Sonntag, 9. Januar 2022

Zwischen Hirnbalken


Zwischen meinen Hirnbalken ein Knarren und Knirschen. Ich lese Sätze und verliere Worte. Verliere Sinn und Verstand. Immer auch ein wenig des eigenen Verstandes. Bleibt auf der Strecke, bleibt liegen, bleibt stehen, bleibt mit irgendetwas von mir erhoben an irgendeinem Streckenabschnitt und bleibt dort wirklich so. Und den einen oder anderen, der auf der Suche ist, den schicke ich dann, schicke ihn auf meine Lebensstreckenabschnittswege, schicke den einen oder auch den anderen dorthin, wo ich etwas von mir auf der Strecke verloren gegangen glaube. Und dann staune ich, wie das von mir Verlorengeglaubte mit dem einen oder auch dem anderen steht, manchmal sogar, als wollten sie die Arme umeinander legen, wie sie dort stehen, dort, an Ort und Stelle wo sie sind, wo der eine oder der andere das von mir Verlorengegangene gefunden hat, dort auf diesem Streckenabschnittsposten, dort stehen sie, beinah Arm in Arm, und ich sage mir, wer so steht, muss auch warten können.
Muss warten können.

Zum Beispiel darauf, wie ich werde sein können, nachdem die Abrissbirnen meine Hirnbalken abgeräumt haben werden. Wie ich werde sein können, nachdem Verluststrecken wieder aufgenommen worden sind, Verlustverschüttetes wieder aufzurütteln, also wieder anzureimen. Oder auch anzudichten. Mit einer Heißlustpistole vielleicht, Heißluftpistole. Heilluftpistole.

Von Unterarmsommern habe ich gesprochen, von Wüsten- und Kalklandschaften. Ich reime mir alles, reime und dehne, sodass es mir in meine Wortschatzkiste passt. Wortschatzkisten mit Verschluss- und Verriegelmöglichkeiten. Einweggläser. Gläser für nur einen Weg aber auch Wegwerfgläser. Man weiß nie, wie dieses weg und weg oder Weg und Weg zu lesen zu verstehen ist. Einwegdinge. Dinge, die nach nur einem Weg weg zu legen sind. Abseitsstellung. Und das schon aus der Etikettierpistole. Kettentierpistole. An die Ketten gelegte Tiertötungsmaschinen. Langlebvernichtungsanlage.

Die Hirnbalken dehnen und biegen sich. Manchmal leide ich unter den Gewichten. Bin kaum fähig in die Kopfhöhe zu stemmen, was zu stemmen ist. Mit aller Kraft, die für mich immer auch Gewalt ist, anstemmen. Gegen sich selbst.

Gedankenreederei. Einer legt ab, der andere legt an. Man setzt über. Kreuz- und Queerfahrten, Linienverkehr. Fracht- und Hafenanstalt. Meinen Kopf aus Trübem fischen.

Drüben war und ist und wird immer die andere Seite sein.

Wortschatzkisten. Im Keller habe ich begonnen, die Ausdehnung aller möglichen Inhalte zu berechnen. Im Keller habe ich gestapelt, sortiert, ausgedehnt, eingenommen, einwegfest gemacht, poliert und verstellt. Habe mir alle Zugänge verstellt. Nun knirscht und knackt es zwischen den Hirnbalken.


(alter Text .... wer weiß von wann? ;)

Donnerstag, 4. November 2021

Wetterwechsel

 Ein wenig fühle ich mich in alle Gegenden zerstreut. Mein Kopf denkt ostwärts, obwohl vom Süden die Winde wehen, die mich frösteln lassen, sodass ich die Arme um meinen gebeugten Körper lege. Das Herz höre ich schlagen als schlüge es im Norden Feuerholz, der windigen Kälte beizukommen. Ich schaue auf Schilder, die in alle Richtungen weisen und ich weiß nicht, ob diese Richtungen für mich zukunftweisend sind.
Ab November bin ich weg. Das stimmt, das habe ich gesagt. Ich habe das gesagt und dir die Hand in die Hand gedrückt. Ich habe gedrückt und meine Augen unter Kontrolle gehalten, meine Worte bestimmt und knapp gewählt, ich habe geatmet und still gestanden. Während deine Augen keine Ruhe fanden, deine Worte brüchig waren, deine Atmung kurz und wiederholt aussetzte, habe ich still vor dir gestanden. Ich weiß nicht, wie viel Zeit in dieser Ewigkeit vergangen ist. Hinter mir legte ich leise die Tür ins Schloss. Ich ließ dich stehen, durch das Glas deiner großen Fenster wusste ich dich in die Leere schauen, die entstand, als ich aus deinem Raum hinaus trat. Ich sah dich und ging weiter, weil die Gegenden mich trieben, mich immer noch treiben. Ich sah deine Winde, deine Regenschauer, deine glühenden Sommer. Ich sah dich in deinen Unwettern untergehen.
Dass ich anderen Wettern nicht begegnen werde, wenn ich immer nur um dich kreise, sagte ich dir nicht. Ich sagte nicht, dass ich zweifele und den Winden, die mich treiben nicht unbedingt vertraue. Aber dass ich an Ort und Stelle nicht länger sein möchte, das sagte ich dir.
Tag um Tag entferne ich mich, sodass Anfang November in deiner Nähe nichts mehr von mir übrig sein wird.

 

2019

Aushalten

Seit Tagen halte ich aus. Oder Wochen? Jahre? Ich halte Ausschau nach den alten Kleidern meiner Mutter, ich halte die Hand meiner ungeborenen Schwester, ich halte das Kind aus dem Nachbarhaus aus, ich halte die Haustür im Rahmen einen spaltweit offen, dass mein gehirnzersetzter Vater den Weg zurück und an den Tisch findet. Der Geruch gebratenen Fleisches hilft manchmal.


Mutter war den Menschen, die kamen und gingen, als Drogen-Petra vertraut. Es gibt keinen Knochen, sagte sie, den sie sich nicht gebrochen habe. Meine Mutter war keine schöne Frau und vielleicht deswegen hat Vaters Gehirn mit der Zersetzung angefangen. Weil die Drogen-Petra nicht schön, weil jeder Knochen in ihr gebrochen war und weil sie jetzt nicht mehr da ist.

 
Eines Tages, ich hielt Türen und Tore offen, sagte Mutter, sie gehe und komme nicht wieder. Ich hielt den Mund, ich hielt meine Brust, die von innen her schmerzte, ich hielt die Enge meiner Lunge aus. Nur kurz legte ich mich auf den Boden, die Beine in die Höhe zu recken, wieder zu Kraft und zu Atem zu kommen, mich nicht übergeben zu müssen. So lag ich auf dem Boden zwischen den Türen, lag in der kalten, schweißigen Haut einer Frau, die ich unmöglich sein wollte. Mutter stieg über mich hinweg, Vater schaute durch das von Fassadengrau müde gewordene Fenster. Die Küche blieb kalt.


Vater wird von der Polizei zur Wohnungstür gebracht. Sie klopfen, auch wenn die Tür immer einen spaltweit offen steht. Vater, der in Unterhose durch die dunkle Stadt streunt, Vater, der die Klingelbretter der Nachbarhäuser drückt. Manchmal sehe ich, wie nachts die Fenster in den Häusern plötzlich aus der Dunkelheit hochschrecken. Ich sehe das und weiß, sie erschrecken vor meinem Vater. Vater, der mich nachts an den Haaren reißt und seine Drogen-Petra sucht. Vater, der gern einfach mal zuschlagen würde.


Die Haut, in der ich unmöglich habe groß werden können, ist grau. Ich habe aufgehört in spiegelnde Flächen zu schauen. Ich halte diese Haut aus, wie man zerschlissene Kleidung aushält. Auch weil sie bequem geworden ist, trotz der Risse und Löcher. Ist nicht schlimm, wenn da noch etwas drauf kommt. Macht nichts.


Nachts schlafen die Menschen doch, sagt einer der Polizisten und schiebt meinen unterhosenbekleideten Vater durch die Tür hinüber zu mir. Ich nicke und denke an Mutter, die der Geruch gebratenen Fleisches nicht mehr zurückgeholt hat. Der dunkle Flur drückt mir in den Rücken, Vater schreit und würde gern zuschlagen. Egal wohin oder wen. Ich fühle mich genau wie mein Vater sich verhält. Der Polizist wünscht mir alles Gute. Ja, sage ich, und schließe die Tür.

2019

Samstag, 9. Januar 2021

 

Nur weil ich nicht um Ecken denken kann, heißt das nicht, die Welt sei rund. W. sagt, alles was sich sagen lässt, lässt sich klar sagen. Also behaupte ich, alles was sich denken lässt, lässt sich wenden, winden und wirbeln. Und dennoch bleibt es nur gedacht. So wie ich an W. denke und Worte sage, die nichts als Worte sind und Gedanken waren. Dabei stehe ich vor mir als stände ich neben mir und schreie. Schreie, dass jedes Wort zum Akt wird. Zu einer Tat. Ich schreie Gewaltakte und schreie gegen mich selbst an, wie ich stehe und nicht um Ecken denken aber doch schreien kann. Mit der Welt, wie wir sie kannten, ist es vorbei, schreie ich. Es ist aus und vorbei. Die Welt, wie wir sie ohne Ecken und Kanten immer nur rund und schön redeten, gibt es nicht mehr. Nichts, außer der Welt, gibt es mehr, seufze ich und warte auf deine Reaktion.

W. ist Altweibersache und Gabriel nicht der Engel, für den ihn alle halten. Denkmuster sind Strickmuster und die alten Weiber kennen sich bestens damit aus. Unterschätzt die alten Weiber nicht, schreie ich. Sie wissen mit den Händen mehr anzustellen als manch einer sich denken kann. Altweiberhände sind dem verschlissenen Rollendenken längst voraus. Um Jahrhunderte vielleicht. Ich schaue dich an und weiß, du traust mir nicht. Mir würde ich ebenso wenig vertrauen wie einer morschen Holzbrücke über reißendem Strom.

Wenn eine dir sagte und dann nicht weiterspräche, was würdest du tun? Was würdest du tun, wenn eine sagte, die Welt gibt es nicht und im selben Atemzug seufze, nichts außer der Welt gäbe es? Würdest du schweigen und meinen, die, die da spricht sei frei von Sinnen? Würdest du dich wagen und einen Schritt auf sie zugehen, auf die morsche Holzbrücke über reißendem Strom? Und wenn du wüsstest, dass die, die das sagt, Altweiberhände hat. Was würdest du tun?

Ich habe gesehen, wie ein Wort sich aus dem Wort herausschält und Handlung wird. Eine Tat. Ich habe es gesehen, habe sie stürmen, rennen und schreien gehört. Mit eigenen Augen und den Ohren vieler. Weil immer alle die Ohren aufsperren und dann die Münder dazu und die Augen, die Augen auch. Ich stand und wollte stehen bleiben, kam ins Straucheln, fiel und wurde mitgerissen. Mit offenen Augen trieb ich mit und sah immer mehr Worte sich schälen und häuten und Taten werden. Den Taten werden Schuldige folgen.  Sie werden ihnen hinterher trotten, wie anderen dem Wort, welches Glück bedeutet, nachjagen. Wie die Hunde der Fährte. Ein Jagen und Hetzen. Die Meute sind Leute.

Und jetzt lasse ich den Taten meine Worte folgen.

 

Lektüre, die den Text auslöste

Warum es die Welt nicht gibt (Markus Gabriel)
Tractus logico-philosophicus (L. Wittgenstein.

Freitag, 3. April 2020

Ich weiß nicht wann die Zukunft sich ändern wird


Ein wenig schiebt sich mir die Angst in die Schuhe. An den Fersen scheuert sie wund. Ich sehe den Weg durch die Gänge, vorbei an tausend Betten, vorbei an tausend leeren Betten mit Gestellen und Geräten ausgerüstet. Ich gehe ohne meinen Mund oder meine Worte zu schützen, ich gehe vorüber an dieser hochgerüsteten Bettenarmee und fühle die Angst Nägel in meine Fersen schlagen.
Ich atme ein. Ich atme aus. Ich gestehe dir meinen schweren Gang, die Angst in den Schuhen, ich gestehe dir, dass ich nicht weiß, wann die Zukunft sich ändern wird. Du lachst und schlägst mir auf den Hinterkopf, als wolltest du mir einen fremden Schalk aus dem Nacken schlagen. Ich greife deinen
Arm und werde laut. Du lachst einfach weiter und windest deinen Arm aus meinem Griff. Du warst immer schon stärker als ich. Ich lasse dich lachen und gehe langsam weiter, die aufgerissene Haut an den Fersen spürend. Deine Haare zittern. Jedes einzelne Haar zittert. Die Angst, denke ich, dich hat sie bei den Haaren gefasst und wir gehen weiter, legen auf jedes einzelne Bett einen ultrasteril verpackten Einmalbezug. Einmal und dann nie wieder, denke ich. Einmal zwischen diesen Betten wandeln, einmal diese Luft aus den Maschinen atmen. Und dann nicht mehr.

Ich weiß nicht, wann und ob sich die Zukunft ändern wird.

Hinter oder über uns, ich kann es nicht genau orten, ertönt das Dauerdröhnen der Wachdrohnen, eine automatische Stimme weist uns an, den vorgeschriebenen Abstand zu halten, nicht stehen zu bleiben. Und dann die strengere Zurechtweisung: Keinen Körperkontakt! Gehen sie weiter, erledigen sie die Arbeit zügig! Das Drohnensurren wird dringlich, droht. Deine zitternden Haare streichst du dir gekonnt zwischen Gummi und Ohren, ich sehe deine schmalen Finger, dein Lächeln sehe ich hinter dem Mundschutz nicht. Ich fühle mich ungeschützt und ziehe die Atemmaske über Mund und Nase. Die Drohne begleitet uns noch einige Meter, sie surrt und spricht in kurzen Abständen. Die automatisierten Anweisungen sind keinem Geschlecht zuzuordnen. Überhaupt ist seit den Abstandsregeln die Geschlechterfrage weniger oft gestellt worden. Durch die Halle, zwischen den Gestellen und Betten schallen unsere Schritte wieder. Wir atmen, wir gehen, wir legen ultrasterile Einmalbezüge auf die wieder unbelegten Matratzen. Hinter uns rückt der Kontrolltrupp nach. Sie prüfen die Beatmungsgeräte. Für den nächsten Tag werden tausend Neuankömmlinge erwartet. Alles muss geprüft, gereinigt und vorbereitet sein. Diejenigen, die zuvor in diesen Betten lagen, sind bereits am Vortag verabschiedet worden. 

In meinen Schuhen schlägt die Angst weitere Nägel, von den Fersen arbeitet sie sich zum Mittelfuß vor. Meine Schritte sind langsam, sind schwer, schmerzen. Die Drohne schwirrt irgendwo durch die Halle, ich weiß, sie haben mich im Blick. Dort in ihrem Kontrollraum, auf ihren großen Monitoren sehen sie mich, sehen uns, wie wir gehen, wie wir arbeiten, sahen, dass ich deinen Arm griff, sahen, dass du stärker bist als ich. Vor ihnen sind wir ungeschützt. Auch außerhalb dieser Halle ist ihr Surren zu hören. Sie sehen auf ihren breitaufgestellten Monitoren wie ich esse, wie ich schlafe.

Was ich denke, sehen sie noch nicht. Aber auch das wird sich ändern. Sie brauchten nur Monate bis alle, die übrig geblieben waren, für ihr System relevant wurden. Wir wurden einfach umgeschult. Seit sechs Wochen bin ich im System als Sterbebegleiterin registriert.

Dienstag, 20. August 2019

Fingernagelrand. Meine Spaziermeile.

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Mit der Zeit gelingen mir Spiralen in der Luft.
Ich fixiere mit den Augen einen Punkt
und dann spiralisiere ich diesen.

Die Luft wirbelt, wirft Staub
in trockenen Mündern auf, zieht ihn mittig
in das Wirbelinnere, zieht den Staub
aus den ungeöffneten Mündern,
spiralisiert sich, solange ich den Punkt
in der Luft mit eigenen Augen fixiere.

Ein Lidschlag und die Spirale bricht in sich zusammen.
Staubige Angelegenheit.

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Bin mit meinen Wünschen und Ideen an den Rand der Realität gestoßen. Wer rubbelt, verrubbelt den Gewinn, denn die Realität muss erhalten bleiben. Manche halten das für wünschenswert. Aber in der Lostrommel schlafen nur Nieten. Das ist die Realität, sage ich.

Mittwoch, 5. Juni 2019

Den Hühnern brennt das Gras unter den Krallen. Das Kindergekreisch klirrt von den Fliesen des Schwimmbeckens zurück, klirrt durch die flimmernde Luft, klirrt gegen Glas, klirrt unter den Krallen der Gehegehühner, klirrt im brennenden Gras. Chlorgeruch liegt mir in der Nase und irgendwo das Gefühl einer Kindheit aus Freilandleben.

Donnerstag, 30. August 2018

Die kurze Zeit deines Lachens

Läufst nachts durch die Straßen und klopfst an die Türen der Nachbarn. Läufst und rufst und klopfst und weißt am darauf folgenden Tag von alledem nichts mehr. Schimpfst mich eine Lügnerin, schimpfst mit Tränen in den Augen, mit bläulich schimmernden Schatten unter deiner weißen, dünnen Haut. Du grübelst und klopfst dir gegen den eigenen Kopf, klopfst und würdest doch schlagen wollen, weil dein Kopf dir unvertraut wird. Vielleicht glaubst du sogar, er käme dir abhanden. Oder aber ich, ich, die Lügnerin. Ich Kassandra in verkehrter Zeitabfolge des Gesehenen, ich käme dir abhanden. Und wie wir alle weinen, weinst auch du, sobald du allein bist, weine auch ich, sobald ich allein bin. Alle weinen wie du weinst.
Deine Hände verschränkst du vor deinem Bauch, die Daumen kreisen umeinander. Du bist unruhig und sagst das auch. So dünn die Haut unter deinen Augen, aber wenn du lachst, siehst du, für die kurze Zeit deines Lachens, glücklich aus.

Sonntag, 19. August 2018

Sagst, du kannst und du willst auch nicht mehr. Sagst das und kraulst dich mit den abgerundeten Fingerkuppen hinter den Ohren. Sagst, das Alles täte dir nicht gut. Und überhaupt! Ja, sage ich. Schlussstrich. Luftmatratze. Blasebalg. Kannst du pumpen und den Stecker ziehen. Luft ablassen. Du sitzt und ich sehe dich kraulen und weinen und schweigen und schauen und fürchten.

Und nichts als die Welt dreht sich weiter. Dreht sich nicht um dich. Nichts und niemand dreht sich um dich. Auch wenn es laut ist nicht. Ich atme. Und das nicht nebenher wie sonst üblich sondern bewusst und deutlich, als solltest du nichts als mein Atmen hören. Hörst du mich!

Dass ich große Knochen habe, sage ich. Und du schaust und kraulst einfach weiter, als hätte ich nichts gesagt. Und ich stehe vor dir, kratze dir den Schorf von den Wunden, kratze und pule bis es blutet. Du sagst nichts. Nicht dazu und auch sonst. Zum Beispiel zum Drehen der Welt sagst du nichts.

Amygdala. Ist ein schönes Wort, sage ich. Hast du Angst? Vor schönen Worten vielleicht oder sonst vor den Dingen, wie sie sind und was sie anzurichten vermögen. Fürchtest du dich? Man sagt nicht umsonst, Hunde können deine Angst riechen. Und dass Stöcke im Unterholz die Angst vor Schlangen lostreten. Amygdala, wiederhole ich. Aber du sagst nichts außer, dass du nicht mehr willst und auch nicht kannst. Und die Angstanlage hast du abgeschaltet, nirgends schrillt Alarm.

Limbisch drehe ich mich ein, winde mich um deinen Balken, der zwischen deiner rechten und deiner linken Weltsicht steht. Säume deine Wahrnehmung,  am Balken wie ein Segel im Wind gespannt. Doch du sagst nichts. Vielleicht weil du jetzt weißt, dass sich nichts, nicht einmal die Welt um dich dreht. Drehdichein. Sage ich und gucke und bete dir die Fachtermini nicht am Rosenkranz aber doch schmerzverzerrt herunter.

Inzidenz. Prävalenz. Morbidität. Letalität von letum, letalis.

All das Wissen hübsch in Worte gepackt. Ich euphemisiere dir gern die Welt, die sich nicht um dich drehen möchte. Auch nicht, wenn du mit den Füßen auf den Boden stampfst. Auch dann nicht!

Mit den Händen halte ich meinen Mund, ihn nicht immer sprechen zu lassen. In all das Schweigen, das auszuhalten gelernt sein möchte, in all dieses Schweigen hinein halte ich meinen Mund mit den Händen. Du sitzt und ich sehe dich sitzen. Ausgesetzt habe ich dich. Hineingesetzt in diese Welt, zu diesen Menschen, die nicht deine Welt zu sein scheint, zu Menschen, die dir nicht ähnlich zu sein scheinen. Da sitzt du nun. Sitzt dich aus. Sage ich. Luftmatratze, Blasebalg.


Was fehlt dir denn, frage ich. Und du suchst mit deinen abgerundeten Fingerkuppen Halt zu finden. Lächerlich!  Mir fehlt es an Worten, mir fehlt es an Zahlen, mir fehlen Gedanken, Gefühle fehlen mir nicht. Mir fehlt ein Verständnis der Dinge, die ich da sage, halte ich mir nicht mit Händen den Mund zu. Mir fehlt eine Reizstärke, die ausreichend wäre, in mir auch einmal etwas loszutreten. Es fehlt mir an Menschen, die schwindelfrei meine Drehdicheinzeit aushalten. Es fehlen die Winde in den Segeln um weiter, um endlich vorwärts zu kommen. Es fehlt mir an Ruhe in der Welt, die sich nicht um mich, aber doch drehen möchte. Dreht.

Dienstag, 14. August 2018

Ich sage immer, mir brennen die Augen und dass das der Ruß der letzten Jahre sei. Auf dem Rad zum Beispiel oder in der Bahn. Wenn ich an der Ampel stehe und mich jemand fragt, weshalb ich weine, oder wenn mir in der Bahn jemand gegenüber sitzt und sieht, dass meine Augen tränen und der mich fragt. Dann sage ich das.

Und es fühlt sich auch so an. Zuerst spüre ich den Rand meiner Augen. Diese zarte, hell schimmernde Haut, diesen Rand, den manche Menschen farblich noch weiter linieren. Genau da beginnt der Brand und zieht sich in das jeweilige Auge hinein und kreiselt inwendig weiter. Es kommt vor, dass das rechte Auge weniger stark brennt. Aber auch andersherum. Dann weidet das Brennen, wird flächig, sodass Tränen hervorschießen, als wollten sie das Feuer löschen. Das passiert in meinen Augen, der Rest meines Körpers bleibt unbetroffen, als wären Abschirmdämme oder Schutzwälle vor den Rändern meiner Augen aufgestellt worden. Der restliche Körper fährt Fahrrad oder sitzt in der Bahn oder steht, geht, liegt. Das hängt von der Uhrzeit ab.

Freitag, 15. Juni 2018

Frühlingsgefühle
Manchmal dröhnt mir der Kopf. Manchmal von der feuchtwarmen Luft, manchmal vom Geschrei der Kinder, manchmal von meinen Lügen. Der Blütenstaub liegt regennass am Boden, dennoch wirbelt der Wind den gelben und weißen Dreck auf, wirbelt ihn über die Wäsche im Garten, über die Räder, die angelehnt an der Hauswand stehen, wirbelt ihn gegen die geschlossenen Fenster. An solchen Tagen im Frühling wünschte ich, es wäre Winter. Die Kinder wissen nichts von der totgefahrenen Katze. Motorradfahrer. Ich habe den leblosen Fellklumpen am Morgen vor der Tür auf der Straße gefunden, habe ihn angefasst, angewidert aufgehoben und hinter das Haus getragen. Ich habe für Minimiez ein Loch gegraben. Erst wollte ich die von den Kindern aufgestapelten Äste anzünden, habe es mir dann doch anders überlegt.  Weil die Wäsche schon hing, und ich nicht wollte, dass die Wäsche nach verbrannter Katze riecht. Deswegen habe ich ein Loch gegraben während die Kinder noch schliefen. Als sie dann wach waren und durch das Haus tollten, als sie herum liefen und die Katze riefen: „Minimiez. MIIIIIIInnnnnIIIIIImmmmIIIEEEEEEEEEEEEZ!“ habe ich sie schreien lassen. Bis ich dann nicht mehr konnte. Ich habe die Kinder angeschrien, sie sollen jetzt endlich den Mund halten und still sein. Ich sagte, Minimiez würde kommen, wenn sie endlich ruhig und lieb seien. Und dann habe ich sie gefragt, wie das denn sei, so angeschrien zu werden. Mit großen Augen haben sie mich angeschaut und nichts mehr gesagt.
Manchmal dröhnt mir der Kopf. Dann ist es, als wäre ein Schwarm dicker, fetter Hummeln in meinem Gehirn. Und dort drinnen suchen diese Hummeln sich Platz zwischen all den Furchen und Windungen. Sie kratzen mit ihren Beinchen gegen meine Schädelrinde, sie kriechen in die Kanäle und surren und schwirren. Manchmal ist mir, als sitzen diese dicken fetten Hummeln genau hinter meinen Augäpfeln, da in diesen Höhlen.
Die Kinder rennen jetzt barfuß durch den Garten, dicht an dem Loch, in dem Minimiez liegt, ganz dicht an diesem Loch vorbei. Manchmal treten sie auf die frisch umgeworfene Erde. Ich werde da etwas pflanzen müssen, denke ich und sehe die Kinder schreien. Hier im Haus höre ich sie zum Glück nicht. Aber ihre aufgerissenen Münder, ihre roten Wangen und die Augen sehen nach lautem Gebrüll aus. Ich müsste Kartoffeln schälen, denke ich, Quark anrühren, den Tisch decken, zum Essen rufen. Ich müsste all das tun, tue aber nichts. Ich sehe durch das Fenster auf das Katzenloch, sehe die Kinder und spüre diesem Dröhnen hinter meinen Augen nach.
Ich werde die Kinder schicken, sich etwas zu essen zu holen. Sollen sie doch einen Döner vorn an der Ecke essen. Ist auch gesund. Ich werde sie wegschicken und dann vielleicht Minimiez wieder ausgraben, die Wäsche abhängen. Vielleicht machen wir am Abend ein Feuer? Vielleicht gehe ich in den Keller und hole das Luftgewehr nach oben.

Die Sommer waren warm und blutig

Sonntag, 11. März 2018



All die fein gefädelten Grenzschnüre. All die Maschen und Ängste. All die betretenen Wege um mich herum. Wege aus meinem Elternhaus heraus, Wege nach Westen, Süden und jetzt der Osten, Wege zu Menschen und Wege von Menschen fort, Wege dorthin, wo niemand niemanden im Weg steht.

Meine Wohnung im elften Stockwerk hat raufaserweiße Wände. Keine Fotos, keine Schränke. Die Matratze auf dem Boden, die drei leeren Teller auf dem Fensterbrett. Das Glas Gemüsebrühe neben der Herdplatte, auf der der Topf steht, heute noch unberührt. Elf Etagen zu mir zu kommen. Morgens, mittags oder abends, immer habe ich diese elf Etagen Zeit. 23 Stufen pro Etage.

Selten kommen Menschen zu mir in die elfte Etage. Wenn jemand kommt, klingelt er oder sie am Fuß des Hauses, berührt das Klingelschild, berührt meinen Namen und spricht automatisch die immer gleiche Floskel in den Lautsprecher. Unten am Fuß des Hauses steht dann jemand und spricht mit mir, die ich elf Etagen darüber stehe und nicht durch das Fenster hinunter, sondern auf einen grauen Fleck an meiner Raufaserwand schaue. Der Mann, der die Zähler an den Heizkörpern ablesen möchte, zum Beispiel. Solche Männer kommen die elf Etagen a 23 Stufen zu mir herauf, und ich weiß dann, nach dem Berühren meines Namens werde ich knapp diese elf Etagen Zeit haben. Ich sage knapp, weil bisher keine zwei Menschen genau dieselbe Zeit benötigt haben.

Der Fahrstuhl ist außer Betrieb. Die übrigen Bewohner des Haues stören sich daran. Ich kenne sie nicht, lese aber immer die Aushänge im Treppenhaus. Beschwerdebriefe, Mahnungen an die Wohngenossenschaft, an den Verwalter und auch sonst wird sich hier viel schriftlich beschwert.

Dienstag, 17. Oktober 2017

Ich schreibe, also dachte ich, also fühlte ich. Also war ich oder bin es noch. Weil ich schreibe und dachte und fühlte und fühle und denke und schreibe. Deswegen bin ich. Noch. Und wenn ich nicht mehr bin, werden dort Worte sein. Gedachtes, Gefühltes. Ich werde dann nicht sein. Nicht mehr sein. Es wird nur etwas übrig geblieben sein. Ein Rest.

Ein Rest vom Gedachten, vom Gefühlten, vom Gewicht einiger Worte. Ein Rest von mir.
Ich habe mich ausgeschrieben. Über Mutter und Vater und, Ja, vielleicht aus- und leergeschrieben. „Zum Glück“, werden die einen sagen, „Schade“, vielleicht ein anderer, kleinerer Teil derer, die lesen und lasen. Mutter und Vater mussten herhalten. Mein ICH habe ich strapaziert, habe es ausgeweitet, ausgeweidet, bekleistert und an Wände tapeziert. Habe mein ICH aus meiner Perspektive hervor- und manchmal auch empor gehoben. Mutter, Vater und andere schnitten schlechter ab. Sie mussten herhalten, aushalten, festhalten am Glauben der Tochterliebe.

Ich liebe meine Mutter. Ich liebe meinen Vater. Es fällt mir nicht leicht das zu sagen. Es fällt mir noch schwerer es offen zu zeigen. Distanz ist ein wunderbares Heilmittel, Mittel. Sprechen lernt man nur, was man vorgesprochen bekommt. Eine Zeit lang. Eine ganze Zeit lang ist das so. Dann lernt man auch von anderen, nicht mehr nur Mutter und Vater.

Ich habe mich ausgeschrieben.

Ich habe mich meinem ICH zugewandt und wende mich nun anderen zu. Anderen Menschen, anderen Leben, anderen ICH´S, wie sie leben und denken und fühlen und sind.

Und es wird möglich sein, mich meinem ICH dann anders zuzuwenden. Dinge an- und auszusprechen, die ich bisher nicht sprach. Mich um mein ICH zu kümmern, statt darüber zu schreiben. Und auszuhalten. Dieses ICH in all seinen Zuständen. Weil die Zustände sich ändern lassen werden. Meine ICH-Zustände. Die Wut. Die Angst. Die Verzweiflung. Das Alleinsein. Das Anderssein.

Ich habe mit dem Schreiben das Sprechen gelernt.

Über Stock und über Stein, der Hans fällt immer, das Hänschen sowieso hinein.

Hinein in die Zeit, in das eigene und in das Leben anderer. Die Zeit läuft, die Orte wie die Menschen wechseln. Wo Hänschen hinfiel, bleibt Hans vielleicht nicht länger liegen.

Mittwoch, 13. September 2017

Schlägst deine Worte mit Hammerschwung von oben, immer von deinem Oben auf mich hinab. Stoßworte. Gewaltworte mit Traumaschäden im Gepäck. Verkrümmt verkümmert mein Wirbelwrack. So laufe ich durch die Welt, so laufe ich Tag und Stunde um Stunde, laufe auf dich zu, vor dir davon, laufe bis die Bandscheiben aus den Fugen geraten. Keine Nacht reicht aus, die Knorpelscheiben neu aufzurüsten. Keine Nacht genügt, sodass an einem Morgen das Aufrechtstehen doch noch gelingt.

Hinterlistig mein Krummrücken, sagst du. Arrogant meine Schief-, meine Sonderstellung zwischen dem Aufrechtmarsch deiner Wahrnehmungen. Abgestumpft nennst du mich? Nein. Das hast du nicht gesagt, das stimmt. Du sagtest, so müsse man sein um hier gut zurechtzukommen. Mit mir. So fasse ich das auf. Ich fühle mich angegriffen, fühle mich von diesen Worten umzingelt, verletzt, fühle mich von dir so wahrgenommen. Nein, du hast nicht gesagt, dass ich so sei. Nein. Das hast du nicht gesagt.

Ich schlage die Worte nach.

Hinterlistig: hintenherum, insgeheim, intrigant, ränkevoll, clever, durchtrieben, gerissen, heimtückisch
Abgestumpft: abwartend, passiv, apathisch, desinteressiert, gleichgültig, unempfindlich

Ich fürchte nach deinen  Worten, die du nicht direkt zu mir sagtest (vielleicht aber nur, weil du die Gelegenheit nicht dazu hattest), ich fürchte nun um mein Stumpfsein, mein geschärftes, mein geschütztes Empfinden. Bin ich abgestumpft? Ich stelle mir einen gebrochenen Baumstumpf vor. Spitz, brüchig, Innenleben von Insekten durchstöbert, die Rinde gerissen, zersplittert, das Mark fest und dunkel. Wie lange muss ein Stumpf im Wasser wälzen um seine Spitzfindigkeiten zu verlieren, um abzurunden, abzustumpfen? Bin ich so lange Zeit entrückt, dass mir die Empfindungen nicht mehr klar werden? Ich bange um meinen Empfindungszustand.

Sag doch, sag mir wie du mich erlebst wenn ich rede, wenn ich schweige, wenn ich staune, frage, schaue, mich wundere, mich zu- oder abwende. Wie erlebst du mich denn?

Mein Krummrücken ist die Wölbung, die Folge anderer Vorstellungen. Beuge oder brich? Ist das das Spiel was wir spielen?  

Die Räume in mir, die meine gesammelten Wunden beherbergen, diese Wundräume betrittst du nicht! Abschlusskammern, habe ich sie genannt. Zum Verschluss und Verschleiß gedacht, extra dafür her- und eingerichtet. Nicht einmal in deren Nähe lasse ich dich, nicht dich, nicht deine Hammerworte, nicht deinen Sandkornangriff. Ich bin gewappnet. Den Rücken kannst du krumm schlagen, die Wirbelkörper aus ihren Fugen treiben. Die richte ich wieder ein, die krümme ich zu anderer Zeit in die andere Richtung.


Hinterlistig mein Krummrücken. Ja!

Montag, 11. September 2017

Es verschwimmen die Grenzen. Deine Arme, deine Beine, deine Stimme und auch deine Blicke sind mir zu nah, kreuzen und berühren mich. Ich fühle mich unwohl an Orten meines Körpers, die weit über meine Hautgrenzen hinausreichen. Ich ranke aus mir selbst heraus mit all dem Unwohlsein.
Du gehst durch den Raum und ohne dass du es bemerkst, reihst du Ängste in mir auf. Eine nach der anderen nehmen sie Gestalt an. Zorn- und Wutgestalten. Alle Ängste sind kostümiert und du wählst das ausgefallenste Kostüm,  kürst es zur Verkleidung des Tages und alles in mir beginnt zu schäumen. Ich schäume über, schäume aus Ecken und Kanten, Öffnungen und Hoffnungen meines Körpers, meiner selbst heraus. Ich überschäume mich vor deinen Augen.

Es verschwimmen die Grenzen.

Der Herbst brach in den Sommer. Meine Kleider rissen am Saum, meine Füße zeigen weiße Stellen nur da, wo die Sandalen die Schnüre banden. Mein Bauch zeigt Wölbungen und die Stimmen im Rücken nennen Frauen in meinem Alter „ältere Damen“. Ich werde zu früh gebären. Ich werde im Inkubator liegen und irgendwer steht davor und guckt und guckt und berührt mich, als berührte er oder sie meine Ängste. Nichts als Ängste, die dort intubiert und künstlich ernährt werden. Das Alter schützt dich nicht, sage ich zu mir als glaubte ich das nicht. Ich sage das und baue mir ein Nest aus Jahresringen. Ringe, die mich in meinen Grenzen halten.

Und dann sehe ich dich. Rieche deine Bewegungen, schmecke deine Sprache, deine Stimme, die immer nur tönen. In meinen Ohren immer nur tönen. Und wenn ich wollte, könnte ich dich intubieren, deine Stimmlippen nicht zu umgehen. Und dann …  . Vielleicht wärest du ein klein wenig leiser. So ein klein wenig leise, dass sich meine Ängste nicht mehr von dir aufreihen ließen, so stimmlos wie du deine Befehle gäbest.

Die ältere Dame, die ich dann unkostümiert vor die stände, diese ältere Dame lächelte dann. Schaute dir ins Kindergesicht und würde nichts anderes tun als lächeln. Das sei die Gelassenheit des Alters, könnte ich denken, die Gelassenheit der Ruhe und Erfahrung, würde ich sagen. Komm du erst einmal dorthin, oder komm du erst einmal dort an, wo ich jetzt bereits stehe, würde ich an dein Inkubatorglas klopfend sagen können. Doch ich denke, ich würde nichts sagen, nur gucken und staunen und gucken und staunen, wie eine so kleine Gestalt, so eine Größe hatte annehmen können.

Ich sehe dich und ziehe Hautschicht für Hautschicht meine Grenzen.Hfddd>yDDKWJENFÜIUE



Mittwoch, 16. August 2017



Ich habe gehört, in Amerika hat ein Zweijähriges Mädchen die Mutter mit deren Pistole erschossen. Das ist doch Wahnsinn! Wissen sie, das mit dem Tod, das ist wie mit Streichhölzern, das ist nichts für Kinderhände. Die eigene Mutter erschossen, die ist jetzt nicht mehr und das Kind muss damit leben, muss damit vielleicht 100 Jahre lang am Leben bleiben.

Spricht auch keiner drüber. Der Tod ist so etwas Unausgesprochenes. Bei uns jedenfalls, also in der Familie. Wir sagen dann: der ist nicht mehr. Was ja auch stimmt. Der ist ja nicht mehr. Nicht mehr existent, nicht mehr unter uns, nicht mehr am Leben, nicht mehr zu sehen, zu hören, zu riechen. Einfach überhaupt nicht mehr. Nirgends. Und deswegen lässt sich da auch gar nichts sagen. Wie wollen Sie denn etwas sagen, was nicht ist. Und wie wollen Sie etwas sagen, was sie nicht sagen können?

Um das zu verstehen, muss ich nicht Wittgenstein gelesen haben.

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“, sagt der. Nein, sagt der nicht, ist ja längst tot, hat er aber aufgeschrieben, sodass man es nachlesen kann – noch lange nach seinem Tod. Von dem ist da also doch noch was.



Mütterlicherseits alle tot. Familiäres Todesalter zwischen 40 und 50 Jahren. Familiäre Todesursache: plötzliches Herzversagen.


Soldaten zum Beispiel, ja. Da heißt das nicht einfach, der ist nicht mehr. Heißt auch nicht, der ist tot. Der Umstand, durch den ein Soldat das Leben verliert, habe ich gelesen, entscheidet, was zu sagen ist. Ob der nun ein Gefallener oder ein Getöteter ist. Muss man sich mal vorstellen, als würde das irgendwas ändern. Vor allem für die, die da eben noch sind und noch Jahre vielleicht bleiben. Gefallen ist der Soldat nämlich nur, habe ich gelesen, wenn der durch gegnerische Fremdeinwirkung zu Tode gekommen ist. Ansonsten ist der getötet. Was weiß ich, wenn ein Panzer aus eigener Reihe den umfährt oder so. Oder wenn der rennt, weil der vielleicht vor Gegnern flüchtet und dann einen Herzinfarkt hat. Dann ist der nicht gefallen, wenn der denn dadurch gestorben ist, also durch den Herzinfarkt. Aber getötet ist der dann doch auch nicht, ist eben gestorben, wie wir Nichtsoldaten sterben. Oder?

Wie kommen denn Soldaten zu Tode, wenn nicht durch gegnerische Fremdeinwirkung, und ist das nicht sowieso doppelt gemoppelt. Ist der Gegner nicht immer der Fremde? Sollte es eine nicht gegnerische Fremdeinwirkung geben? Das verstehe, wer wolle. Wenn es also aus den eigenen Reihen kommt, oder? Dann ist das nicht gegnerisch, aber wohl doch ein Fremdeinwirken.

Aber da hält man vielleicht auch besser die Klappe drüber. Über tote Soldaten spricht keiner gern. Über die Gefallenen, ja. Zu deren Ehren und so. Aber zum Beispiel über die, die sich selbst das Leben nehmen, also durch Selbsteinwirkung sterben. Da spricht doch keiner drüber. Warum die das machen oder wie viele das schon gemacht haben. Über Selbstmord zu reden ist eh ganz schwer. Selbsttötung. Ist schon ein hartes Wort und die Tat erst. Die können einem leidtun.

Was rennen die denn auch mit den Waffen durch die Wüste. Wird doch keiner gezwungen. Ich kenne einen, der das gemacht hat, aber der spricht da auch nicht drüber. Hält immer fein die Klappe oder sagt, sie hätten nur Straßen in die Wüste gelegt. Hübsch den ganzen Wüstensand asphaltiert.

Aber wenn du als Soldat durch die Wüste rennst, zum Beispiel, dann hast du dich doch vorher damit auseinandergesetzt, denke ich. Also mit dem Sterben. Da rennst du doch irgendwie dem Tod davon und gleichzeitig jagst du den vor dir her, jagst den Tod anderen in den Nacken, hetzt und hitzt, überhastet und stirbst.