Donnerstag, 17. September 2009

Es ist Zeit vergangen. Nicht wir sind vergangen, sind nicht verirrt, nicht verlaufen, sind vielleicht nur etwas seitwärts gerückt. Nebenbei sozusagen. Und anbei lag das Meer, lag mit seinem großen Rauschen und ich wusste nicht, übertönt es dein Schweigen oder macht es dein Schweigen erst aus. Du warst immer nur leise im Gegensatz zum abseitigen Meer. Das dort liegt, vor mir, mir vor den Füßen, so als käme ich gar nicht umhin, hinein zu treten. Trittstein. Jeder einzelne, der mir über die Zehen kieselt.

Das Sein, also unser Sein, deines und ebenso meines, bedarf einer Ortschaft, um sein zu können. Nur wo das Sein da ist, ist es existent. Das las ich im Zusammenhang mit Sprache und Tod, und dass das anfängliche Wort uns sterblich macht. Und jetzt, da ich daran denke, fällt mir dein Schweigen auf. Deine Todesangst. Und ich denke das erste Wort, das du sagtest und denke, es war deine Reaktion auf mich als ein Reiz in deinen Ortschaften. Unbewusst war dein erstes Wort, unbewusst deine Wahrnehmung von mir, wie man eine auf Grün geschaltete Ampel wahrnimmt, und den Fuß nicht vom Pedal nimmt. Nebenher. Seitweise.

Ich hatte vorgeschlagen, nicht länger zu reden sondern zu schreiben. Unser geschrieben Gesagtes wiederholbar, überprüfbar zu machen. Du hattest genickt und geschrieben. Aus Lauten wurden Silben, wurden Worte, ganze Sätze bildeten sich. Immer wieder. Jede einzelne Silbe wiederholbar. Alles was du mir geschrieben sagtest, schwimmt mir vor Augen. Mund, Nase, Ohren bleiben unberührt.

Unrührbar ist alles was wir empfinden. Im Wort.

Donnerstag, 27. August 2009

Jetzt. Da du dort drüben atmest, fehlt mir gänzlich Wind im Gefieder. Ich hebe die Arme der Nachtluft Willen nicht, ich hebe die Arme nicht für einen Mann im Kleid, einen Hund mit Kieferprothese. Ich hebe meine Arme nicht.

Ich vermisse die Straßen, die Bahnhöfe und den Geruch. Das ganz Eigene, was eine Stadt ausmacht. Ihr Gedächtnis. Metropolisch, sage ich und denke an den Osten, den Westen, den Norden und irgendwo auch an den Süden. Wenn ich ginge und nicht ankäme, wäre es endlos. Aber wohin kommt der Mensch?

Über seine Gedanken hinaus, kommt er nicht. Kommt nicht über den Rinnstein seiner Gestirne. Dabei würde ich so gern. Würde kommen und darüber hinaus schon wieder schwinden. Davonkommen ist immer auch ein Dahingehen.

Ich dekonstruiere mir die Welt. Setze Bausteine an Straßen ab, setze Ringsteine an Ecken und morgens nehme ich ein Bad, während andere sich sammeln, zerstreue ich. Zerstreue von mir, was bleiben wird. Alles, was ich schreibe, könnte bleiben wollen. Und wohin wird es kommen, wenn ich gegangen sein werde?

Du atmest dort, wo ich nicht bin. Schlägst Wind in Anderer Gefieder.

Mittwoch, 6. Mai 2009

Im Wald schlägt Gefieder


Sie rennt, dabei wusste sie früher nicht die Beine in die Hand zu nehmen. Jetzt rennt sie und der Rock rutscht ihr bauchwärts über die Knie. Alles habe ich diesem Dreckskerl gegeben und jagt der mir nach, dieses Schwein! Sie rennt und keucht, der Mund steht offen, wie ein vom Sturm zerrissenes Tor einer vergessenen Scheune. Von hier kann ich sie rennen sehen und den Kerl, der ihr an den Fersen hängt. Der jagt, denke ich.

Im Wald schlägt Gefieder. Hörst du? Ich sehe die Menschenspitze sich durch das Geäst schlagen. Dreckskerle. Im Wald schlägt einer einen anderen Ton an. Du hörst nicht?
Dabei hast du doch Gefieder im Haar, denke ich und bestaune deine Ähnlichkeit mit anderen Himmelskörpern. Wenn Götter im Himmel thronten, sage ich, du würdest wie sie aussehen. Aber es ist Gefieder und es gibt Leute, die meinen Federvieh und andere, es gäbe nirgends Götter. Nicht einer sei irgendwo.

Der Rock bauch-, nein herzwärts sich öffnen. Dabei rennt sie und möchte doch nicht, dass der, der jagt, sie einholt. Ihr nachjagt, sie einholt und eindringt wie eine Gewehrkugel, der man nur mit Gewalt entgegenwirken wird können. Sie atmen, ich sehe sie und das Rennen. Wenn einer meinte, er lese Literatur, dann frage ich, was liest du? Und warum? Ich weiß, dass unten einer jagt, sage ich.

Käuzchen. Kleines, grausames Käuzchen. Du. Käuzchen aus dem Walde.

Sein Einholen hat ihr Rennen gestoppt. Sie liegt und er steht über ihr. Der Rock hält nichts mehr verborgen. Offenherzig, wie sie da ist, greift er an, greif ein, in sie hinein. Und ich sehe, weil ich einem Himmelskörper ähnlich bin. Ich sehe und bleibe dennoch schön. So wie die Götter, die nicht im Himmel thronen aber dort gedacht und schön geglaubt werden.

Du sagst, dass ich schön bin. Du hörst nicht? Im Wald wird Gefieder geschlagen.

Sonntag, 19. April 2009

Ich war mit Freunden im Stadion. Fußballfieber griff um, Gebrüll und Gejaule. Einzig faszinierte mich die Massenbewegung. 50 000 Menschen in einem ausmachbaren Raum auf die Bewegungen und Jungenspiele zweiundzwanzig Männer reagierend. Die Stimmung blieb nach einer leichten Aufhebung zu Beginn des Spektakels trüb wie der Himmel. Die Masse von 50 000 begann sich bereits vor dem Schlusspfiff aufzulösen, weil wohl das Ballspiel der Männer auf dem Rasen sie zornig und gleichzeitig enttäuscht stimmte. Demnach hieß es für jene, die das Stadion frühzeitig verließen wohl; Augen zu und raus, nicht dabei, nicht schuld gewesen. Schuld ist vielleicht auch ein deutsches Gewächs, vor Zeiten gesät und bisher gehegt und gepflegt. Und immer sind wir auf der Suche nach ihr. Einer muss sie ja haben, irgendwo muss sie doch zu finden sein. Die Schuld hat schließlich immer einer, sie wächst wie Unkraut auch in den saubersten und feinsten Gärten.

Und nun sitze ich im Morgen dieses Tages und betrachte die schematische Darstellung eines Hexameters und überlege, über Lautbarkeit. Ist ein Gefühl, ein Empfinden, selbst das Kleinste oder das Stärkste verlautbar? Lässt sich das oft frühzeitige und sachte Gefühl anfänglicher Zuneigung in Rhythmus und Klang unserer Sprache übersetzen? Können wir mit dem, was wir an Ausdruckmitteln haben, der Ursache auf den Grund kommen? Und wenn ja, ist dann Klang und Rhythmus meiner übersetzten Gefühle denen eines Gegenübers ähnlich, hätte er ebenso von der Möglichkeit seiner Sprache Gebrauch gemacht und sei er demnach imstande, meine Verlautbarung zu verstehen?

Kann ich sagen, was ich empfinde? Oder benutze ich nur Worte, denen wir per Definition unser menschliches Empfinden einverleibten? Und so gelange ich zu einem vorgestrigen Gedanken.

- exhibitionistisch tat sich die Welt mit Tor und Türen vor mir auf –

Diese Zeile schrieb ich und ließ sie als Anfangszeile eines möglichen Gedichts stehen. Es ist sprachlich nicht vorzeigbar verhält sich jedoch in dem Sinne weiter, dass es die Idee formuliert, der Mensch werde mit seiner Geburt in eine für ihn vollkommen nackte Welt geworfen. Doch bereits wenige Zeit später, wird dem Menschen die bloße Welt mit Wort und Sinn, (Geklang und Geklimper heißt es im Gedichttext weiter) bekleidet. Die Welt wird dem Menschen hinter seiner Sprache versteckt und dort bleibt sie ihm womöglich zeitlebens verborgen.
Natürlich kann jetzt im gedachten Gedicht ein Punkt der Erkenntnis folgen, demnach eine tragische Wendung. Denn wie kann der Mensch ankommen gegen etwas, womit er sich und seine Umwelt definiert oder auch erst erfährt? Obwohl er nun weiß, dass genau dieses es ist, nämlich die Sprache, was ihm die Welt vermantelt also ihm die Weit- und Fern- und vielleicht auch die Darüber-Hinaus-Sicht einschränkt? Kann der Mensch, die ihm angetragene Sprache ablegen und sich gleichzeitig der Nacktheit, den offenen Toren und Türen der exhibitionistischen Welt aussetzen?
Wenn die Sprachfähigkeit jedoch eine Notwendigkeit zum Verständnis bildet, wird der Mensch die nackte Welt wohl kaum erkennen und verstehen können. Also nähern wir uns nach dem Erkenntnispunkt im Gedicht einem dramatischen Schluss an?
Ist der Mensch durch seine notwendigen Mittel begrenzt?

Donnerstag, 16. April 2009

Es ist eine spröde Zeit der Sprache. Die Wissenschaft raubt den Glanz und lässt ihn uns gleichzeitig erst begreifen. Diesen Glanz, der überall hindurch glimmt, der hier und dort unfassbar dennoch immer vorhanden bleibt. Ich stecke wie in einem Mantel aus Unkenntnis, und an diesem Mantel die Knöpfe zu lösen allein, ist, als risse ich mir in die Haut, ins eigen Fleisch und Blut.

Während die Stadt ihre Trümmer beseitigt, während der aus Afghanistan nicht mehr hier sondern anderswo ist, während seit Monaten keiner mehr kam und mir einen Gedichtband schenkte, habe ich zu studieren begonnen. Beklemmt sitze ich zwischen meinen Lebensstühlen. Dem einen, der mich zur Arbeit gehen und das Alltägliche bewerkstelligen heißt, auf dem anderen, der meint, ich sitze allerorts nur auf der Arbeit, im Alltäglichen nicht am rechten Platz. Und wie ich mir die Stühle aneinander rücke, nicht mehr zwischen ihnen zu sitzen, rücke ich ab.

Vor mir tut sich exhibitionistisch die Welt mit ihren Toren und Türen auf.

Was nutzt es, den Regen zu verstehen, wenn die Verwüstung längst begonnen hat? Was nutzt mir die literarische Landschaft, wenn ich mich in ihr wie auf einem Minenfeld bewege?

Ich schleiche durch die Treppenhäuser der Sprache, höre den Nachklang mir ferner und fremder Schritte. Luge nur mit einem winzigen Blick hinaus und nebenher und sehe nichts als die sich entblößende Welt.

Samstag, 14. März 2009

Alles ist mir, in Anbetracht der täglich stattfindenden Tatsachen, zuwider, jeder Schritt auch nur der kleinste, jede mühelose Geste, jedes Dahin und Daher. Ich fühle mich zellophanen und mit aufgedrucktem Verfallsdatum. Eine chiffrierte Zahlenfolge, von der ich nur ihre Bedeutung weiß, sie zu entschlüsseln aber nicht verstehe. Wann und wie meine Zellophanhaut reißt, weiß ich nicht, nur dass es geschehen wird, ist sicher. Und in der Sekunde vor dem eintretenden Moment, möchte ich nicht mühelos sein, möchte viel mehr kurz aufschimmern, nur einen Augenblick, einen Lidschlag lang glimmen und glühen, nur irgend ein kleines Licht möchte ich vor dem Sterben sein.

Mittwoch, 4. März 2009

Ich sitze auf einer Stadt, die sich senkt, einsenkt, aussenkt, hinabsenkt. Ich bin untertunnelt und sehe die Staubwolke aus den Nachbarhäusern kriechen, wie sie sich aus Stein und Gebälk drängt, wie sie drängt und herannaht, als wolle sie allein noch mehr einreißen. Ich greife mit meinen viel zu kurzen Armen und Beinen an die viel zu weit auseinander liegenden Wände, greife um mich und versuche zu halten, was ich halten kann, während vor den Häusern, die einsinken und wegsinken, Menschen in alle Richtungen laufen, als läge in allen Richtungen ihr Überlebenswille. Und als wäre das allein eine Garantie, rennen sie und rennen staubig, wie die Wolke, die sie vorantreibt, rennen und vergessen ganz, dass die Stadt sich in allen Richtungen senkt.

Die Stadt hat ihr Gedächtnis verloren, sagt die Stadt am Morgen nach dem Absturz über sich selbst. Sagt kaum etwas über die Vor- und Nach-, die Rück- und Nebenwirkungen. Sagt nichts über einen wie mich, der ich hier sitze und mit allem, womit ich halten kann, hält. Die Stadt sagt, die Untertunnelung ist allerorts, und dass man die Hohlräume nicht füllen könne, weil dann könne man sofort ihr Herzkreislaufsystem lahm legen. Die Stadt macht von sich reden. Vielleicht auch, weil sie das Gedächtnis verloren hat und nur vom Jetzt und Morgen leben kann, weil sie seit Gestern ein neues Denken und Andenken trägt. In sich selbst, in ihren Tiefen, die tiefer werden und alles Oben Lebende hinabreißen. Die Stadt macht Reden von sich, weil Reden ein Versuch ist, sich ins Gedächtnis zu rufen, und wenn die Stadt schon kein eigenes mehr hat, dann muss sie sich in das Gedächtnis der anderen bringen.

Und während ich auf diese weit auseinander liegenden Wände beschränkt bleibe, treiben vor den Häusern Menschen, wie eine Wolke umher, zerstauben in alle Richtungen, weil man auf der Straße ein Zittern bemerkt, eines, das ganz von Unten, aus den anorganischen Hohlräumen der Stadt nach oben drängt. Eines, dass sich Zentimeter breit durch Stein und Gebälk reißt. Und ich sehe wie aus dem Zittern eine Wunde wird, wie die Straßen und Häuser aufreißen.

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Es ist die Stadt, die schuldlos und still vor mir liegt.