein wenig sich entweilen.
Ein wenig wurde ich überdrüssig. Der Zeit, diesem Zeiger unter der Haut. Und wie der Finger Zeiger wird. Zeiger auf andere. Vielleicht auch dorthin. Ich gewöhne mich meiner mir ab. Meinem Fingerzeig hinterher und voraus, wohin er auch reicht, ich reihe mich darüber hinaus. Und weiter. Und währenddessen lege ich dich mir unter den Arm. Unbemerkt. Heimlich sind die Gesten, die ungesehen bleiben. Ich verstecke mich hinter meiner Heimlichkeit. Und dich lege ich mir unter die Haut, diesen Fremdkörper nicht missen zu müssen, diesem Fremdkörper Zeit gebend, zum Selbstkörper zu werden. Nicht Fleisch und Blut. Unter den Armen blute ich nur, wenn ich unachtsam, also unbedacht, vielleicht in eiliger Aufregung mit dem Rasierer abgerutscht bin. Dann wird dort Blutgegend. Unschön! Unaufhaltsame Verselbstständigung der eigenen Körperregion.
Ich lege mich deiner dir ab. Abgelegt, zu den Akten gelegt. Nicht durch den Reißwolf gerissen. Nicht gefetzt und zerschlissen. Nur ruhiggestellt.
Dienstag, 15. Oktober 2013
Unter deinen Armen grast Sommer. Mit deinen Sägeblattlippen hast du ihn eingeladen, ihn erbeten, ihn bewirtet, ihn dir unter den Arm, so ein wenig auch an das Herz gelegt. Dieses Herz, das ich immer suche, wenn ich dir ins Gesicht schaue, und das ich nicht finde, und zu dem ich sage: ich weiß, dass du andernorts heftiger schlägst. Unter deinen Armen hat sich dir der Sommer ins Fleisch gefressen. Wer meint, Graser fräßen kein Fleisch, der irrt sich. Ich habe es gesehen.
Du sagst, ich sei süß aber mehr auch nicht, ein wenig nur klug, ein Zuckererbsenhirn. Und ich sehe dir zu, wie du mir den Schädel entpellst, wie du die grüne Schale entkernst und mein Süßhirn raspelst. Ich sehe dir zu, wie ich immer nur zusehe während du schon mit anderen beschäftigt bist. Mit anderen Händen, mit anderen Mündern, mit anderen Hirnrinden. Ich sehe dir beim Zersetzen deiner Graslandschaft zu.
Du sagst, ich sei aus der Zeit gefallen. Und das nur, weil ich wenig anders, ein wenig auch schön bin. Du sagst das, um dich selbst in Ruhe zu wiegen. Denn du weißt nicht, was es ist, dass du an mir liegst. Oder dass dir etwas an mir liegt. Ich schaue und sehe den Sommer unter deinen Armen. Sehe ihn pelzig und wölfisch werden. Der Sommer ist selten ein schöner Gast.
Wir denken einander in unterschiedlichen Farben. Und oft beißen wir uns. Dir fällt das kaum auf, weil du ja mit anderen beschäftigt bist, während du mir nicht aus dem Kopf gehst, und ich mich frage, ob du durch all deine Möglichkeiten meine Kleinhirnerbse spürst.
Ich hätte mich gern so ein klein wenig unter deine Arme gelegt. So ein ungenaues Stück an dein Herz, das andernorts eindeutig heftiger schlägt. Aber dem Sommer kam ich nicht gleich, ich fürchtete sein Grasen, ich fürchtete sein sich dir ins Fleisch fressen. Ich fürchtete das stickige Grasland deiner Unterarmgegenden. Ich fürchtete, mein Zuckererbsenhirn von deinen Fleischwolfzähnen zermalmt zu sehen.
Und jetzt sehe ich dich immer noch mit dem Sommer unter den Armen. Ich habe mich aus deiner Zeit gestellt. Ich höre deinen Herzschlag immer eine Sekunde verspätet. Es rührt mich dann weniger, weil ich über die vergangene Zeit nicht länger nachdenke. Ihr nicht nachempfinde, nicht hinterher, nicht voraus, nicht nebenbei. Ich grase unter meinen Sommern.
Samstag, 12. Oktober 2013
Ich habe mir Mücken eingefangen. Fünf mit einem Streich, für jeden Finger eine Mücke. Ein Wink mit der Fünffingerhand. Ich habe Mutter die Mücken vom Kopf gefangen. Mutter sagt immer, ich fräße ihr die Haare vom Kopf, was natürlich nicht stimmt. Wer isst Haare? Aber jetzt könnte Mutter sagen, ich finge ihr die Mücken vom Mund. Denn es waren wirklich fünf Mücken, die um Mutters Mund, nein, vielmehr vor Mutters Mund umherflogen. Wobei ich nicht weiß, ob das Tingeln der Mücken mit dem Wort Fliegen zu bezeichnen ist. Also dieses Tingeln treffend bezeichnet. Weil Fliegen ja auch etwas Andächtiges, Heroisches, etwas ganz eigen Beeindruckendes hat. Ehrfurcht vor Mücken? Das kann ich mir an meinen fünf Fingern abzählen. Nein. Null Ehrfurcht. An keinem Finger ein Krümel.
Mutter ist schweigsam geworden, seitdem ich ihr die fünf Mücken vom Mund weggefangen habe. Vielleicht trugen diese Mücken ihre Worte von ihren schmalen Lippen, vielleicht waren es diese Tingeltierchen, die sie sprechen ließen. Sprechen von der Zeit ohne mich, sprechen von der Zeit mit mir, sprechen von dem, was sie erwarten wird. Mutter glaubt an den Weltuntergang. Jeden Tag begrüßt sie die Welt mit ihren sooft schon wiederholten Lebewohlworten. Als wären die Mücken vor ihrem Mund Eintagsfliegen, sie jeden Tag neu zu begrüßen, zu verabschieden, überhaupt etwas zu sagen. Wenn man nur noch einen Tag zu leben wüsste, was würde man noch alles sagen wollen? Oft fragt man so, was man noch alles tun würde wollen, aber was alles noch sagen? Weil man ja weiß, danach bleibt keine Chance mehr etwas ungesagt zu machen, etwas nachträglich noch auszusprechen. Was sagen?
Ich habe meine Fünffingermückenhand an Mutters Mund gelegt. Aber es rührt sich nichts, sie lässt meine Hand liegen, als läge ihr trocken gewordener Glanz auf den Lippen. Glanzlos. Mutters Nicht-Geste und meine Fünffingermückenhand. Ein wenig ekelt mich davor. Fünf an einer Hand, jede auf einem Finger. Wenn eine jede jetzt zustechen und ein wenig von mir aufsaugen würde. Wenn jetzt die Welt für immer unterginge. Und Mutter bliebe so unsagbar in meine Hand mit ihrem Mund, ihrem Lebewohlworte-Mund.
Ich habe mir diese Mücken von Mutter eingefangen. Und nun bekomme ich sie nicht mehr los. Mutter nicht und auch die Mücken nicht. Ich schaue und suche nach Eintagsgläsern.
Montag, 30. September 2013
Wir feiern deinen Geburtstag nicht. Weil da nichts mehr ist, was gefeiert werden kann. Dein Geburtstag war, wie dein Sterbetag gewesen ist. Einprägsam. Wir denken und gedenken, wir decken den Tisch, und decken ihn wieder ab. Wir gedenken Deiner. Deiner Lebenslust, deiner Lebensgier, deiner Lebensliebe, deiner ganzen Lebensart gedenken wir. An deinem vor Jahren schon gewesen Geburtstagen, an deinen Sterbetagen. Alle Daten. Immer und wiederkehrend. Feste Tages- Monats, festgelegte Jahreszeiten. Wir denken an dich. Und vielleicht denken wir heimlich mehr und öfter an dich, als zwischendurch auch mal an uns zu denken. An den einen oder anderen, oder auch an sich selbst. Vielleicht denken wir zu oft und vielleicht fühlen wir zu selten. Oder ich. Vor allem!
Ich möchte nicht mehr reden. Reden nimmt mir die Worte, nimmt mir die Gedanken, die beim Reden einfach losstürzen, aus mir heraus, als wollten sie das, als wollten sie immer nur aus mir heraus. Und dann sitze ich da und merke, wie mir diese Gedanken fehlen, wie mir die Worte fehlen, wie alles mit dem Reden verlorenen gegangen sein wird. Das ist meine Art, Dinge bei mir zu halten. Ich möchte nicht mehr reden müssen. Und wollen? Auch reden wollen. Ich möchte nicht reden wollen. Ich will nicht. Jetzt nicht mehr. Vor einiger Zeit vielleicht. Ein wenig hier, ein wenig dort. Aber jetzt möchte ich nicht wollen und nicht müssen. Ich will nicht! Nicht über dich und auch nicht über mich, nicht über uns reden wollen.
Meine Zunge hängt über die Rachen- oder auch Kehlraumbrücke wie ein Teppich zum Ausschlagen. Und alles, was durch meinen Hohlraummund sich formt und Wort für Wort entweicht, peitscht über meine Zunge, schlägt sie aus, schlägt sie wund und vielleicht sogar tot. Mit der Zeit. Mit der Zeit kommt immer das Sterben. Und dann werden Geburtstage neben Sterbetage geschrieben. Und das Geschriebene ist immer Bleibendes. Nicht wie das Gesagte, das Gesprochene, das Flüchtige. Das Fluchttier.
Ich denke mich und ich denke dich, denke uns aus mir heraus, in dich nicht hinein, weil da nichts mehr von dir ist, wohin es sich denken lässt. Ich bin gedankenlos im Umgang damit. Im Umgang mit deiner Fluchtgestalt, deinem Flüchtigsein. Ich bin fluchtgedankenlos.
Ich möchte nicht mehr reden. Reden nimmt mir die Worte, nimmt mir die Gedanken, die beim Reden einfach losstürzen, aus mir heraus, als wollten sie das, als wollten sie immer nur aus mir heraus. Und dann sitze ich da und merke, wie mir diese Gedanken fehlen, wie mir die Worte fehlen, wie alles mit dem Reden verlorenen gegangen sein wird. Das ist meine Art, Dinge bei mir zu halten. Ich möchte nicht mehr reden müssen. Und wollen? Auch reden wollen. Ich möchte nicht reden wollen. Ich will nicht. Jetzt nicht mehr. Vor einiger Zeit vielleicht. Ein wenig hier, ein wenig dort. Aber jetzt möchte ich nicht wollen und nicht müssen. Ich will nicht! Nicht über dich und auch nicht über mich, nicht über uns reden wollen.
Meine Zunge hängt über die Rachen- oder auch Kehlraumbrücke wie ein Teppich zum Ausschlagen. Und alles, was durch meinen Hohlraummund sich formt und Wort für Wort entweicht, peitscht über meine Zunge, schlägt sie aus, schlägt sie wund und vielleicht sogar tot. Mit der Zeit. Mit der Zeit kommt immer das Sterben. Und dann werden Geburtstage neben Sterbetage geschrieben. Und das Geschriebene ist immer Bleibendes. Nicht wie das Gesagte, das Gesprochene, das Flüchtige. Das Fluchttier.
Ich denke mich und ich denke dich, denke uns aus mir heraus, in dich nicht hinein, weil da nichts mehr von dir ist, wohin es sich denken lässt. Ich bin gedankenlos im Umgang damit. Im Umgang mit deiner Fluchtgestalt, deinem Flüchtigsein. Ich bin fluchtgedankenlos.
Montag, 16. September 2013
A. sagt, deine Hände seien Denkwesen. Ich schaue und sehe deine Hände, sehe die Denkwesen nichts tun. Wie sie sich ineinander wiegen, als gelte es eine Entscheidung zu treffen. A. sagt Dinge und ich schaue, diese Dinge wie A. zu sehen. Ich sehe deine Hände auf mich zukommen. Sind deinen Händen keine Denkgrenzen gesetzt? Und ist ihr Denken immer auch dein HANDeln?
Meine Arme sind blutverschmiert. Der Habicht hat das Huhn gerissen, es aber nicht gänzlich zur Strecke gebracht. Wahrscheinlich bin nun ich ihm zuvor gekommen. Meine Hände brachen dem gerissenen Huhn das Genick. Nun liegt es in seinen Halsbruchhänden. Also in meinen. Meine Hände sind keine Denkwesen. Ich sehe sie immer nur greifen und fassen, sehe sie Hälse umdrehen, sehe sie blutverschmiert in meine Arme auslaufen. Wie ein Fluss Meer wird, wird mein Arm Hand. Er breitet und weitet sich aus, wird einnehmend.
A. sagt, ich solle es ihr nicht gleichtun wollen. A. sagt, ich solle mir eigene Ansichten suchen und denen dann folgeleisten. Um A´s. Willen wegen oder um der Welt Willen? Ich frage das, und A. sage ich nichts davon, deswegen weiß A. nichts von meinen Ansichten. Oder Denksichten. Vielleicht sollte ich meine Hände an A. legen. Nur so leicht hinan, so einen Millimeter über eine unmissverständliche Geste hinaus. Und dann gucken. Etwas würde geschehen.
Ich bin. Also denke ich. Ich denke an Gestern, ich denke an Morgen, jetzt denke ich, also denke ich nicht direkt an die Gegenwart, weil in ihr noch mein Denkakt an sich ist. Er ist fortwährende Gegenwart.
A.
Ich nehme deine Hände aus meinem Schoß. Denn mein Schoß ist ein handloser Ort. Dass deine Denkwesen, wie A. sagen würde, dort liegen, ist ein Unding. Denn an Schoßorten ist nicht gut denken. Das ist ähnlich wie mit den Funklöchern. Nur Schwirren und Wirren oder eben Nichts.
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