Mittwoch, 4. Februar 2009


„[…] Das Vergessen oder die Deformierung bestimmter Erinnerung … […] (Halbwachs)


Die Deformierung bestimmter Erinnerung. Wie schön und Sinn verändert sich der Ausdruck Vergessen formulieren lässt. Natürlich modifiziert der Mensch seine im Gedächtnis gespeicherten Erinnerungen. Ob nun bewusst oder unbewusst, spielt hierbei keine Rolle. Die Tatsache an sich ist ausschlaggebend.

Das Gedächtnis, diese Werkstatt im Meisterwerk Gehirn, in der sortiert und unsortiert die unterschiedlichsten Dinge aufbewahrt sind und zur unterschiedlichsten Zeit in unterschiedlichster Weise angewandt werden, ist wohl ein Ort unfassbarer Ausmaße. Wobei der Begriff Ort nicht als räumliche Gestalt gedacht werden darf. Wahrscheinlich ist in Betracht von Deformierung Werkstatt sogar ein passender Ausdruck. Im Gedächtnis wird geschraubt, gehämmert, gemeißelt, zusammen gesetzt, getrennt, gebogen, begradigt usw. usw..

Man könnte beginnen, eine Geschichte im Gedächtnis spielen zu lassen. Dort hinein einen Gegenstand zu setzen und dann die Arbeiten beobachten. Aber man könnte auch aus dem Gedächtnis hinaus treten und von Außen betrachtend untersuchen, was geschieht, wenn die unterschiedlichsten Dinge zur unterschiedlichsten Anwendung kommen. Am Beispiel menschlichen Verhaltens die Deformierung oder Formierung des Erinnerbaren ausprobieren. Soweit es fassbar sein kann.

Aber in welcher Art arbeitet das Gedächtnis eines Schriftstellers in seinen Werken mit? Worauf greift ein Mensch zurück, der soweit ausgreift, ein ganzes Figurenpersonal mit Erinnern und Vergessen zu bestücken?
Bedeck deine Scham, ich habe genug abgestandenes Leben gesehen. Seine großen Hände suchen ineinander Halt, gerade so, als hätten sie nicht gewusst wohin, hätte sie den Rock nicht wieder über ihre Hüften gezogen, so wie sein Mund, seine ganze Mannsgestalt es ihr geheißen haben.
Als er an ihre Tür klopfte, hatte sie mit seinem Kommen nicht gerechnet, sie hatte gedacht, er würde nie wieder zurückkehren, würde nie wieder seine Pranke in ihren Nacken und seinen Kopf an ihren Hals legen. Als er gegangen war, flüsterte sie ein Lebwohl in die Winterluft, die ihre Lippen so rissig gemacht hatte. Und nun steht er hier, steht in ihrem Raum und spricht von ihr, spricht mit ihr von ihr wie von einem leblosen Tier. Du hast kein Leben mehr zwischen den Beinen. Er zündet sich eine Zigarette an und beobachtet sie, wartet darauf, dass sie auffährt, wie eine Furie auf ihn einschlägt mit diesen kleinen Händen, die keine Fäuste sein können, mit ihnen auf seine Männerbrust schlägt, als gelte allein diese Geste als ein Ausdruck ihrer Gewalt.
Was willst du? Sie zittert weniger vor Angst oder Aufregung als viel mehr vom übermäßigen Kaffeegenuss. Seit Tagen trinkt sie nur Kaffee, versucht sich die Nächte lang wach zu halten. Seine Lippen gehen auseinander, als wollten sie antworten, und sie zittert, ohne dass er es bemerkt, zittert seiner Antwort entgegen. Aber seine Lippen versinken nur im Zigarettenqualm, der vor ihr aufsteigt.
Was willst du? Sie ist nicht zur Furie geworden, hat nicht mit ihren Händen, die keine Fäuste sein können auf ihn eingeschlagen. Stattdessen steht sie und zittert, während seine Lippen unablässig Qualm ausstoßen. Ich habe die Stadt nach was Lebendigen abgegrast. Ich dachte, irgendwo muss doch noch Leben sein, in irgendeiner Möse muss doch ein Herz schlagen. Beim Wort Möse ist sie zusammengezuckt, als hätte sie den Ausdruck von ihm nicht erwarten können, dabei kennt sie ihn. Wie er jetzt die Stirn ans Fensterglas lehnt, er schwitzt, denkt sie, und sie kann es sehen, sieht seinen Rücken, das Dreieck, was sich gleichschenklig von seinem Nacken nach unten hin ausbreitet. Und sie spürt etwas, was keine Wut, keine Enttäuschung sondern nur Mitleid sein kann. Deswegen können ihre kleinen Hände keine Fäuste werden, obwohl sie es doch wollte. So oft schon, wenn er da am Fenster stand und von seinen Streifzügen erzählte.
Anfangs dachte sie noch, sie ist ihm mehr als die übrigen. Weil er zu ihr immer zurückkehrte. Sie meinte, bei ihr findet er sich, wo auch immer er verloren gegangen war. Er geht, sie wartet, er kommt und bleibt für eine Zeit. Eben so lange wie er braucht sich zu finden. Aber das letzte Mal hatte sie ihm gesagt, sie werde nicht warten, werde nicht immer nur warten und mit jedem Mal älter werden. Er lachte, aber sie meinte, was sie sagte, meinte vor allem das Lebewohl ernst, was er schon gar nicht mehr hörte. Und nun lehnt seine schweißige Stirn an ihrem Fenster, wo er einen Halt sucht, Halt mit Aussicht.
Ich krieche in jeden beschissenen Winkel dieser Stadt, in jede beschissene Ecke der Weiber, aber glaubst, es wäre irgendwo oder in irgendeiner etwas gewesen? Es kostet ihn Kraft die Tränen zu halten. Dieser Berg von einem Mann. Er schwitzt sich aus. Das wird mich verraten, denkt er, aber die kennt doch auch nichts, weshalb bin ich eigentlich zurückgekommen. Ist dasselbe, du bist nicht anders. Seine Stirn hat sich mit einem Geräusch vom Glas gelöst und seine Augen treffen sie. Er sieht sie zittern –
Leblose Scheiße lässt sich auch nicht wieder beleben. Er nimmt seine Pranke von ihrem Nacken, löst seinen Kopf mit einem ähnlichen Geräusch wie vom Fensterglas von ihrem Hals. Lebwohl.

Sonntag, 18. Januar 2009

Ich weiß nicht, wohin mich meine Gedanken treiben und ob das Eigentliche gedanklich zu erreichen ist. Man scheidet sich an der Frage, ob körperliches oder geistiges Sammeln zu dem führt, nach dem man sich unentwegt auf der Suche glaubt. Bisher ist mir niemand mit einer eindeutigen Antwort begegnet. Und ich fühle mich im Leben wie in einem ewigen Strom um einen Strudel, dessen dunkle und verborgene Tiefe, dessen unerreichbare Mitte den Lebendigen dort jenes erahnen lässt, wonach er sich auf stetiger Suche fühlt. Immer nur kreist man darum herum, wie ein Staubkorn, das von etwas Schwerem angezogen und in Bewegung gehalten wird. Aber dass wirklich mal einer eingetreten und mit der Erfahrung, die er dort getan hat, zurück vor die Menschen gegangen wäre, davon ist mir nichts bekannt. Wer einmal die schwarze Mitte des Strudels erreicht hat, so scheint es, kehrt nicht wieder zurück. Sodann scheidet die Masse im Strudel sich weiterhin an der Frage nach Körper und Geist, nach dem Eigentlichen, das sie allerseits und jedweder Handlung zugrunde meint. Beinahe so wie die Planeten und Monde eines Sonnensystems unwissend um diese eine Sonne kreisen. Immerwährend.


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Wenn das Erzählen aber eine Kunst ist und das Betrachten des Erzählten für manchen Unterhaltung für den Genauen jedoch eine Wissenschaft, was ist dann die Literatur? Ist sie, kaleidoskopisch unter die Lupe genommen, eine Art Natur, die dem Einen als große Einheit, als Ganzes, dem anderen als biopsychischer Prozess und dem Dritten gar als einfach nur gegeben erscheint? Ist sie schon immer anwesend, und wird erst durch den Schriftsteller in Teilen sichtbar (durch den Leser erlebbar), tritt sie demnach jederzeit allerorts ans Licht, wo in der Kunst Stimme, Wort und Zeit eine Einheit bilden? Und ist diese Kunst so Raum gebend, dass Millionen Menschen sich in ihr aufhalten und von ihr leben können?

Sonntag, 21. Dezember 2008

Notiz über das Vertrauen

Inwieweit kommt das Anvertrauen an einen Menschen einer Selbsthäutung gleich? Und nach welchen Maßstäben wählen wir diesen Menschen aus, mit welchen Tugenden begegnet er uns, dass wir uns ihm hingeben, uns vor seinen Augen und seinem Herzen gänzlich bis auf das truglose Fleisch enthäuten?

Es mag eine Notwendigkeit sein, ein innerer Drang, der uns veranlasst nach diesem Menschen Ausschau zu halten, nach dieser Gelegenheit zu gieren und sie zu ergreifen, sobald sie sich bietet. Zu zeigen wer und was man hinter aller Fassade ist, ist eine von Geburt an in uns schlummernde Begierde. Eine Lust zur Entfaltung, eines Aufblättern all dessen, was man verborgen haltend gepflegt und gedeihen lassen hat. Nichts anderes tun wir, während wir auf der Suche nach dem richtigen Menschen sind, nach diesem einen, dem gegenüber wir meinen, das Häuten sich lohnt. Wir hüten und umsorgen unser Innerstes, so dass es sich in den wunderbarsten Farben und Tönen dem eröffnet, den wir auserwählen.
Notiz über das Denken

Liebensfähig heißt lebensfähig sein. Das haben viele kluge Köpfe durchdacht. Nun stelle man sich einen vor, der sich selbst unter die Haut geht, sich zerlegt und zur Erkenntnis gelangt, ihm fehlt diese Liebensfähigkeit, die doch überlebensnotwendig ist. Man stelle sich diesen armen Kauz vor, wie er erkenntnisreich zwar aber zergliedert an der Tatsache seiner Unfähigkeit zu Grunde geht. Und nun bedenke man, ob es für diesen einen nicht lebensrettend gewesen wäre, wäre er sich nicht bis aufs Innerste gegangen. Und überkommt einen da nicht die Traurigkeit, wenn man erblickt, welche Wirkung der Erkenntnis folgt?

Samstag, 20. Dezember 2008

Ich stecke irgendwo in der Zeit, in einem unbekannten, nicht definierten Raum, einem Punkt, der sich nicht ausrichten lässt. Ich bin weder jung noch alt, ich stecke inmitten, bin dahinter und bleibe knapp davor. Als stände man auf einer Brücke und kann sich für kein Ufer entscheiden. Steht also, weilt und wartet wahrscheinlich solange, bis die Brücke bricht.

David sagt: Der Körper ist auf einen Planeten beschränkt.
Ginka sagt: DU wirst Montag ein blaues Wunder erleben.
David sagt auch: Der Gedanke kann uns in einem Augenblick in die entferntesten Gegenden schicken.
Ginka sagt dann: Mond wird Mund. Du lässt dich gehen.

Und beide beginnen das Mondlied zu summen. Ich höre sie. Und sie wissen nicht, dass sie nur in meinem Kopf zusammen existieren, nur mir bildlich in Erscheinung treten, wie sie jeder für sich sind oder waren. Denn ich kenne sie nur aus einer Zeit, die gewesen, längst abgeschlossen und nur in Bruchstücken anhaltend ist.

Die Zukunft wird der Vergangenheit ähnlich sein. Behauptet David. Also ist das, was mich erwartet, dem, was ich kenne nicht fremd. Ich werde alt und wie ich schon immer gewesen war sein.



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ginka steinwachs
david hume

Dienstag, 9. Dezember 2008

Die Zeit altert ihn aus den Kleidern, und die Einsamkeit lässt ihm das Herz hart wachsen. Es vergreist und schlägt dennoch einen Takt, der ihn antreibt. Wenn dieser Rhythmus nicht wäre, denkt er zuweilen, könnte er zur Ruhe kommen, sich ausklingen lassen und dem Sterben in die Hände geben. Aber solange das asphaltierte Herz hämmert, wird er dorthin zum Stillen nicht kommen. Er faltet die Hände über den Bauch, senkt den Kopf in den Nacken, fühlt durch die Haut sein hartes Herz schlagen und lauscht der Nacht. Wie sie hereinbricht, als wäre sie seit Jahr und Tag angemeldet gewesen. Stürzt durch Türen und Fenster, vergreift sich an allem, nicht nur an fassbaren sondern auch an allen unfassbaren Dingen. Und so geschieht es immer wieder, dass sie auch ihn ergreift. Sein Körper ist vom Dunkel des Zimmers kaum länger zu unterscheiden. Wie die Dinge im Raum, verliert er an Farbe, an Kontur. Bis von allem nur noch ein Umriss, eine Ahnung im Dunkel zurück bleibt. Die Nacht macht vor seiner Haut nicht Halt. Sie dringt tiefer, dringt ein, erreicht durch die Blutbahnen das Herz, breitet sich aus, dunkelt ihn innenwendig. Wenn es gelinge im Dunkel zu sehen, man sähe die Nacht durch seine Haut kriechen und aus seinem Mund atmen. Da, wo man die Wunde am wenigsten vermutet, ist sie am wehesten, sagte er, als er noch unter Menschen war.
In der Einsamkeit wird der Superlativ unablässig. Man ist nur sich selbst Freund oder Feind. Wenn es dem Einsamen schlimm ergeht, so ergeht es ihm am schlimmsten. Sein Leid ist das größte, seine Liebe die tiefste, seine Wirklichkeit die wahre. Der Einsame ist sich selbst Maßstab aller Dinge und Angelegenheiten.