Donnerstag, 22. Oktober 2009

Nachts, wenn ich durch die Straßen laufe und nicht begreife, dass ich nicht nur durch Straßen sondern auch durch eine Stadt, durch eine Gegend, irgendwo durch einen Kontinent, durch ein Stück Welt laufe, sind es die Geräusche, die sich verdoppeln. Mehrlingsgeburten, von allen Seiten drischt etwas auf mich ein, und dieses etwas, dieses undefinierte Vielzeug ist es, das mich vermissend macht. Ich Frau, werde plötzlich Kind. Stehe als Kindfrau und gebäre Mehrlinge in die Nacht, die nichts weiter sind als vergangene Tage. Und ich, mehr Kind als Frau weiß weder mich noch die Geburten zu nähren, zu wärmen, zu überleben. Überliebensfähig. Ist keiner von uns. Nicht Frau, nicht Kind. Nachts, wenn ich durch die Straßen laufe und nichts begreife, sitzt ein anderer Teil von mir im Verhörsaal, der nur Raum mit Wänden ist. Aber diese Wände haben Ohren, überdimensional und die machen den Saal, machen das Gesagte zum Gehörten und später in den Gassen um mich herum, wird es Geräusch. Geräusch im Verhörsaal kann das Knacken im Holz sein, kann in den Gängen der Wände ein Wurm nur sein. Ein vielgliedriges Mehrlingswesen nur. Geräuschkulisse ist immer aus Gesagtem gehört und für unbedeutend Gehaltenes. Nachts.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Es muss etwas an mir sein. Es gibt diese Menschen, die ich schätze und in die Kramkiste der Freundschaften lege, und genau diese Menschen sind anders, wollen nicht in die Freundschaftszange gelegt werden. Es wundert mich, ich wundere mich. Das Wunderbare ist, was sich zu wundern lohnt. Da ergibt sich ein Ereignis und es ändert das Verhältnis von da Gewesenem, Seiendem und Werdendem. Wohin aber diese Änderungen schwingen, weiß niemand, der nicht schwungerfahren ist. Wohin treibe ich diese Menschen? Wohin treiben sie mich? Ich trete an den Rand und sehe darüber nur hinaus. Mit den Menschen ist das so eine wunderbare Sache.
Ich meine, nichts dazu zu können und merke, wie ich abgleite, hinabgleite ohne nirgends nach Halt zu greifen. Ich spüre diese Gedankenketten, die sich um mich legen, mich würgen, mich nicht mehr freigeben. Nächte verbringe ich so. Tage. Mit den Menschen ist das so eine Sache. Sie kommen und gehen, ich komme und gehe an ihnen vorbei, an ihnen vorüber. Aber nirgends ist etwas gewesen, von dem ich sagen würde, das muss es gewesen sein, was dazu geführt hat, wie es jetzt ist und morgen sein wird. Ich bin teilnahmslos bei dieser Sache, die zu wundern sich lohnt. Die Einsamkeit scheint mir immer noch der sicherste Ort zu sein.

Der Fluss zieht auch ohne mich weiter Richtung Meer. Wieviel von ihm schon an mir vorbeigezogen ist, weiß das Meer. Manchmal regnete es Bäche, Flüsse, ganze Ströme. Gestern Abend regnete es das Meer, und ich wollte fragen, wie viel von ihm im Fluss gezogen war. Aber als ich zur Sprache kam, war die Straße längst überflutet und alle Fenster und Türen geschlossen. Ich brach ab, meine Stimme brach mitten im Fragen einfach ab. So verzweigt und verästet habe ich mich selten erlebt. Aber die Stimme macht, wozu sie in der Lage ist. Und wenn aus ihr heraus ein Baum entsteht, dann ist das so.

Donnerstag, 17. September 2009

Es ist Zeit vergangen. Nicht wir sind vergangen, sind nicht verirrt, nicht verlaufen, sind vielleicht nur etwas seitwärts gerückt. Nebenbei sozusagen. Und anbei lag das Meer, lag mit seinem großen Rauschen und ich wusste nicht, übertönt es dein Schweigen oder macht es dein Schweigen erst aus. Du warst immer nur leise im Gegensatz zum abseitigen Meer. Das dort liegt, vor mir, mir vor den Füßen, so als käme ich gar nicht umhin, hinein zu treten. Trittstein. Jeder einzelne, der mir über die Zehen kieselt.

Das Sein, also unser Sein, deines und ebenso meines, bedarf einer Ortschaft, um sein zu können. Nur wo das Sein da ist, ist es existent. Das las ich im Zusammenhang mit Sprache und Tod, und dass das anfängliche Wort uns sterblich macht. Und jetzt, da ich daran denke, fällt mir dein Schweigen auf. Deine Todesangst. Und ich denke das erste Wort, das du sagtest und denke, es war deine Reaktion auf mich als ein Reiz in deinen Ortschaften. Unbewusst war dein erstes Wort, unbewusst deine Wahrnehmung von mir, wie man eine auf Grün geschaltete Ampel wahrnimmt, und den Fuß nicht vom Pedal nimmt. Nebenher. Seitweise.

Ich hatte vorgeschlagen, nicht länger zu reden sondern zu schreiben. Unser geschrieben Gesagtes wiederholbar, überprüfbar zu machen. Du hattest genickt und geschrieben. Aus Lauten wurden Silben, wurden Worte, ganze Sätze bildeten sich. Immer wieder. Jede einzelne Silbe wiederholbar. Alles was du mir geschrieben sagtest, schwimmt mir vor Augen. Mund, Nase, Ohren bleiben unberührt.

Unrührbar ist alles was wir empfinden. Im Wort.

Donnerstag, 27. August 2009

Jetzt. Da du dort drüben atmest, fehlt mir gänzlich Wind im Gefieder. Ich hebe die Arme der Nachtluft Willen nicht, ich hebe die Arme nicht für einen Mann im Kleid, einen Hund mit Kieferprothese. Ich hebe meine Arme nicht.

Ich vermisse die Straßen, die Bahnhöfe und den Geruch. Das ganz Eigene, was eine Stadt ausmacht. Ihr Gedächtnis. Metropolisch, sage ich und denke an den Osten, den Westen, den Norden und irgendwo auch an den Süden. Wenn ich ginge und nicht ankäme, wäre es endlos. Aber wohin kommt der Mensch?

Über seine Gedanken hinaus, kommt er nicht. Kommt nicht über den Rinnstein seiner Gestirne. Dabei würde ich so gern. Würde kommen und darüber hinaus schon wieder schwinden. Davonkommen ist immer auch ein Dahingehen.

Ich dekonstruiere mir die Welt. Setze Bausteine an Straßen ab, setze Ringsteine an Ecken und morgens nehme ich ein Bad, während andere sich sammeln, zerstreue ich. Zerstreue von mir, was bleiben wird. Alles, was ich schreibe, könnte bleiben wollen. Und wohin wird es kommen, wenn ich gegangen sein werde?

Du atmest dort, wo ich nicht bin. Schlägst Wind in Anderer Gefieder.

Mittwoch, 6. Mai 2009

Im Wald schlägt Gefieder


Sie rennt, dabei wusste sie früher nicht die Beine in die Hand zu nehmen. Jetzt rennt sie und der Rock rutscht ihr bauchwärts über die Knie. Alles habe ich diesem Dreckskerl gegeben und jagt der mir nach, dieses Schwein! Sie rennt und keucht, der Mund steht offen, wie ein vom Sturm zerrissenes Tor einer vergessenen Scheune. Von hier kann ich sie rennen sehen und den Kerl, der ihr an den Fersen hängt. Der jagt, denke ich.

Im Wald schlägt Gefieder. Hörst du? Ich sehe die Menschenspitze sich durch das Geäst schlagen. Dreckskerle. Im Wald schlägt einer einen anderen Ton an. Du hörst nicht?
Dabei hast du doch Gefieder im Haar, denke ich und bestaune deine Ähnlichkeit mit anderen Himmelskörpern. Wenn Götter im Himmel thronten, sage ich, du würdest wie sie aussehen. Aber es ist Gefieder und es gibt Leute, die meinen Federvieh und andere, es gäbe nirgends Götter. Nicht einer sei irgendwo.

Der Rock bauch-, nein herzwärts sich öffnen. Dabei rennt sie und möchte doch nicht, dass der, der jagt, sie einholt. Ihr nachjagt, sie einholt und eindringt wie eine Gewehrkugel, der man nur mit Gewalt entgegenwirken wird können. Sie atmen, ich sehe sie und das Rennen. Wenn einer meinte, er lese Literatur, dann frage ich, was liest du? Und warum? Ich weiß, dass unten einer jagt, sage ich.

Käuzchen. Kleines, grausames Käuzchen. Du. Käuzchen aus dem Walde.

Sein Einholen hat ihr Rennen gestoppt. Sie liegt und er steht über ihr. Der Rock hält nichts mehr verborgen. Offenherzig, wie sie da ist, greift er an, greif ein, in sie hinein. Und ich sehe, weil ich einem Himmelskörper ähnlich bin. Ich sehe und bleibe dennoch schön. So wie die Götter, die nicht im Himmel thronen aber dort gedacht und schön geglaubt werden.

Du sagst, dass ich schön bin. Du hörst nicht? Im Wald wird Gefieder geschlagen.

Sonntag, 19. April 2009

Ich war mit Freunden im Stadion. Fußballfieber griff um, Gebrüll und Gejaule. Einzig faszinierte mich die Massenbewegung. 50 000 Menschen in einem ausmachbaren Raum auf die Bewegungen und Jungenspiele zweiundzwanzig Männer reagierend. Die Stimmung blieb nach einer leichten Aufhebung zu Beginn des Spektakels trüb wie der Himmel. Die Masse von 50 000 begann sich bereits vor dem Schlusspfiff aufzulösen, weil wohl das Ballspiel der Männer auf dem Rasen sie zornig und gleichzeitig enttäuscht stimmte. Demnach hieß es für jene, die das Stadion frühzeitig verließen wohl; Augen zu und raus, nicht dabei, nicht schuld gewesen. Schuld ist vielleicht auch ein deutsches Gewächs, vor Zeiten gesät und bisher gehegt und gepflegt. Und immer sind wir auf der Suche nach ihr. Einer muss sie ja haben, irgendwo muss sie doch zu finden sein. Die Schuld hat schließlich immer einer, sie wächst wie Unkraut auch in den saubersten und feinsten Gärten.

Und nun sitze ich im Morgen dieses Tages und betrachte die schematische Darstellung eines Hexameters und überlege, über Lautbarkeit. Ist ein Gefühl, ein Empfinden, selbst das Kleinste oder das Stärkste verlautbar? Lässt sich das oft frühzeitige und sachte Gefühl anfänglicher Zuneigung in Rhythmus und Klang unserer Sprache übersetzen? Können wir mit dem, was wir an Ausdruckmitteln haben, der Ursache auf den Grund kommen? Und wenn ja, ist dann Klang und Rhythmus meiner übersetzten Gefühle denen eines Gegenübers ähnlich, hätte er ebenso von der Möglichkeit seiner Sprache Gebrauch gemacht und sei er demnach imstande, meine Verlautbarung zu verstehen?

Kann ich sagen, was ich empfinde? Oder benutze ich nur Worte, denen wir per Definition unser menschliches Empfinden einverleibten? Und so gelange ich zu einem vorgestrigen Gedanken.

- exhibitionistisch tat sich die Welt mit Tor und Türen vor mir auf –

Diese Zeile schrieb ich und ließ sie als Anfangszeile eines möglichen Gedichts stehen. Es ist sprachlich nicht vorzeigbar verhält sich jedoch in dem Sinne weiter, dass es die Idee formuliert, der Mensch werde mit seiner Geburt in eine für ihn vollkommen nackte Welt geworfen. Doch bereits wenige Zeit später, wird dem Menschen die bloße Welt mit Wort und Sinn, (Geklang und Geklimper heißt es im Gedichttext weiter) bekleidet. Die Welt wird dem Menschen hinter seiner Sprache versteckt und dort bleibt sie ihm womöglich zeitlebens verborgen.
Natürlich kann jetzt im gedachten Gedicht ein Punkt der Erkenntnis folgen, demnach eine tragische Wendung. Denn wie kann der Mensch ankommen gegen etwas, womit er sich und seine Umwelt definiert oder auch erst erfährt? Obwohl er nun weiß, dass genau dieses es ist, nämlich die Sprache, was ihm die Welt vermantelt also ihm die Weit- und Fern- und vielleicht auch die Darüber-Hinaus-Sicht einschränkt? Kann der Mensch, die ihm angetragene Sprache ablegen und sich gleichzeitig der Nacktheit, den offenen Toren und Türen der exhibitionistischen Welt aussetzen?
Wenn die Sprachfähigkeit jedoch eine Notwendigkeit zum Verständnis bildet, wird der Mensch die nackte Welt wohl kaum erkennen und verstehen können. Also nähern wir uns nach dem Erkenntnispunkt im Gedicht einem dramatischen Schluss an?
Ist der Mensch durch seine notwendigen Mittel begrenzt?

Donnerstag, 16. April 2009

Es ist eine spröde Zeit der Sprache. Die Wissenschaft raubt den Glanz und lässt ihn uns gleichzeitig erst begreifen. Diesen Glanz, der überall hindurch glimmt, der hier und dort unfassbar dennoch immer vorhanden bleibt. Ich stecke wie in einem Mantel aus Unkenntnis, und an diesem Mantel die Knöpfe zu lösen allein, ist, als risse ich mir in die Haut, ins eigen Fleisch und Blut.

Während die Stadt ihre Trümmer beseitigt, während der aus Afghanistan nicht mehr hier sondern anderswo ist, während seit Monaten keiner mehr kam und mir einen Gedichtband schenkte, habe ich zu studieren begonnen. Beklemmt sitze ich zwischen meinen Lebensstühlen. Dem einen, der mich zur Arbeit gehen und das Alltägliche bewerkstelligen heißt, auf dem anderen, der meint, ich sitze allerorts nur auf der Arbeit, im Alltäglichen nicht am rechten Platz. Und wie ich mir die Stühle aneinander rücke, nicht mehr zwischen ihnen zu sitzen, rücke ich ab.

Vor mir tut sich exhibitionistisch die Welt mit ihren Toren und Türen auf.

Was nutzt es, den Regen zu verstehen, wenn die Verwüstung längst begonnen hat? Was nutzt mir die literarische Landschaft, wenn ich mich in ihr wie auf einem Minenfeld bewege?

Ich schleiche durch die Treppenhäuser der Sprache, höre den Nachklang mir ferner und fremder Schritte. Luge nur mit einem winzigen Blick hinaus und nebenher und sehe nichts als die sich entblößende Welt.